Anleitung für eine Revolution

von Nadja Tolokonnikowa

€ 18,40
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Übersetzung: Friederike Meltendorf
Übersetzung: Jennie Seitz
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.02.2016


Rezension aus FALTER 9/2016

Keine Furcht vor dem Feind: Eine Kämpferin erzählt

Nadja Tolokonnikowa wurde mit der feministischen Punk-Band Pussy Riot berühmt. In ihrem Buch berichtet sie von Protest und Lagerhaft

Nadja Tolokonnikowa ist eine mutige Frau. Als politischer Aktivistin in Russland und Mitglied der feministischen Punk-Band Pussy Riot bleibt ihr auch nichts anderes übrig. Denn ihr auserwählter Feind ist niemand Geringerer als Präsident Wladimir Putin.
2012 stürmte sie mit Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch in bunten Strumpfhosen und Sturmhauben über dem Gesicht die Christ-Erlöser-Kirche in Moskau und die drei schrien ihr Punk-Gebet in die Menge der Gläubigen: „Muttergottes, Jungfrau, verjage Putin“.
Die Aktion richtete sich gegen die enge Verbindung zwischen orthodoxer Kirche und russischem Staat. Einige Tage später wurden die jungen Frauen festgenommen, einige Monate später verurteilt und in eine Straflagerkolonie im sibirischen Mordwinien überstellt. Diese Lager sind seit Sowjetzeiten berüchtigt für ihre grausamen Haftbedingungen. Nur Samuzewitsch entging diesen Qualen, sie bekam eine Bewährungsstrafe.
Über all das hat die 1989 im sibirischen Norilsk geborene Nadja Tolokonnikowa ein Buch geschrieben, das nun auch auf Deutsch erschienen ist. Schon mit 16 zog sie nach Moskau, begann Philosophie zu studieren und wurde Teil der avantgardistischen Performance-Kunstszene. Als politische Aktivistin wehrte und wehrt sie sich gegen das patriarchale System Russlands, die Macht der Oligarchen und des Präsidenten, Zensur auf allen Ebenen und die Macht der Kirche. Sie ist verheiratet und hat eine siebenjährige Tochter.
Wer allerdings glaubt, in ihrem Buch „Anleitung für eine Revolution“ tiefgehende selbstreflexive Gedankengänge über Protestkultur und das Eingesperrtsein in russischen Lagern vorgelegt zu bekommen, wird enttäuscht werden.
Die auf über 200 Seiten verstreuten Notizen, Liedertexte, Anekdoten und Kampfaufrufe funktionieren wie unaufhörlich abgefeuerte Gewehrsalven. Die Autorin hat Ziele und die verfolgt sie kompromisslos. Ihr Ton bleibt durchgehend fordernd und aggressiv. Sie ist bereit, sich über alles hinwegzusetzen, was sich ihr und ihrer Freiheit in den Weg stellt.
Doch eine Anleitung zur Revolution ist es keine, sondern ein Manifest ihres Mutes. Nach dem, was Tolokonnikowa schon alles erreicht und durchgemacht hat, liest es sich durchaus glaubwürdig, auch wenn das Buch in der Aufmachung etwas flapsig wirkt.
Es ist eine Autobiografie in Form einer Art Post-it-Ansammlung. Tolokonnikowa springt von einer Situation zur nächsten, klebt zu den Auszügen aus der Gerichtsverhandlung ein Erlebnis aus der Lagerhaft dazu, kehrt wieder zurück zu den Vorbereitungen des Punk-Gebets in der Christ-Erlöser-Kathedrale. Dazwischen montiert sie Kindheitserinnerungen, Zitate von Sokrates bis Slavoj Žižek und allerlei Parolen.
Tolokonnikowa widmet sich ausführlich dem Lagerleben, insbesondere den sexuellen Beziehungen der Insassinnen, und berichtet groteske Begebenheiten: „Im Knast ist die Teilnahme am Schönheitswettbewerb Pflicht“, erzählt sie. „Nimmst du nicht an der Wahl zur Miss Liebreiz teil, gibt es einen Vermerk in deiner Akte: ‚... verfügt über keine aktive Lebenseinstellung.‘ Ich habe den Wettbewerb boykottiert.“
Die Frauen müssen 16 Stunden am Tag arbeiten und sind ständig der Willkür der Wärter ausgesetzt. Tolokonnikowa tritt in den Hungerstreik. Im Buch gibt sie eine Reihe von Anweisungen, wie man sich auf die Haft vorbereiten kann, etwa: „Lerne, deine Notdurft in Anwesenheit von mehreren Dutzend Menschen zu verrichten: Einzelkabinen sind nicht vorgesehen.“ Oder: „Schließe dich für eine Woche in einem kalten Raum ein: Bestrafung im Knast heißt, allein in eine dunkle, eisige Zelle gesperrt zu werden.“

Aber warum das alles? Weder Tolokonnikowa noch ihre Mitstreiterinnen waren verwundert, als sie verhaftet wurden, wiewohl sie es als große Ungerechtigkeit empfanden und das vor Gericht auch kundtaten. Doch dass das Gefängnis in Putins Russland die Konsequenz ihres Handelns sein würde, war ihnen von Anfang an klar.
Tolokonnikowa schreibt: „Was zwingt uns zu handeln? Die Tatsache, dass die wichtigsten politischen Institutionen unseres Landes Sicherheitsorgane, Armee, Polizei, Geheimdienste und Gefängnisse sind. Und ein durchgedrehter Möchtegern-Superheld, der halbnackt auf einem Pferd reitet und vor nichts und niemandem Angst hat, außer vor Homosexuellen. Ein Mann, der so großzügig ist, dass er das halbe Land an seine engsten Freunde verschenkt hat – die Oligarchen. Erst wenn wir gemeinsam handeln, können wir andere Institutionen etablieren.“
Doch vieles hat sich seit dem Pussy-Riot-Punk-Gebet verändert: Russland führte Krieg gegen die Ukraine, annektierte die Krim. Putin ist ohne Frage stärker geworden. Ist da eine Revolution noch möglich? In ihrem Buch verspricht Tolokonnikowa: „Hättet ihr uns besser nicht eingesperrt. Selber schuld: Jetzt werden wir euch nicht so schnell in Ruhe lassen.“
Tolokonnikowa und Aljochina wurden im Dezember 2013, kurz vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi, begnadigt. Sie gründeten eine NGO für die bessere Behandlung von Gefangenen und treten nach wie vor in der Öffentlichkeit gegen Putin und seine Politik auf.
Als das Urteil über die drei Frauen der Pussy-Riot-Band verlesen wurde, fiel der Rubel an der Börse ins Bodenlose, schreibt Tolokonnikowa und setzt unter diesen Bericht einen Ratschlag, der im Fall einer Revolution die Mächtigen tatsächlich empfindlich treffen würde: „Lass deine Revolte Panik an der Börse auslösen.“ Anleitung hin oder her: Aus Tolokonnikowas Buch kann man einiges lernen. Zum Beispiel Furchtlosigkeit.

Stefanie Panzenböck in FALTER 9/2016 vom 04.03.2016 (S. 20)


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