Die Abenteuer des Joel Spazierer
Roman

von Michael Köhlmeier

€ 25,60
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Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 656 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.01.2013

Rezension aus FALTER 5/2013

Ein schrecklicher Schelm

In seinem jüngsten Roman verschreibt sich Michael Köhlmeier mit Haut und Haar der Lüge

Gleich die Eröffnung rückt den Erzähler ins Zwielicht und deklariert seine Geschichte als gemacht, als zurechtgemacht. Seine Stammtischgenossen hätten ihm geraten, mit "etwas Lustigem" zu beginnen, sein Freund Sebastian Lukasser habe für eine literarische Anspielung plädiert – wegen der Kritiker.
Also versetzt das Ich den Beginn seiner Erzählung in eine "Zeit, von der viele glaubten, sie sei die letzte". So ähnlich lässt Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen seinen Roman "Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch" anfangen, wobei er mit der Zeit seine eigene meint, die des Dreißigjährigen Krieges.
Der Hinweis auf die Folie für "Die Abenteuer des Joel Spazierer" ist überdeutlich; der Erzähler, der einen jüdischen Namen führt, aber kein Jude ist, gibt sich jedoch als tumber Tor der Literatur. Erst spät will er herausgefunden haben, was ein Schelmenroman ist – um sich dagegen zu verwahren: Er will mit dem, was er getan hat und was ihm zugestoßen ist, nicht bloß als Bilderbuchfigur seiner Zeit herhalten.
Dass ein Text sich gegen das Nacherzähltwerden sperrt, gilt inzwischen geradezu als Gütesiegel der literarischen Moderne. "Die Abenteuer des Joel Spazierer" sind, sieht man von der Beschränkung durch Raum und Zeit ab, ob ihrer Handlungsfülle zwar leicht nachzuerzählen, doch schwer zu begreifen.

Die Endzeit, in der alles anfängt, ist hier die stalinistische Ära Ungarns. In einer Budapester Wohnung ereignet sich die Urszene, die den kleinen András Fülöp prägt oder jedenfalls zu sich kommen lässt: Weil man seine Großmutter aufgrund irrwitziger Verdächtigungen vom Fleck weg verhaftet – ihr Mann, ein prominenter Chirurg, ist bereits in den Fängen der Geheimpolizei –, bleibt der Vierjährige fünf Tage allein.
András erlebt das nicht als Martyrium, sondern als wunderbare Selbst­ermächtigung durch die Alleinherrschaft über die Dinge. Zu Diensten sind ihm sogar die Tiere auf seiner Decke, die sich, weil die Großmutter Ägyptologin ist, als ägyptische Götter entpuppen und ihn sein Lebtag begleiten. Als seine Mutter, die noch studiert, ihn findet, ist András über das Kindsein hinaus.
Weil aber andererseits die Seele, wie Meister Eckart sagt, nicht alt wird, bewahrt er sich die Unschuld der Amoral. Wie der junge Simplicius, der in der Christenwelt in puncto Theologie keinen seinesgleichen kennt: "denn ich kennete weder Gott noch Menschen, weder Himmel noch Höll, weder Engel noch Teufel, und wußte weder Gutes noch Böses zu unterscheiden".
Doch später, in der Abenddämmerung der DDR, reüssiert András, der nie von Gott, sondern immer von "dem Gott" spricht, als Dr. Ernst Thälmann-Koch just in der Rolle des Theologieprofessors.
Die Frage nach dem Bösen ist der Angelpunkt der Geschichte. Ist einer, der lügt, stiehlt, betrügt, fälscht und mordet, ohne damit sein Gewissen zu belasten, und sich dann wieder für andere ins Zeug legt, ja aufopfert, ein Engel oder ein Teufel, ein guter Mensch, ein böser Mensch oder gar keiner, wie der Staatsanwalt im Liechtensteiner Mordprozess meint? Sind es die Gene? Denn auch András' Großmutter hat sich ihren Doktortitel erschummelt, und seine Eltern beschaffen sich neue Identitäten, indem sie ihre Ausreise nach Österreich in den Wirren der Massenflucht 1956 einfach wiederholen.
Oder ist der Erzähler ein Besessener? Der Großvater räsoniert mit ihm über die biblische Geschichte von den Dämonen, die einen Wahnsinnigen quälen und Jesus bitten, in eine Schweineherde fahren zu dürfen. Er erlaubt es, worauf sich zweitausend Schweine in den See stürzen und ersaufen.
Köhlmeier freilich zeigt seinen Helden nicht als dämonisch Getriebenen. András/Joel wird als Strichjunge reich; er wird von einem ehemaligen Folteroffizier entführt; er schlägt sich wie Simplicius im Wald durch; er erschießt die Mutter eines Schulkollegen bei einem Einbruch (weitere Opfer folgen) und wird zu zwölf Jahren Haft verurteilt.
All das stößt ihm irgendwie zu. Das Verbrechen ergibt sich, und der Verbrecher ist etwas anderes als die Summe seiner Taten. Rehabilitiert wird er nicht zuletzt durch seine Freundschaft mit dem aus "Abendland" und "Madalyn" bekannten Schriftsteller Lukasser, dem – zweiten – Alter Ego des Autors.

Wie Köhlmeier den vielstrapazierten
Begriff der "Menschlichkeit" bis in dessen finsterste Winkel ausleuchtet, wie er dem Mann mit den vielen Namen bei seinen haarsträubenden Erlebnissen und Taten in chronologischen Sprüngen auf den Fersen bleibt, mit Schaudern und mit Sympathie, das macht das Lesen zu einem aufregenden Abenteuer.
Großartig sind die Passagen über das Schweizer Gefängnis, das Panoptikum der vier Zellengenossen unter dem Kommando des hünenhaften "Vaters", die Beschreibung der bald dosierten, bald explodierenden Gewalt hinter Gittern.
Dass diesem hübschen sommersprossigen Burschen mit den erstklassigen Manieren und vielgerühmten Kochkünsten jederzeit alles zuzutrauen ist, verleiht der Erzählung eine wunderbare Freiheit. Ihr Ton hat alles Gediegene hinter sich gelassen, er wirkt waghalsig und verstörend ungerührt. So erscheint die anarchisch sprudelnde Geschichte merkwürdigerweise eher aus einem Guss als der wohlkomponierte "Jahrhundertroman" "Abendland".

Fehlt diesem Roman etwas zum ganz großen Wurf? Vielleicht die hundert Seiten, die er bei aller Verzweigungslust in Träume und Kochrezepte zu viel hat. Vielleicht die existenzielle Glaubwürdigkeit: Das "Anything Goes" des Abenteuerreigens beglaubigt eine Fabulierfreude, die sich letztlich selbst genügt.
Und dann wird auch nicht so recht deutlich, ob das Buch nun ein Schelmenroman sein soll, wie Albert Drachs "Goggelbuch" und Bohumil Hrabals "Ich habe den englischen König bedient", oder nicht doch eher einen Hochstapler porträtiert, wie Thomas Manns Felix Krull oder Deszö Kosztolanyis Kornel Esti. Geht es um die Ruchlosigkeit eines Underdogs oder um sieghafte Eleganz?
Gegen solche Einwände wappnet sich Herr Spazierer mit dem Credo, ein guter Lügner müsse ein guter Stratege und Komponist sein, aber mitunter ein schlechter Erzähler, denn Ungeschicklichkeit und Umständlichkeit würden als Beweise der Ehrlichkeit verstanden.
In der Tat hat sich Köhlmeier dem Konzept der kunstvollen Lüge mit Haut und Haar verschrieben. Seinen Helden lässt er sagen: "Da war mir auf einmal, als würde mir der Gott die Macht verleihen, in das Nichts hinein seine süße, farbenreiche, satte Wirklichkeit zu gründen, und zwar schlicht, indem ich ein Wort aussprach und hinter dieses erste Wort ein zweites setzte und so weiter." Es ist nichts anderes also als die Geburt der Erzählung aus dem Geist der Willkür.

Daniela Strigl in FALTER 5/2013 vom 01.02.2013 (S. 29)


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