Hundert Jahre Revolution
Russland und das 20. Jahrhundert

von Orlando Figes

€ 26,80
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Übersetzung: Bernd Rullkötter
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Regionalgeschichte, Ländergeschichte
Umfang: 384 Seiten
Erscheinungsdatum: 23.02.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Das Russland, nach dem sich Putin sehnt

Geschichte: Orlando Figes' Meisterwerk erklärt die Vergangenheit Russlands und damit auch seine Gegenwart

Oktoberrevolution und Sowjetmacht gehören zu den großen Rätseln des 20. Jahrhunderts. Deren Anfang und Ende rufen gleichermaßen Erstaunen hervor: Wie gelang es 1917 einer kleinen Gruppe von Revolutionären, das riesige Russland in kürzester Zeit in seine Gewalt zu bringen? Warum verschwanden deren Nachfolger samt allmächtigem Staatsapparat 74 Jahre später fast sang- und klanglos von der Bildfläche?

Der vielleicht prominenteste unter den jüngeren Russlandspezialisten, die sich an dieser Frage abarbeiten, ist der britische Historiker Orlando Figes. Drei seiner allesamt exzellent geschrieben voluminösen Bücher – "Die Tragödie eines Volkes" (1998), "Nataschas Tanz. Eine Kulturgeschichte Russlands" (2002) und "Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland" (2008) – haben unterschiedliche Phasen des Sowjetexperiments zum Gegenstand und gelten als Standardwerke.
Orlando Figes' jüngste Publikation "Hundert Jahre Revolution. Russland und das 20. Jahrhundert" ist ein Meisterwerk, sowohl was die Klarheit der Darstellung als auch die Gewichtung der Fragestellungen betrifft. Wider alle Marktschreierei, was die Brisanz seines Gegenstandes betrifft, erklärt er im Vorwort: "Ungeachtet seiner jüngsten Intervention in der Ukraine ist Russland nicht länger die aggressive Bedrohung, die es einst für den Westen darstellte, wenngleich es auf seine Nachbarstaaten aus der ehemaligen Sowjetunion anders wirken mag. Es zettelt keine ausländischen Kriege mehr an. Wirtschaftlich gesehen ist es nur noch ein blasses Abbild des Kraftzentrums, das es unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg war. Siebzig Jahre Kommunismus haben es ruiniert."

Der revolutionäre Zyklus Russlands beginnt für Orlando Figes 1891 mit der gewaltigen öffentlichen Resonanz auf eine dramatische Hungersnot, die 36 Millionen Menschen zwischen Ural und Ukraine betraf. Russland politisierte und organisierte sich erstmals gegen seine Regierung. Bislang war die Grundhaltung der Leibeigenen gewesen: "Was bedeute ein armer Bauer für einen hohen Herren? Nicht einmal so viel wie ein Hund. Der kann wenigstens zubeißen, während der Bauer alles hinnimmt."
Das Zarentum sah sich weder der Ausnahmesituation noch der ohnehin rasanten Urbanisierung des Landes oder der Entwicklung der Marktwirtschaft gewachsen. Zar Nikolaus II. jammerte in sein Tagebuch: "Was soll nur aus mir werden und aus Russland?"
Eine gescheiterte Revolution im Jahr 1905, widersprüchliche Reformversuche und der fatale Erste Weltkrieg führten 1917 zu jener vielfach mythisierten Oktoberrevolution, die der Historiker Figes nüchtern sieht: "im Grunde nur ein Putsch, der unbemerkt von der großen Mehrheit der Einwohner Petrograds verlief".
Den Kommunismus brachte die Revolution dennoch hervor: Zuerst im äußerst blutigen russischen Bürgerkrieg in Form des sogenannten Kriegskommunismus, später Grundlage des totalitären Sowjetstaates. Ab 1924 waren Terrorregime und kommunistischer Führerkult voll etabliert – für Lenin, den Führer der Revolution, macht der Historiker sarkastisch mildernde Umstände geltend: "Unter Lenin wurden weniger Menschen umgebracht. Lenin zögerte nicht, Revolutionsgegner umbringen zu lassen, er gestattete aber nicht, dass man seine Parteigenossen wegen ihrer politischen Überzeugungen inhaftierte oder ermordete."

Bezeichnend, dass acht der 20 Kapitel von Figes' Buch dem System Stalin gewidmet sind. Revolution bedeutete für diesen Kampf gegen die Bauern, Industrialisierung, seine Mittel waren Terror und Gulag, unter Stalin erfolgte eine Kulturrevolution vom kommunistischen Internationalismus zum russischen Nationalismus. Der feierte auch nach dem Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg" – der Sieg im Zweiten Weltkrieg wurde wichtigster Gründungsmythos der UdSSR – fröhliche Urstände.
Stalins führender Ideologe Andrej Schdanow erklärte etwa, die russische Literatur habe "das Recht, anderen Völkern eine neue, universelle Moral beizubringen". Die von vielen Frontsoldaten im Zweiten Weltkrieg erlebte "spontane Entstalinisierung" führte als Hoffnung auf einen Kommunismus mit menschlichem Antlitz zu Chruschtschows "Tauwetter" und bildete auch noch für Gorbatschows Perestroj­ka Mitte der 1980er-Jahre die Grundlage weiterer "Revolutionen".
Wenig bekannt ist, dass auch Gorbatschow seine Reformen mit der Losung "Zurück zu Lenin!" begann.

Figes' Befund über das Ende der Sowjetunion: "Keines der Probleme, die Gorbatschow durch Reformen lösen wollte, bedrohte die Existenz des Sowjetsystems. (…) Die wirkliche Krise war eine Folge von Gorbatschows Reformen, nämlich die Auflösung von Macht und Autorität der Partei." Die Situation wurde revolutionär, weil die herrschende Elite auf die Seite des Volkes überwechselte. Der britische Historiker kritisiert schließlich auch den Westen, der 1991, nach der Auflösung der UdSSR, bloß "an wirtschaftlicher Liberalisierung interessiert war" und sich um Demokratie in Russland nicht weiter scherte. "Durch den Zusammenbruch des Sowjetsystems wurde die Verteilung der Vermögen und Macht in Russland keineswegs demokratisiert."
Damals, nach dem Ende des Kommunismus, habe niemand die Wiederkehr eines autoritären Staats erwartet – Wladimir Putins aktuelle "Rückforderung der sowjetischen Vergangenheit" mache es notwendig, dass wir "den Bolschewismus – seine Vorgeschichte und sein Erbe – von Neuem im langen Bogen der Geschichte betrachten".
Kurz: Auch wer Russland heute verstehen will, muss Orlando Figes lesen.

Erich Klein in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 37)


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