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Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 07.02.2011

Rezension aus FALTER 10/2011

Gott versus Bucky Cantor und das Virus gegen alle

In "Nemesis" lässt Philip Roth die Kinderlähmung in Newark ausbrechen und über Schicksal, Schuld und Sühne nachdenken

Newark liegt in etwa auf Höhe des Union Square, nur rund zwölf Kilometer weiter westlich, aber verglichen mit New York ist Newark natürlich ein Kaff: Keine 300.000 Einwohner zählt die größte Stadt von New Jersey heute. Allerdings finden sich unter den Söhnen und Töchtern der Stadt erstaunlich viele Zelebritäten aus dem Show-Biz: von Jerry Lewis, Eva Marie Saint oder Brian de Palma bis zu Sarah Vaughan, Wayne Shorter und Whitney Houston. Der Newarker aller Newarker aber ist der ewige Leider-nein-Nobelpreisträger Philip Roth, der seine Geburtsstadt immer wieder zum Schauplatz seiner Bücher gemacht hat, zuletzt in "Nemesis", das im Vorjahr im Original und soeben in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Die topografischen Gegensätze prägen den jüngsten der seit 2006 im Jahrestakt erscheinenden Romane Roths gleich mehrfach: Die hochinfektiöse Poliomyelitis (die vor der Entwicklung der Schluckimpfung in den frühen 60ern nicht nur zu bleibenden Schäden, sondern vielfach zum Tod führte) bricht zunächst "in einem armen italienischen Viertel auf der anderen Seite der Stadt" aus, ehe sie auch im jüdischen Weequahic eingeschleppt wird.
Das Bedrohungspotenzial der Seuche ist für die Menschen von Newark noch um einiges greifbarer als das des Kriegs im Pazifik oder in Europa; während dort die Brüder, Söhne und Freunde fallen, verschiebt sich die Viren-Front. Im Vergleich zu "Äquatorial-Newark", wo der erste Teil des Romans spielt, erscheint das Ferienlager "Indian Hill" in den Pocono Mountains von Pennsylvania zunächst als idyllischer Rückzugsort – ein tödlicher Irrtum, wie man von Anfang an ahnt.
Epidemien und andere Katastrophen sind ein dankbarer Stoff, um die Belastbarkeit des Gemeinwesens zu erörtern, wie es in der US-Literatur etwa Stewart O'Nan ("Das Glück der anderen", "Zirkusbrand") systematisch zu tun pflegt. Roth hat die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen ganz auf seinen Protagonisten zugespitzt. Dieser Bucky Cantor hat das Zeug zum all-American hero: Elternlos bei seinen Großeltern aufgewachsen, wird er zu einem pflichtbewussten Staatsbürger erzogen, der genau weiß, was es bedeutet, seinen Mann zu stehen, und sich nach dem Angriff auf Pearl Harbor sofort freiwillig zur Armee meldet, aufgrund einer vom verantwortungslosen Vater ererbten Sehschwäche allerdings nicht genommen wird.
Dafür ist Bucky als junger Lehrer ein leuchtendes Vorbild; verhält sich souverän, als eine Gruppe italienischer Jugendlicher am Sportplatz auftaucht, um "ein bisschen Kinderlähmung" zu verbreiten; zögert, als ihm seine besorgte Freundin von dem Job im Feriencamp erzählt, mit dem Bucky auf einen Schlag den besten Deal seines jungen Lebens machen könnte: weg von der Krankheit, hin zu Marcia.
Es wäre nicht Philip Roth, hätte er diesen Stoff nicht zu einem schlanken Roman von existenzieller Wucht verarbeitet, es ist eine Reflexion über Schuld und Sühne, die ihre Raffinesse nicht zuletzt ihrer narrativen Konstruktion verdankt: Erzählt wird "Nemesis" nämlich von dem auf Seite 88 erstmals erwähnten Arnie Mesnikoff, einem ehemaligen Schüler von Bucky Cantor, der diesem nach 27 Jahren wiederbegegnet.

In "Wiedersehen", dem kurzen Schlussteil des Romans, treffen die beiden von der Krankheit schwer gezeichneten Polio-Überlebenden noch einmal aufeinander. Aber während Mesnikoff gelernt hat, sein Schicksal zu akzeptieren, ist Cantor nicht nur körperlich ein "Krüppel" geblieben, sondern auch seelisch versehrt: Zerfressen vom Gefühl der Schuld, seinerzeit die tödliche Krankheit ins Ferienlager eingeschleppt zu haben, hat er im Leben nie wirklich wieder Tritt gefasst, hadert mit Gott und dem Schicksal und betreibt so einen metaphysischen Aufwand, der vom adaptionsfähigeren Arnie nur als "dumme Hybris eines phantastischen, kindischen Gottesbegriffs" abgetan werden kann.
Uns Heutigen scheint Bucky Cantor mindestens so weit entfernt wie die Zeiten, da Kinderlähmung noch Entsetzen verbreitet hat. Unser Mitgefühl können wir ihm so wenig versagen wie einem antiken Helden, über den die Wut der Götter hereingebrochen ist.

Klaus Nüchtern in FALTER 10/2011 vom 11.03.2011 (S. 12)


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