Ich verfluche den Fluss der Zeit
Roman

von Per Petterson

€ 18,40
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Übersetzung: Ina Kronenberger
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 27.07.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Verfehltes Leben, vergebliche Liebe

Mit "Ich verfluche den Fluss der Zeit" setzt der Norweger Per Petterson seine Arbeiter- und Familiensaga fort

In den Büchern Per Pettersons scheint alles vorhanden zu sein, was man über Norwegen zu wissen glaubt: naturtrübe Melancholie wie bei Edvard Munch und waldschrathafte Eigenbrötelei wie bei Knut Hamsun, schroffe Seelendüsternis wie bei Henrik Ibsen und wortkarge Verschlossenheit wie bei Jan Fosse.
Zwischen Mittsommerlicht und Winterdunkel herrscht in Pettersons Romanen ein leuchtendes Grau in vielerlei Schattierungen und Stimmungen, in seinen nordischen Landschaften ebenso wie im Gemüt seiner nordischen Menschen. Man trifft da auf kaltgraue Meeresküsten, düstere Hafenstädte und schwarze Kiefernwälder, und begegnet schwermütigen, schweigsamen Menschen, die Träumen nachhängen, deren Erfüllung das Leben ihnen verweigert. Hinter ihren einsilbigen Wortwechseln tun sich riesige Hallräume des Ungesagten auf.
Doch Pettersons Romane haben noch mehr zu bieten. Sie packen die ganze Welt in den Familienkreis, oder vielmehr: Sie weiten die Familie – die der eigenen Familie des Autors zum Verwechseln ähnelt – zum Kosmos. Indem Petterson von glückenden und misslingenden Vater-Sohn- und Mutter-Sohn-Beziehungen und von der fehlgehenden Ehe der eigenen Eltern und seiner eigenen Scheidung erzählt, fixiert er ein Inbild des verhaltenen, schmerzhaft introvertierten Lebensgefühls unter bleigrauen norwegischen Himmeln.

Eine private Familientragödie hat in Petterson, dem ehemaligen Fabrikarbeiter und späteren Bibliothekar und Buchhändler, den Familienerzähler freigesetzt und aus ihm einen der eigenwilligsten und suggestivsten norwegischen Prosaautoren der Gegenwart gemacht. 1990 verlor er Vater, Mutter und Bruder bei einem verheerenden Fährunglück im Skagerrak. Erst seit die Eltern tot sind, fühlt Petterson sich frei und ermächtigt, sie zu seinen Romanhelden zu machen und ihnen ein Romanleben anzudichten, das sie größer und tragischer erscheinen lässt, als sie in Wirklichkeit waren. In seinen Büchern führen die Eltern ein leidenschaftliches Leben voll ungestillter Sehnsüchte, verheimlichter Gefühle und verschwiegener Verzweiflung.
In bisher vier Romanen seit der Schiffsbrandkatastrophe hat Petterson seiner Familie und sich selbst eine Geschichte zugeschrieben, hat vor allem das Vorleben seiner Eltern vor deren Hochzeit neu erfunden. Die Romane "Sehnsucht nach Sibirien" (1996) und "Im Kielwasser" (2000) sind imaginäre, alternative Elterngeschichten, fiktive Rekonstruktionen des Lebens der Mutter und des Vaters, wie es hätte gewesen sein können, ehe der Sohn geboren wurde, und wie er es sich nun aus Erinnerungssplittern, flüchtigen Beobachtungen und zufällig aufgeschnappten Nebensätzen im Familienkreis literarisch zusammenreimt. Was Petterson sich am intensivsten ausmalt, sind die frühen Liebesverstrickungen, aus denen heraus Vater und Mutter später zufällig aneinandergerieten und dann aneinander hängen geblieben sind – nicht unbedingt zu ihrem Glück.
Im Zusammenhang gelesen bilden diese Romane so etwas wie eine panskandinavische Arbeiterfamiliensaga des 20. Jahrhunderts, denn Pettersons Vater, Arbeiter in ­einer Schuhfabrik in Oslo, war ein Zuwandererkind, der Sohn von Arbeitsmigranten aus Schweden; und seine Mutter stammte aus Dänemark, war eine Schreinerstochter aus Jütland, die Fischer und Bauern zu ihren Vorfahren zählte und zeitlebens ­unter dem Gefühl litt, als Fabrikarbeiterin in Oslo im falschen Leben gelandet zu sein.
Vater und Mutter passten einfach nicht zusammen, nach Ansicht des Sohnes hätten sie nie heiraten dürfen. Und so kennt der Leser dieses unverträgliche Paar, gefangen in einer verfehlten Ehe: der Vater, ein altmodischer und wortarmer Proletarier, Waldläufer, Chorsänger und Sportsmann, unbelesen, schüchtern, spröde und starr, nur auflebend in der freien Natur oder im Kreise seiner Kumpel und seiner Großfamilie; die Mutter, eine eigenbrötlerische und bildungshungrige Frau voller Weltneugier, eine autodidaktische Intellektuelle, die nicht aufs Gymnasium durfte und stattdessen ganze Leihbibliotheken ausliest, Grass und Maugham sogar im Original, und die in Oslo nie heimisch wurde, sondern immer eine Außenseiterin blieb, trotz Ehemann und vier Söhnen, gekettet ans Haus- und Putzfrauendasein und ans Fließband einer Schokoladenfabrik, während sie sich fortsehnt, nach London, nach Sibirien, in ein anderes Leben.
In "Sehnsucht nach Sibirien" entwarf Per Petterson das Bildnis seiner Mutter als junge Frau, für die es nur einen Mann in ihrem Leben gab, den bewunderten und glühend geliebten Bruder Jesper. Der neue Roman "Ich verfluche den Fluss der Zeit" zeichnet nun das Bildnis der Mutter als alte Frau. Es ist das Jahr 1989, die Konflikte mit dem Ehemann sind längst erloschen. Die Mutter erfährt, dass sie Magenkrebs hat, mit ungewisser Prognose. Sie beschließt spontan, die Fähre nach Dänemark zu nehmen und ein paar Tage allein im Ferienhaus der Familie in Jütland zu verbringen. Arvid, ihr zweitältester Sohn, fährt ihr nach, uneingeladen.

Wir kennen Arvid Jansen, den Ich-Erzähler und das literarische Alter Ego Per Pettersons, bereits aus den früheren Romanen. Mit seinem Double Arvid teilt der Autor alle biografischen Eckdaten: das Geburtsjahr 1952, die Wohnorte, den Bildungsgang, die Arbeitsplätze, die gescheiterte Ehe und die Töchter, die maoistischen Überzeugungen seiner Jugend sowie den Berufswechsel mit Mitte 30 vom Buchhändler zum Schriftsteller.
Arvid ist ein Misfit und Einzelgänger, ein ungeschickter Mensch, ein Gefühlstollpatsch, ein Bücherwurm wie seine Mutter und trotzdem ihrem Herzen nicht nahe. Gebeutelt von seiner eigenen Lebenskrise – seine Frau will die Scheidung – sucht Arvid nun linkisch die Nähe zur Mutter, um … um was? Um ihr seine Liebe nachzutragen? Um ihre Liebe doch noch zu gewinnen? Um Frieden mit ihr zu machen? Um sich mit den Versäumnissen der Vergangenheit auszusöhnen? Um Trost und Absolution bei ihr zu finden für alle falschen Abbiegungen in ihrem und seinem Lebensweg?
Arvid ist der Mutter in Jütland nicht willkommen. Barsch, fast feindselig empfängt sie ihn. ",Ich bin's', sagte ich. ,Ich weiß, wer es ist', sagte sie. ,Ich konnte deine Gedanken schon auf der Straße klappern hören. Bist du blank?'"
Der Sohn kommt ungelegen. Die Mutter wollte allein, allenfalls begleitet von ihrem Nachbarn und alten Jugendfreund Hansen, Abschied nehmen von den bedeutsamen Erinnerungsorten ihrer dänischen Jugend – der Zeit, die ihr allein gehörte, ehe der Rest ihres Lebens begann. Die Mutter will allein trauern um ihr verpasstes Leben, das eine falsche Wendung nahm, als sie schwanger wurde, und in die falsche Richtung lief, als sie dachte, deshalb nach Norwegen heiraten zu müssen. Weinend erkennt sie nun: "Es kam alles anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich dachte, ich hätte keine Wahl. Aber ich hatte sie."
Auch Arvid kennt dieses trostlose Gefühl, in die falsche Richtung zu treiben, weil man die neue Tendenz, "die unter der Oberfläche angeflossen kam", nicht rechtzeitig erkannte. "Ich habe die großen Veränderungen niemals kommen sehen, und wenn du nicht aufpasst, wenn sich alles umkehrt, bleibst du allein zurück." "Ich verfluche den Fluss der Zeit", heißt die entsprechende Gedichtzeile bei Mao, die dem Roman den Titel gibt.
Nun, da es zu spät und die Mutter bereits vom Tode gezeichnet ist, sucht sich Arvid in den anderthalb Tagen im Ferienhaus an die Krisenpunkte zu erinnern, an denen diese Mutter-Sohn-Beziehung falsch lief. In raffinierten Rückblenden werden die Missverständnisse rekapituliert, die zwischen ihnen die Kluft immer tiefer aufrissen. Die Ohrfeige, die sich Arvid von seiner bitter enttäuschten Mutter einfing, als er die Schule schmiss, um aus lauter Mao-Hörigkeit Fabrikarbeiter zu werden. Die Geburtstagsrede zu Mutters 50., die der betrunkene Arvid verpatzte.

Mutter und Sohn verfehlen und enttäuschen einander auch jetzt wieder. Für die nachgetragene Sohnesliebe bleibt die Mutter unerreichbar. In seinem unbeholfenen Liebeswerben wird der Sohn von der Mutter abermals schroff zurückgewiesen: In ihren Augen bleibt er das Kind ihres Mannes; aus ihm kann kein Muttersohn werden – zu sehr ähnelt er dem Vater, zu gut passen ihm Vaters Klamotten, "wie angegossen". Die Kluft zwischen den Eltern geht als schmerzhafter Riss durch den Sohn hindurch und reißt ihn entzwei: "Ganz gegen meinen Willen war ich auf dieser Seite der großen Trennlinie, des Abgrunds, abgesetzt worden, wo sich der Vater befand, an einer Stelle, an der meine Mutter nicht war, weil sie anders war, weil sie hierher entführt worden war und damit auf merkwürdige Weise frei."
Gewiss, "Ich verfluche den Fluss der Zeit" ist ein Buch der Trauer, der Enttäuschung, des versäumten Lebens. Es erzählt von verfehlter Liebe, abgründig und verschwiegen, voller Kindheitsechos und Geheimnisse. Aber es ist kein hoffnungsloses Buch. Am Ende sitzt Arvid in den Dünen und wartet unverdrossen darauf, "dass meine Mutter aufstand und herüberkam".

Sigrid Löffler in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 13)


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