Das größere Wunder
Roman

von Thomas Glavinic

€ 23,60
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Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 528 Seiten
Erscheinungsdatum: 26.08.2013


Rezension aus FALTER 35/2013

Weltverdruss und Größenwahn

Der Schriftsteller Thomas Glavinic erzählt in seinem neuen Roman von Gipfel- und Liebesstürmen. Ist es sein Opus magnum?

Auf die Frage, warum er den Mount Everest besteigen wolle, sprach George Mallory die geflügelten Worte: "Because it's there." Viel mehr wüsste Jonas, der Held von Thomas Glavinics neuem Roman, auch nicht zu sagen. Dass er nun, im Zeitalter des extrembergsteigerischen Massentourismus, auf den höchsten Berg der Welt will, verdankt er einerseits seiner lebenslangen "Sehnsucht nach dem Un-Sinn", andererseits dem Umstand, dass er reich ist, reich und unglücklich. Das wiederum hat mit Marie zu tun, die ihm den Laufpass gegeben hat.
"Das größere Wunder" ist Glavinics zehntes Buch. Mit ihm hat er seine Jonas-Trilogie abgeschlossen, kein klassischer Mehrteiler, sondern Variationen zum Thema Angst. Auch die Protagonisten von "Die Arbeit der Nacht" (2006) und "Das Leben der Wünsche" (2009) tragen den biblischen Namen, und auch ihre große Liebe heißt Marie, die Figuren sind jedoch nicht ident, nur durch zarte Querverweise miteinander verbunden.
Die Welträtsel haben es dem Autor angetan. In "Die Arbeit der Nacht" wird Wien zur menschenleeren Wüste und Jonas zum Großstadt-Robinson, eine Rolle, der er sich nicht gewachsen sieht. Glavinic gestaltet eine Apokalypse der quälenden Einsamkeit und sinnlosen Fluchten und der nagenden Angst vor dem, was nächtens um Jonas und mit ihm geschieht, eine gespenstische Ich-Spaltung, die den Wunsch nach Gesellschaft naturgemäß nicht zu befriedigen vermag.

Quasi die Kehrseite des verwünschten Alleinseins erlebt der Jonas des zweiten Teils. Verheiratet mit einer Frau, die er nicht mehr liebt, und liiert mit Traumfrau Marie, einer märchenhaft schönen und klassisch gebildeten Stewardess, begegnet er eines Tages einer dubiosen männlichen Fee, die ihm drei Wünsche freistellt.
In der Tat entfesseln diese eine zauberbesengleiche Kraft. Der Tod der Gattin in der Badewanne ist nur der Anfang einer Ereigniskette, in der die Welt hinter den Alltagskulissen, die, um mit Alfred Kubin zu sprechen, andere Seite immer mehr zum Vorschein kommt. Angesichts der Rachegelüste des misanthropischen Helden lässt sich auch das Szenario von Teil eins als die Erfüllung eines heimlichen Wunsches verstehen: nach Menschenleere. Schließlich zürnte auch der Prophet Jonas des Alten Testaments seinem Gott, als dieser das sündige Ninive dann doch verschonte.
Auch Jonas Nummer drei ist nicht gerade ein Menschenfreund. Eher ein emotional beschädigter Neurotiker mit nur rudimentär ausgeprägtem Gewissen, der beim Erklimmen des Berges auf nicht ganz nachvollziehbare Weise zu einer Religion der Liebe findet – sie ist das "größere Wunder", das ihm in Gestalt von Marie zuteil wird. Jahrelang hat er nach ihr gesucht, wie nach jener zweiten, verlorenen Hälfte des kugeligen Doppelwesens aus Mann und Frau, das die Götter nach Platon einst aus Neid auseinanderrissen.

Das Glück der Vaterlosigkeit, meinte Sartre, habe ihm ein Über-Ich erspart. Jonas und sein geistig behinderter Zwillingsbruder Mike wachsen aber nicht nur ohne Vater auf, sie haben auch eine Rabenmutter. Aus ihren Fängen befreit sie just ein Gangsterboss: Picco, der Großvater von Jonas' bestem Freund Werner, nimmt die Buben zu sich und lässt ihnen eine unkonventionell antiautoritäre Erziehung angedeihen.
Einmal mehr ist es Glavinics Figuren vergönnt, Bubenträume zu leben. Der patente Pate Picco fungiert als allmächtiger Rächer, der böse Liebhaber der Mutter wird beseitigt, ein grausamer Zahnarzt mit Dentalfolter und wohl auch Hinrichtung bestraft, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Nur der betrunkene Anästhesist, der den Tod des geliebten Bruders verschuldet hat, wird verschont.
Frühreif formuliert Jonas als Lebensziel, der zu werden, der er ist, und Picco unterstützt dies mit dem Geschenk eines Hauses, in dessen Zimmern die Zeit stillsteht. Jonas, der "König der Zeitkapsel", sammelt Geräusche und Düfte für seine "innere Galerie ewiger Augenblicke".
Die Rätsel Zeit und Geschwindigkeit: Jonas lotet seine Grenzen aus, beim Riesenwellensurfen, beim Bergabrasen mit diversen Fahrzeugen, eine Mutprobe, die Werner besteht, aber nicht überlebt. Später fährt der erwachsene Jonas (nach dem Vorbild seines Autors) einen geborgten Sportwagen zu Schrott.
Nach Piccos Tod steht Jonas allein da, das Erbe ermöglicht ihm eine fruchtlose Freiheit: Manisch fliegt er kreuz und quer durch die Welt, trinkt, nimmt Drogen. Ein Jahr lang spricht er mit keinem, zweimal lebt er zwei Jahre in Rom, ohne das Zimmer zu verlassen. In Oslo richtet er ein Museum für seine privaten Devotionalien ein.
Der Japaner Tanaka dient ihm als Profi der Wunscherfüllung, vom Dreimaster bis zur Privatinsel. Jonas' Gefährtinnen attestieren dem hektischen Ahasver, in sich zu ruhen wie kein anderer Mann: "Nichts wirft dich um. Du bist ein Berg." Weibliche Logik offenbar. Als selbstsüchtiger Riese versucht Jonas Selbstbehauptung durch Exzentrik und Egozentrik.
Kapitel für Kapitel widmet sich die Erzählung abwechselnd der Gegenwart von Jonas' Everest-Besteigung und deren Vorgeschichte, bis beides in eins fällt. Dieses Erzählmuster kam bereits in Glavinics vor 15 Jahren erschienenem Debüt, dem ­Schachroman "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden", oder in der Fußballklubmilieustudie "Herr Susi" zum Einsatz und lässt beim Gipfelsturm in Zeitlupe die Spannung wohldosiert wachsen.

Der Weg als Bild der Lebensreise, der Berg als der Ort der Erkenntnis zeigen hier ihre alpinistische Oberfläche, obwohl es dem Autor an authentischem Erleben mangelt.
Als hätten sich Karl May, Reinhold Messner und Christoph Ransmayr zur literarischen Seilschaft zusammengetan, ersteht höchst plastisch eine eigentümliche Welt aus touristischer Infrastruktur, Abenteuerglanz und mentaler wie körperlicher Extremerfahrung. Durch Jonas' Gletscherbrille beobachtet der Erzähler präzis Menschen mit rätselhaftem Antrieb und unterschiedlichem Gefühlsgepäck.
"Das größere Wunder" ist ein Entwicklungsroman ohne verfolgbare Entwicklung. Durch die tödliche Gebirgsherrlichkeit kämpft sich Schmerzensmann Jonas mit gebrochenem Herzen und ebensolchen Rippen empor. Der Alleingang bringt die letzte Läuterung, die den Gipfelsieg obsolet macht, und sogar ein Happy End: Die Apotheose des Individualismus gipfelt in verklärter Zweisamkeit.
Ist dieses Buch nun das angekündigte Opus magnum? Es ist jedenfalls dick. Gewiss ist Glavinic eine bizarr faszinierende Geschichte gelungen, doch liegt allzu viel Sentiment als Sediment auf dem Himalaya-Fels. Der propagierte Endsieg der Liebe hat etwas Mutwilliges, wir nehmen ihn dem Autor viel weniger ab als seine düsteren Diagnosen. Der Liebesguru Glavinic gleicht dem Knaben, der im Wald laut singt, um die Angst zu vertreiben.

"Die schönen Gefühle machen die schlechte Literatur", sagt Flaubert. Immer wenn unser Autor uns partout etwas mitgeben will fürs Leben, fehlt etwas zum ganz großen Wurf. Prominenz ist stets ein Missverständnis, wer wüsste das besser als Glavinic, der Jonas III zu Marie, der Musikerin, sagen lässt: "Mir imponiert nicht deine Berühmtheit, sondern wie gut das ist, was du machst."
Berühmt wurde Glavinic nicht mit seinem klugen Erstling und auch nicht mit der raffinierten Kriminalnovelle "Der Kameramörder" (2001), sondern erst mit "Die Arbeit der Nacht", von Freund Daniel Kehlmann im Spiegel frenetisch gelobt. Beharrlich setzt Glavinic auf Helden in extremis, und doch erkennt sein Alter Ego in "Das bin doch ich" (2007): "Das Heroische will nicht mein Fach sein".
Am besten war der Erzählberserker immer dort, wo es ihm gelungen ist, sich die Geschichte vom Leibe zu halten: durch Selbstironie und Übertreibung (wie in "Das bin doch ich"), durch den Plot oder auch die Form. Je strenger das Exerzitium, desto überzeugender das Ergebnis: unerreicht in "Der Kameramörder", wo wir das treuherzige und sprachlich gar schlichte Geständnis des Täters lesen, lange, ohne es zu merken.
In "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden" ist es der kongenial imitierte Stil der Neuen Sachlichkeit. In der haarsträubend komischen Ratgeberpersiflage "Wie man leben soll" (2004) hält Glavinic die Man-Form ein ganzes Buch lang eisern durch, ohne den Erzählfluss stocken zu lassen.
In "Lisa" (2011), dem Splatter-Movie-Roman, sind die Monologe, die das Erzähler-Ich auf der Flucht vor einem mörderischen Phantom fürs Internetradio hält, gröber gestrickt, aber allemal spannend, ehe das Krimikonstrukt wenig elegant mit dem metaphysischen Vorschlaghammer zertrümmert wird.
Die Ich-Erzählung zwischen Weltverdruss und Größenwahn, das scheinbar grobschlächtige Schwadronieren ist überhaupt die große Stärke des Steirers, die er schon in der vielfach – auch vom Autor selbst – unterschätzten beinharten Aufsteigersatire "Herr Susi" (2000) ausspielt.
Als Großmeister der abgrundtiefschwarzen Pointe hat Thomas Glavinic ein untrügliches Gespür für das Komische im Schrecklichen, den "fröhlichen Wahnsinn unserer Zivilisation" und das Peinliche einer Entgleisung, auch der eigenen, etwa in "Das bin doch ich", wo sein Namensvetter zwischen Geltungsdrang und Familienzwang, literaturbetriebsamer Geselligkeit und ungeheurem Durst aufgerieben zu werden droht. Ein witziges Buch, sicher, doch jedenfalls auch ein kluger Künstlerroman.

Neben der Komik ist das Unheimliche Glavinics Domäne. Sein fantastischer Realismus erfindet das Genre neu, sein Hang zu Spuk und Spiritismus scheint kaum durch narrative Selbstkontrolle gebremst. Anders als etwa bei Leo Perutz wird der magische Einfall nicht logisch durchexerziert, sondern zieht wiederum Unerklärliches nach sich und unterhöhlt den Boden der Wirklichkeit, bis sie seltsam blutleer anmutet. Blinde Flecken bleiben blind.
Die "kleineren" Wunder des neuen Romans, etwa Jonas' Fähigkeit des Gedankenlesens oder der postmortalen Kommunikation, stehen für sich. Was sich die Figuren erträumen, fällt nicht selten in die Kategorie "Männerfantasie" – ein Begriff, gegen dessen Hautgout der Erzähler in "Lisa" heftig polemisiert.
Das Kindliche macht diese Literatur stark und schwach. Sie erzählt von einem, der auszog, das Fürchten zu verlernen. Der Angsthase, heißt es, habe eben eine besondere "Witterung für Gefahren". Das kindliche Gemüt will die einfache Lösung, Rache, Liebe, Eierkuchen.

"Thomas Glavinic ist ein Achtjähriger, und ich muss mit ihm leben", heißt es in "Das bin doch ich". Glavinics Neigung zum Katastrophischen verleiht seinen Büchern, auch den lustigen, etwas Lauerndes und Vibrierendes. Eine Stimme aus der Gummizelle: "in mir tobt ständig etwas, und ich frage mich, was mich eigentlich zusammenhält. Nein, ich frage mich das nicht, ich weiß es ja, es ist das Schreiben."
Vielleicht haben die sprachlichen Schludrigkeiten, die man auch in "Das größere Wunder" findet, mit dieser Dringlichkeit zu tun. Dabei ist der ästhetische Kraftlackel sehr wohl auch ein Formziseleur, kann präzis und messerscharf formulieren.
Vergleicht man die dialektale Opulenz seines in Graz wirkenden "Herrn Susi" (so schöne Wörter wie "wischerln", "titschkerln", "eindividiert") mit dem Einheitsbundesdeutsch der letzten Bücher, stellt man fest, dass der Autor seinem Stil das Steirerblut ausgetrieben hat, das bekanntlich kein Himbeersaft ist.
Und das hat nicht nur mit Glavinics schönem Ehrgeiz zu tun, mit beinahe jedem neuen Buch ein neues Genre, einen neuen Ton zu erproben. Wirklich schiefgegangen ist das nur bei einem ebenso lustlosen wie unlustigen Text über eine gottlose Wallfahrt nach Medjugorje: "Unterwegs im Namen des Herrn" (2011) taugt weder als Reise- noch als Erweckungsbericht noch als deren Parodie.
Aber Glavinic liebt eben das Risiko. "Alle haben Angst zu scheitern und niemand hat etwas zu sagen", klagt das Ich in "Lisa". Kunst "ohne Eier", das ist ja tatsächlich schlimmer als ein Absturz mit Karacho. Thomas Glavinic schreibt keine Reißbrettliteratur, hier hat einer etwas zu sagen, mit Witz und Leidenschaft. Vielleicht gibt es wirklich zu wenig "intelligente Wüstlinge".

Daniela Strigl in FALTER 35/2013 vom 30.08.2013 (S. 38)


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