Eine Frau flieht vor einer Nachricht
Roman

von David Grossman, Anne Birkenhauer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser, Carl
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Erscheinungsdatum: 17.08.2009

Rezension aus FALTER 50/2009

Zwei verliebte Mörder tun nur ihre Pflicht

Ein grimmiger Roman über den Gottesstaat Iran: "Teheran Revolutionsstraße" von Amir Hassan Cheheltan

Es gibt großartige Bücher, die zu empfehlen man gleichwohl zögert. So verhält es sich mit dem Roman "Teheran Revolutionsstraße" des iranischen Autors Amir Hassan Cheheltan, der in seiner Heimat zu den bekanntesten Schriftstellern gehört und 1998 dennoch auf eine Todesliste geriet. Damals wurden etliche Autoren, Kritiker, Verleger entführt und später – wie die Dichter Mohammad Mokhtari und Mohammad Djafar Puyandeh – erdrosselt oder erschlagen am Stadtrand Teherans aufgefunden. Cheheltan gelang die Flucht nach Italien, von wo er, als sich die Gesellschaft zu liberalisieren schien, sogleich in den Iran zurückkehrte.
Wie umkämpft die Macht im Staate dort ist, zeigt auch die Tatsache, dass Cheheltans Bücher in den letzten Jahren abwechselnd verboten und mit literarischen Preisen ausgezeichnet wurden. Als 2007 sein Roman "Iranische Morgenröte" für den Staatlichen Buchpreis nominiert wurde, protestierte der eben noch verfemte Verfasser mit dem Hinweis, dass über andere Texte von ihm ein Publikationsverbot verhängt sei.
Die Regierung hat seinen Einspruch mit der bemerkenswerten Begründung abgewiesen, dass sich ein bereits veröffentlichtes Buch nicht mehr im Besitz seines Verfassers, sondern der Gesellschaft und der Leser befinde. So kann in der Islamischen Republik Iran der merkwürdige Fall eintreten, dass ein zensurierter und periodisch mit Verhaftung bedrohter Autor gegen seinen Willen mit staatlichen Preisen ausgezeichnet wird.

Seit einem Jahr lebt Cheheltan in Berlin; in seine Heimat wird er wohl erst zurückkehren können, wenn sich dort die politischen Verhältnisse radikal verändert haben werden. Vielleicht geschieht dies ja bereits eines nahen Tages, denn dass viele Iraner das Regime der Mullahs, der in allerlei unfromme Geschäfte verwickelten Revolutionswächter, der bigotten Schlägerbanden und Sittenwächter längst zum Teufel wünschen, haben die Demonstrationen gezeigt, die das Regime heuer nur mit äußerster Brutalität zu unterdrücken vermochte.
"Teheran Revolutionsstraße" ist ein meisterliches Werk, dessen Lektüre kein Vergnügen, sondern Qualen bereitet. Schahrsad, einer hübschen, lebenslustigen und selbstbewussten jungen Frau, ist das Unglück beschieden, dass sich zwei Männer in sie verlieben. Die Liebesgeschichte endet für sie, die an beiden nichts findet, im Massengrab.
Allerdings ist dies nicht der Roman des Opfers, sondern der beiden Täter. Der eine, Fattah, ist Arzt und verdient sich sein beträchtliches Schwarzgeld als Hymenoplastiker: "Im Untergeschoß eines Spitals in einer verwinkelten Gasse im Stadtzentrum vernäht er die Jungfernhäutchen von Mädchen, um die Ehre der Familie wiederherzustellen." Der andere, Mustafa, hat keine so einträgliche Geldquelle und versieht als pragmatisierter Folterer gegen geringes, aber sicheres Einkommen seinen täglichen Dienst im Gefängnis Evin.
Fattah ist ein Jungfrauen-Macher, er schafft aus sittenlosen Mädchen wieder anständige muslimische Frauen, die in der Hochzeitsnacht ordnungsgemäß defloriert werden können. Der sadistische Arzt fühlt sich durchaus als Wohltäter, denn eigentlich haben diese Mädchen Schande, wenn nicht den Tod verdient, er aber stellt ihre Unschuld wieder her, freilich um dabei selber kräftig zu verdienen.
Als Schahrsad vor ihm auf dem Opferstuhl liegt und er sie nach seiner Art ausgiebig beschimpft hat, widerfährt ihm etwas Ungewöhnliches. Er verliebt sich, was für ihn bedeutet, dass er sie, die er gerade wieder zur Jungfrau gemacht hat, unverzüglich heiraten und entjungfern möchte. Und weil sie beides nicht will, bleibt ihm, da seine Leidenschaft nicht abkühlt, nichts anderes übrig, als sie zu vergewaltigen.

Für Schahrsad schwärmt aber nicht nur der Arzt, der nebenbei für den Geheimdienst tätig ist, sondern auch Mustafa, ein rangniederer Scherge des Systems. Der einfältige, rohe Kerl weiß nichts von seinem hochgestellten Rivalen, aber er ahnt, dass das Mädchen, das er zu seiner Frau zu machen, also zu entjungfern wünscht, ihm von einem anderen geraubt werden könnte. So kommt ihm wie selbstverständlich die Idee, seine Braut dort zu verbergen, wo die weltlichen Mächte keinen Zutritt haben, nämlich im Gefängnis Evin.
Es ist ein grandioses Bild für das eingesperrte Leben in der Islamischen Republik, dass eine Frau im Gefängnis verwahrt wird, damit sie ihre Unschuld bewahre – für einen Mann, den sie nicht liebt, der sich aber zu ihrem Gefängniswärter macht, weil er glaubt, dass er sie liebe und daher über ihre Sittsamkeit zu wachen habe!
Wenn zwei Männer dieselbe Frau lieben, kann sie nicht überleben. Und nach Evin werden die Menschen verfrachtet, die zu sterben haben. Auch heuer sind Hunderte, die sich gegen die Wahlfälschung erhoben, in diesem Verlies mitten in der Hauptstadt verschwunden.

Cheheltan erzählt bald sarkastisch, bald mit schwer erträglicher Präzision. Er macht aus den beiden verliebten Mördern keine Monster, sondern zeigt vielmehr, wie religiöse Dogmen und Phrasen in den Repräsentanten des Regimes jedes Gefühl von Recht zersetzt haben. Dass sie etwas Schlechtes tun, käme den beiden gar nicht in den Sinn, denn gefallene Mädchen zu foltern oder vermeintliche Ketzer zu massakrieren, ist sowohl ihr persönliches Recht wie ihre religiöse Pflicht.
Der Roman enthält ausführliche Schilderungen der Folter, die zu lesen kaum auszuhalten ist. Aber wer wissen möchte, was es heißt, in einem Gottesstaat zu leben, der sollte sich "Teheran Revolutionsstraße" dennoch zumuten.

Karl-Markus Gauß in FALTER 50/2009 vom 11.12.2009 (S. 31)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Nirgendwo im Haus meines Vaters (Assia Djebar, Marlene Frucht)
Ein Schöner Ort zu sterben (Malla Nunn)
2666 (Roberto Bolaño)
Geheimauftrag in Wologizi (Vamba Sherif, Thomas Brückner)
Von Jade und Holz (Leung Ping-Kwan, Wolfgang Kubin)
Teheran Revolutionsstrasse (Amir Hassan Cheheltan, Susanne Baghestani)

Rezension aus FALTER 46/2009

Eine Reise durch das finstere Herz des Landes

Der jüngste Roman des israelischen Schriftstellers David Grossman trägt den tragischen Nachhall tödlicher Realität in sich

David Grossmans Roman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" entstand unter dramatischen Umständen: Als der Autor das Buch schrieb, trug er die Hoffnung, dass der Roman seinen Sohn, der zu dieser Zeit seinen dreijährigen Wehrdienst leistete, schützen würde. Als der Sohn 2006 im zweiten Libanon-Krieg fiel, war der Roman fast fertiggeschrieben. "Mehr als alles andere hat sich der Resonanzraum der Wirklichkeit verändert, in dem die letzte Version entstand", schreibt der Autor im Nachwort zum Buch. Was Grossman aus dem Inneren seiner Geschichte widerklingen lässt, ist – trotz allem – ein Plädoyer für den Frieden.

Die Handlung setzt 1967 ein: Während draußen der Sechstagekrieg tobt, legen drei kranke Jugendliche auf einer Jerusalemer Isolierstation das Fundament für eine versponnene Dreiecksbeziehung. Im pubertär-empfindsamen Fieberwahn lernen sich die rothaarige, traurige Ora, der dicke, künstlerische Avram und der schöne, unnahbare Ilan kennen. Doch schon bald wird ihr unbeschwertes Verhältnis von der israelischen Wirklichkeit eingeholt. Nicht mehr die Leichtigkeit, sondern "der Bund ihres bitteren Wissens um die schlechtestmögliche aller Welten" wird es sein, was die drei miteinander verbindet, und Avram wird diese am eigenen Leib erfahren: Während seines Wehrdienstes zur Zeit des Jom-Kippur-Kriegs gerät er in ägyptische Gefangenschaft und wird gefoltert.
Jahrzehnte später wird Ora erneut an Avrams Marter erinnert und der Verlustangst ausgesetzt: "Dasselbe kalte Brennen (…) wie vor fast dreißig Jahren, als sie ihr Avram wegnahmen, als sie sein eigenes Leben enteigneten. Es war die alte Geschichte. Dieser Staat hatte seinen schweren Militärstiefel wieder einmal brutal dahingesetzt, wo er nichts zu suchen hatte."
Als sich Oras Sohn nach dem Wehrdienst freiwillig für einen Kriegsein­satz meldet, beschließt diese, nicht auf die Todesnachricht zu warten. Stattdessen begibt sie sich mit dem längst gebrochenen Avram, dem fast nichts von seiner quijotesken Ritterlichkeit geblieben ist, auf eine Reise quer durch Israel. Wie Grossman möchte Ora ihren Sohn durch ihre Gedanken an ihn beschützen.

Es ist eine Wanderung durch die Er­innerung, die Grossman mit grandioser Einfühlsamkeit aus weiblicher Sicht beschreibt. Ora dokumentiert Teile ihrer Reise schriftlich und erzählt die Geschichte ihres Sohnes Avram, der sie aufbewahren und am Leben erhalten soll. Voller Hoffnung für das Leben berichtet Ora unermüdlich über ganz alltägliche, familiäre Momente des Glücks und Unglücks, von ihrer gescheiterten Ehe mit Ilan, von der Geburt und Jugend ihrer Kinder, vom allgemeinen "Schmerz, Kinder großzuziehen": "Weißt du, was das bedeutet, so ein Kind, in dieser beschissenen Welt?"

In seinem jüngsten Roman blickt Grossman tief in die Abgründe seines Landes: auf die Kinder, deren Leben von der Hand des Kriegs zermalmt wird; auf die Politik, die sich dunkel über die Beziehungen legt; auf die arabische Bevölkerung, deren Rolle sich etwa in der schwierigen Beziehung Oras zu ihrem arabischen Fahrer Sami spiegelt; auf die Illegalen, die gehasst und gleichzeitig als billige Arbeiter missbraucht werden; auf die alltägliche Angst vor Anschlägen … Die vielen Gedenktafeln gefallener Soldaten, die Avram und Ora bei ihrer Wanderung durch die israelische Landschaft passieren, sind stumme Zeugen des andauernden Konflikts ihrer Heimat: Was tun gegen "diesen Krieg, diesen einen, nie endenden"? Die tragische Thematik wird jedoch durch die einfache Sprache, die omnipräsente, aber unaufdringliche Symbolik und die Kunst der Mühelosigkeit fein gearbeiteter Dialoge und Rückblicke abgefedert, sodass der Roman des engagierten Friedensaktivisten nicht nur die Mutlosigkeit umreißt, sondern immer wieder auch Töne der Zuversicht findet.

Julia Zarbach in FALTER 46/2009 vom 13.11.2009 (S. 31)


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