Der letzte Schrei
Erzählungen

von A. L. Kennedy

€ 20,50
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Übersetzung: Ingo Herzke
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.03.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Inneres Empfinden und äußerer Schein

A.L. Kennedy in rasendem Perspektivwechsel: "Der letzte Schrei" heißt der neue Erzählband der Schottin

Nur einen kleinen "Stachel der Möglichkeit" senkt Mark ins Herz der Frauen. Mehr nicht. Mehr geht nicht mehr, denn Mark, der notorische Fremdgeher, ist erwischt worden und muss in gespielter Willfährigkeit bei seiner Frau Pauline Abbitte leisten. Gemeinsam mit Pauline, die zu küssen für ihn dann einen besonderen Reiz hat, "wenn sie nach Verachtung schmeckte", ist Mark wegen einer Zugpanne vorübergehend auf einem namenlosen Rangierbahnhof in der englischen Provinz gestrandet.
Während die gereizt-träge Passagiermenge auf dem Bahnsteig auf Weiterfahrt hofft, taxiert Mark im Vorübergehen eine Frau, die daran gewöhnt ist, "nicht angemessen wahrgenommen zu werden". Mit Blicken stellt er ihr Leidenschaft in Aussicht, weidet sich an seinen Fantasiebildern, ihrer Verlegenheit und ihrer überraschten Hoffnung, um schließlich alles mit einem einzigen Lächeln des Bedauerns ("Und es ist jammerschade, dass ich nicht kann.") wieder auszuradieren.

Für ihn ist es eine Fingerübung. Mehr schmerzt Mark, dass er just erwischt wurde, als ihm erstmals schien, dass er es mit einer Geliebten – der 22-jährigen Alkoholikerin Emily – vielleicht ernst meinen könnte. Echtes Aufbegehren kommt für ihn aber auch nicht in Frage. Er genießt im Geheimen.
Ein Sympathieträger ist dieser Mark nicht, aber er ist ein idealer, facettenreicher Protagonist für eine Erzählung von A.L. Kennedy. Waghalsig und risikofreudig zeigt sich die Schottin (Jg. 1965) auch in ihrem neuen Erzählband "Der letzte Schrei", in dessen titelgebender, längster Story Mark sein Unwesen treibt.
In den insgesamt 13 Erzählungen des Buches geht es um Angriff und Verteidigung im privaten wie im öffentlichen Raum: Kämpfe ums soziale Überleben, intime Kämpfe zwischen zwei Menschen oder Körpern, Kämpfe um Wünsche, die unerfüllt bleiben, und gegen Albträume, die sich nicht abschütteln lassen. Und ganz besonders geht es um den Konflikt zwischen innerem Empfinden und äußerem Schein. Das sind die Schauplätze der A.L. Kennedy.
Kennedy ist inzwischen Meisterin einer Kompositionstechnik, derer sie sich schon in anderen Romanen und Erzählungen bedient hat: Kursiv gedruckte Passagen grenzen das Außen von der Innenperspektive ab und spitzen den Kontrast zwischen beiden zu. Wenn sich in "Baby Blue" eine frisch getrennte Frau in einen Sexshop verirrt, liest sich das dann so: "Die Verkäuferin war sofort – Kann ich Ihnen helfen? – ganz dicht an meinem Ellbogen, sie klang seltsam – Sie suchen nach etwas Bestimmtem? – was ich gar nicht tat – und stellte ihre Fragen wie eine Betreuungskraft oder so: nicht direkt eine Ärztin oder Krankenschwester, aber vielleicht eine Dentalhygienikerin oder ein hochpreisiger Friseur."
Die Perspektive wechselt ständig hin und her. Manchmal gibt es eine auktoriale Erzählstimme, manchmal ein "Ich", manchmal ein "Du". Beinah organisch greifen die Blickwechsel ineinander und fügen sich zum unverkennbaren Kennedy-Sound. Der besitzt die alte Sogwirkung, ist aber mit den Jahren anstrengender geworden. Vielleicht könnte man sagen: abstrakter und deutlich anspruchsvoller zu lesen. Als gäbe Kennedy sich nicht mehr einfach mit der guten, alten Kunst des Spannungsaufbaus und Dialogschreibens zufrieden.

Sie will experimentieren. Das Politische spielt dabei eine große Rolle. In "Die Auswirkungen der guten Regierung auf die Stadt" geht es um eine Soldatin, die mit ihrem Liebhaber einen Kurzurlaub in Blackpool verbringt. Das "beschissene Blackpool" wird unter ihren Blicken vom Tourismus-Mekka zur einsturzgefährdeten Fassade einer Zivilisation, die Folter von Gefangenen zulässt und den am Rande beteiligten Soldaten anrät, einfach nicht genau zuzuhören und hinzuschauen, "denn Zuhören zeigt Wirkung".
Die Sehnsucht nach Rettung und Heilung wird bei Kennedy selten erfüllt. Bei ihr bekommt nicht mal ein Scheidungskind den Hund, den es als Trost bräuchte. Worum es in den Geschichten geht, weiß man allerdings immer erst hinterher. Kennedy kommt von der Maschek-Seite und erwischt einen eiskalt. Sogar dann, wenn sie einen Kuss oder Hoffnung auf Versöhnung gestattet.

Julia Kospach in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 15)


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