Grasblätter
Gesamtausgabe

von Walt Whitman

€ 43,20
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Übersetzung: Jürgen Brôcan
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Lyrik
Umfang: 880 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.09.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Gott lässt ein Telefonkabel verlegen

Die berühmteste Wortaufschüttung der Weltliteratur ist vollständig übersetzt: Walt Whitmans "Grasblätter"

Die Liste der Bewunderer von Walt Whitman (1819–1892) ist lang: Franz Kafka und Thomas Mann gehören ebenso dazu wie Wladimir ­Majakowskij, Antonin Artaud oder Pablo Neruda. Expressionismus und Futurismus sind ohne Whitman ebenso undenkbar wie die Beat-Lyrik von Allen Ginsberg und Lawrence Ferlinghetti. "Whitman wäre begeistert gewesen von Rock and Roll, den Drogen, den beiläufigen, freundlichen sexuellen Beziehungen, für die das Geschlecht des Partners nicht wesentlich ist", meinte der amerikanische Philosoph Richard Rorty, und der Kritiker Harold Bloom nannte "Leaves of Grass" schlicht "the essential American book".
Mit elf verlässt Walt Whitman seinen Geburtsort West Hills/Long Island und die Schule – der zwölfjährige Setzerlehrling in Brooklyn liest als Autodidakt Homer, Dante und Shakespeare. Er arbeitet als Drucker und Lehrer, 1838 gründet er seine erste Zeitung, den Long Islander, 1842 folgt ein Roman, in den späten 1840er-Jahren weitere Zeitungsprojekte. Bis 1850 zieht er durchs Land – sein dichterisches Work in Progress "Leaves of Grass" finanziert er aus seinen Einkünften als Wohnungsmakler.

"Den modernen Menschen sing ich"
Die erste Ausgabe von 1855 enthält zwölf Gedichte, die vierte wächst bis 1892 mit 400 Gedichten zur "neuen Bibel" Amerikas an. Diese Ausgabe ist auch Grundlage für Jürgen Brocans erste vollständige deutsche Übersetzung: 860 Seiten Gedichte samt Erläuterungen, befreit von allem hohen und auf die Dauer lähmenden Pathos. Dahingestellt sei, ob der neue Titel, "Grasblätter", besser ist als der bisherige – "Grashalme".
Der Legende nach stand der Philosoph Ralph Waldo Emerson mit seiner Forderung nach einem Sänger von Amerikas Größe am Ursprung des Unternehmens. Der Großteil der heutigen Interpreten neigt zur Auffassung, erst Whitmans homosexuelles Coming-out habe den mittelmäßigen Zeitungsschreiber in einen "ekstatischen Chansonier" verwandelt. In der "Zueignung" kündigt er an: "Das Selbst sing ich, die schlichte Einzelperson: / Den modernen Menschen sing ich. / Doch spreche das Wort demokratisch, das Wort en masse."
Im Zentrum der ausufernden, von Quäkertum, Esoterik, Natur, Technik und Kapitalismus beseelten Lobgesänge steht die "athletische Demokratie" der Vereinigten Staaten. Tatsächlich spektakulär ist die formale Entscheidung, das Ganze in freien Versen zu gestalten: "Meiner Ansicht nach ist die Zeit gekommen, die formalen Grenzen zwischen Prosa und Lyrik im Wesentlichen niederzureißen."
Der Gegenpol zu den säkularen Heiligenbildern mit ihren endlosen Aufzählungen und Listen ist der Dichter selbst: "Walt Whitman, ein Kosmos, der Sohn Manhattans, / Ungestüm, fleischlich, sinnlich, essend, trinkend und zeugend." Und weiter: "Ich, siebenunddreißig Jahre alt jetzt, bei voller Gesundheit (…) Ich bin beim Gedärm ebenso feinfühlig wie bei Kopf und Herz, / Kopulation ist für mich nicht geiler als der Tod, / Ich glaube an das Fleisch und die Begierden, / Sehen, Hören und Fühlen sind Wunder / Göttlich bin ich innen und außen."

"Manneseier und Manneswurzel"
Im Vergleich zu Baudelaire und seinen ­dekadent subtilen "Blumen des Bösen",
die zur selben Zeit in Frankreich erscheinen, nimmt sich Whitman wie ein geschwätziger Rüpel aus, dessen ewige Beschwörung der "zeugenden Triebe der Welt" und der "kraftvollen Lenden" eigentümlich unsinnlich anmutet. Es folgt die berühmteste Wortaufschüttung der Weltliteratur: "Den elektrischen Leib sing ich." Ein Körper wird von oben –"Kopf, Hals, Haar, Ohren" – nach unten durcherzählt und aufgezählt – "Zehen, Zehengelenk, Ferse". In der Mitte: "Manneseier und Manneswurzel". D.H. Lawrence nannte das Gedicht denn auch "a horrible pottage of human parts fatally lacking emotion". Und "Mein impulsives Ich" von 1856/57 ist in der Tat eine Anhäufung von Peinlichkeiten: "Aus schmerzend angestauten Flüssen / Aus meiner tönenden Stimme sing ich den Phallus."
Große Lyrik schreibt Whitman, der das Land von Nord nach Süd und in sämtlichen Jahreszeiten, Geografie und Geschichte und bisweilen auch den ganzen Kosmos durchschreitet, wenn er konkrete Bilder hervorbringt – in "Überquerung der Brooklyn-Fähre", "Gesang vom Breitbeil" oder "Ein Gesang der Freuden" (1860/61): "Ich ziehe schräg die Weidenkörbe hinauf, die dunkelgrünen / Hummer schlagen verzweifelt mit den Klauen, wenn / ich sie heraushole, ich stecke Holzpflöcke in die Gelenke ihrer Scheren, / Ich fahre die Plätze der Reihe nach ab und rudere dann zurück ans Ufer, / Dort sollen die Hummer in einem riesigen Kessel mit siedendem Wasser gesotten werden, bis sie eine scharlachrote Farbe bekommen."

"Schlagt! schlagt! Trommeln!"
Ab 1860 steht Whitman im Dienst des Innenministeriums, Abteilung für India­nerfragen. Als die "Morallosigkeit" seiner Gedichte bekannt wird, verliert er den Posten wieder. Die Arbeit als freiwilliger Krankenpfleger während des amerikanischen Bürgerkriegs (1861–65), an dessen Ende eine halbe Million Toter zu beklagen ist, wird zur wichtigsten Erfahrung seines Lebens. Es sei "die Radnabe, um die sich das ganze Buch dreht". Martialisch hebt der Zyklus "Trommelschläge"(1865/66) an: "Schlagt! schlagt! Trommeln! – blast! Hörner! blast! / Durch Fenster – durch Türen – brecht mit unbarmherziger Gewalt (…)".
Wie in einem Drehbuch lässt der ­Fotografie-Bewunderer Whitman die ­Männer Manhattans zu den Waffen ­greifen; Kavallerie durchquert eine Furt, biwakiert an einer Bergflanke; ein Brief an die Eltern über den gefallenen Sohn, schließlich die siegreiche Heimkehr. ­Zwischen düsteren Bildern vom Schlachtfeld und Visionen der Toten beschreibt der Dichter seine Tätigkeit als Sanitäter: "Den zerschmetterten Kopf verbinde ich, (arme irre Hand, reiß den Verband nicht weg!) / Den Hals des Kavalleristen mit dem Durchschuss durchsuche ich, / Schwer rasselt der Atem, ruhig glänzt schon das Auge, doch das Leben kämpft schwer (… ) Vom Armstumpf, von der amputierten Hand / Löse ich die verklebte Scharpie, entferne den Schorf, wasche Eiter und Blut ab / Auf sein Kissen lehnt sich der Soldat zurück mit krummem Hals und seitwärts fallendem Kopf (…) Ich verbinde die durchbohrte Schulter, den Fuß mit der Schusswunde, / Reinige einen mit nagendem fauligem Brand."

"O Käpt'n! Mein Käpt'n"
Anders als sein Zeitgenosse Herman Melville sieht Whitman im Bürgerkrieg nicht das Ende einer Epoche, sondern den Beginn einer neuen Ära: Die Union hat gesiegt, deren Held, Abraham Lincoln, wird kurz vor dem Sieg erschossen. Ihm widmet ­Whitman mit "O Käpt'n! Mein Käpt'n" sein bekanntestes Gedicht. Die Elegie
auf den Präsidenten ist auch sein schönstes: "Als jüngst der Flieder blühte im ­Garten vorm Haus / Und der große Stern früh am westlichen Himmel in die Nacht sank, / Trauerte ich und werde noch trauern bei jeder Wiederkehr des Frühlings (…)."
Die deutsche Rezeption der "Leaves of Grass" setzt mit Ferdinand Freiligraths Übersetzung von 1868 sehr früh ein – Whitmans Auseinandersetzung mit Amerikas Materialismus und Korruption in der Nachbürgerkriegszeit erscheint 1871 unter dem Titel "Democratic Vistas". In "Am Ufer des blauen Ontario" schreibt er dem amerikanischen Dichter, also sich selbst, noch einmal Macht und Wirkung zu, die größer seien als jene von Präsident und Kongress.
Im gleichermaßen mystischen wie realistischen Poem "Durchfahrt durch Indien" erklärt er die Eröffnung von Suezkanal, von Union Pacific –Eisenbahn und die Verlegung des transatlantischen Telefonkabels zu "Gottes Absicht von Anbeginn": Die Erde "soll umspannt werden, umflochten werden von einem Netzwerk". Ansonsten wird der Ton von Whitmans Gedichten balladesker, ruhiger: Auftritt einer Sängerin in einem Gefängnis; Besuch bei einer Prostituierten; ein Gauner vor Gericht. Das Poem "Schläfer" enthält eine freimütig geschilderte Masturbationsszene.

"Das Unsterbliche und Gute zu feiern"
Die Gedichte nach dem ersten Schlaganfall im Jänner 1873 (die Mutter stirbt im selben Jahr) sind still: ein Anblick des Meeres, Montauk, Potomac, ein Sonnenuntergang in der Prärie … Das Resümee der "Grasblätter" lautet: "Das Unsterbliche und Gute zu feiern". Seine späte Auseinandersetzung mit Voltaire, ein letztes Lob Amerikas und des Fortschritts fallen auf betörende Weise zeitgenössisch aus: "Etwa drei Tage nachdem sie auf ihrem eigenen Boden ins Leben sprossen, / Und jetzt entfalten sie hier ihre Süßigkeit in meinem Zimmer, / ein Bündel Orangenblüten mit der Post aus Florida."
Am 26. März 1892 stirbt der Homer der Neuen Welt in seiner langjährigen Heimat Camden/New Jersey. Auf der Grabplatte steht nur: Walt Whitman.

Erich Klein in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 10)


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