Der Tag, als meine Frau einen Mann fand
Roman

von Sibylle Berg

€ 20,50
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Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.02.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Schonungslose Ehrlichkeit im Bauhausstil

In "Der Tag, als meine Frau einen Mann fand" schildert Sibylle Berg die Qualen eines Langzeitpaares

Machen wir uns nichts vor: Das Leben ist die Hölle. Ein Zumutungsmarathon, der ausnahmslos tödlich endet. Momente der Freude gewährt eine kurze hormonelle Springflut, die jedoch bald im staubigen Flussbett einer staatlich beglaubigten Lebensgemeinschaft versickert. Das Rinnsal der Lust wird schmaler und schmaler. Kann man sich nicht gleich die Kugel geben?
Könnte man. Oder man liest ein Buch von Sibylle Berg. Frau Berg nennt die Scheiße beim Namen und schildert das Leben, wie es ist, sogar noch ein bisschen schlimmer. Das ist ihr Trick, und dieser Trick bringt gleichzeitig einen therapeutischen Effekt mit sich. Die deutsche Schriftstellerin überzeichnet die Dinge mit spürbarer Lust, und als Leser darf man aufatmen, weil es im eigenen Leben zwar eh auch mühsam ist, aber doch nicht ganz so horrormäßig zugeht wie in Frau Bergs Büchern.

In "Vielen Dank für das Leben", ihrem letzten Roman, durfte man daran teilhaben, wie ein als Zwitter geborenes Heimkind alle Schmach dieser Welt erdulden musste. In ihrem neuen Werk richtet die 52-Jährige den Fokus ihres Interesses weg von geschlechtlichen Randgruppen und direkt drauf auf das malträtierte Herz der Gesellschaft: die monogame Langzeitbeziehung.
Rasmus und Chloe sind schon seit langem ein Paar: Er ist Theaterregisseur, sie ist seine Frau. Der Deutsche mit (finnischem) Migrationshintergrund war vor Ewigkeiten mal ein angesagter Regisseur, jetzt muss es die Provinz tun oder, wie im ersten Teil des Romans, das Ausland. Irgendwo in einem Dritte-Welt-Land, aber immerhin am Meer, versucht Rasmus Einheimische – Christoph Schlingensief, schau oba! – mit einem Theaterprojekt zu beglücken. Die wollen aber lieber Bier statt Kultur.
Ab und zu versucht Rasmus auch, der Morgenerektion sei Dank, seine Frau Chloe zu begatten, mit einem Schwanz, der "etwas schief gebogen, dünn und nach vorne spitz zulaufend" ist. Das Glück bleibt ein einseitiges. Die tropische Hitze, das kulturelle Desinteresse der Einheimischen und die Sackgassenhaftigkeit ihres Daseins setzen den beiden armen Berg-Protagonisten derart zu, dass sie sich in einem nahen Vergnügungsort der touristischen Unterschicht so richtig volllaufen lassen.
Als Special bekommt man danach noch eine kleine Sexmassage, jeder für sich. Was soll man sagen: Chloe hat mit dem jungen, göttergleichen Masseur Benny den besten Sex seit Ewigkeiten. Man gönnt es ihr von Herzen. Wo einst Verhärmtheit war, wächst nun sexuelle Hörigkeit. Bis zum Ende ihres Aufenthalts vögelt Chloe quasi durch.
Zurück in ihrer architektonisch anspruchsvollen Wohnungsanlage in Deutschland, in der zwischen Sichtbetonwänden Edward Hopper'sche Einsamkeitsgestalten verunglücken, siecht sie dahin. Doch der lockenköpfige Adonis reist ihr nach. Nach einiger Zeit entwickelt sich das Zusammenleben von Rasmus, Chloe und Benny zu einer sadomasochistisch grundierten Ménage-à-trois.

Da sagt man erst einmal: Uff! Und: Gratulation! Gratulation für tausend wahre Sätze. Man kommt aus dem Notieren fantastisch witziger, wundervoll böser und abgrundtief wahrer Sätze gar nicht mehr raus. Was Berg in ihrem Bauhausstil da über Paarbeziehungen, das Alter und den Alltag linksliberal-supertolerant-supertoter Paarbeziehungen bemerkt, hat die Klasse schonungsloser Ehrlichkeit. Und als Gimmick bekommt die deutsche Theaterszene noch 20 knackige Peitschenschläge auf ihren nackten Po.
Gut: Benny ist mit seinem sonnigen Wesen, seinem perfekten Körper und seinem Fickvirtuosentum etwas arg sexfantasieklischeehaft geraten, aber auch der mittelalten, mitteleuropäischen fiktionalen Frau sei ihr Spaß gegönnt. Bergs Volte zum Ende des Romans, als sie die abwechselnde Schilderung des Geschehens aus der Sicht von Rasmus und Chloe aufbricht und Bennys Perspektive für einmal mit einfließen lässt, wirkt wie eine misslungene Entschuldigung für die Flachheit der Figur.
Am Ende kommt es natürlich knüppeldick. Also: Herzinfarkt, Koma, Lungenentzündung, Syphilis. Einer wird vom Laster überfahren. "Die Wilden, Unbeherrschten" müssen sterben und "die grauen Mäuse bleiben übrig". So ist es eben, das Leben.

Stefan Ender in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 18)


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