Flüchtiger Glanz
Roman

von Joan Sales

€ 26,80
Lieferung in 2-7 Werktagen

Nachwort von: Eberhard Geisler
Übersetzung: Kirsten Brandt
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 576 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.09.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Am Ende der Illusion bleibt Religion

„Flüchtiger Glanz“, Joan Sales’ großer Roman über den Spanischen Bürgerkrieg, liegt endlich auf Deutsch vor



Was ist der Krieg? In „Flüchtiger Glanz“ ist er ein endloses Warten im Hinterland und an der Front, das manchmal von einer kurzen Sturmflut der Gewalt unterbrochen wird. Und wenn die Mühsal des Kriegsalltags lange genug dauert, wenn im Bürgerkrieg Freunde Freunden und Nachbarn Nachbarn gegenüberstehen, „würden wir am Ende feststellen, dass alle republikanischen Soldaten zu den Faschisten übergelaufen wären und umgekehrt“. Alle wären von den Gräueltaten an der Front gleichermaßen angewidert und an dem Punkt angelangt, an dem die Frage, auf welcher Seite man steht, irrelevant geworden ist. Eine so gut wie die andere. Eine so schlecht wie die andere. Eine Einsicht, von der sich niemand mehr erholt.

Derjenige, der mit solchen Gedanken einen Frontkameraden aufhorchen lässt, heißt Soleràs. Er spielt in „Flüchtiger Glanz“, Joan Sales’ großem Kriegsroman über den Spanischen Bürgerkrieg, der nun erstmals in deutscher Übersetzung erscheint, die Rolle des Advocatus Diaboli: Soleràs ist der große Nein-Sager und so widersprüchlich wie das Kriegsgeschehen selbst, das ihn und seine Freunde im Katalonien der 30er-Jahre überrollt. Ob er ein Zyniker ist oder ob seine Kratzbürstigkeit eine verzweifelte Sehnsucht verbirgt, bleibt offen. Zum Helden aber eignet er sich noch weniger als alle anderen.



Drei Jahrzehnte Arbeit

Die Arbeit an „Flüchtiger Glanz“ hat den Katalanen Joan Sales (1912–1983) über mehr als drei Jahrzehnte beschäftigt. Sein Roman entstand um 1948 nach der Rückkehr aus dem mexikanischen Exil und erschien erstmals 1956 – verstümmelt von der Zensur des faschistischen Franco-Regimes. Erst 1971 konnte er zur Gänze erscheinen. Es war das erste Buch nach dem Bürgerkrieg, das vom Krieg nicht aus Sicht der siegreichen Franquisten erzählte, sondern aus der Perspektive des unterlegenen republikanischen Lagers, zu dem auch Sales selbst zählte. Der Krieg hatte seine Illusion zertrümmert, die Gesellschaft ändern zu können, und ließ ihn zeitlebens nicht aus seinen Fängen. „Sie waren so schön, unsere Ideale, damals, als noch niemand versucht hatte, sie zu verwirklichen!“, heißt es einmal.



Die Leere im Herzen

Kommunismus, Anarchismus, Nationalismus, Faschismus – keine Ideologie hatte die Hoffnungen der Generation erfüllt, die mit Sales jung gewesen war. Deren Exponenten blieben zurück, enttäuscht und dauerhaft beschädigt, und konnten es nicht verwinden, dass sich der Glanz, der für einen kurzen Augenblick über ihren Leben als junge Kämpfer gelegen hatte, in Absurdität, Schmerz und Trauer verwandelt hatte.

Sales gruppiert seine Kriegserzählung um drei Hauptfiguren, denen er je einen Romanteil widmet. Den Auftakt macht Lluís. In Briefen an seinen Bruder erzählt der junge Jurist aus Barcelona von der republikanischen Front in den entlegenen Bergdörfern von Aragón, von seinen Erlebnissen, Sehnsüchten und Zweifeln. Seine Gefährtin Trini und seinen kleinen Sohn hat er in Barcelona zurückgelassen. Der Kampf auf der Seite der Republikaner ist ihm Protest gegen seine gutbürgerliche Herkunft, und auch der Ort, an dem er sich in eine komplizierte, anstrengende Liebelei mit der unnahbaren und berechnenden Witwe eines Landaristokraten verstrickt.

Trini ist die Erzählerin des Mittelteils. Ihr Leben im Hinterland ist bestimmt von den Entbehrungen des Kriegsalltags in Barcelona, der Sehnsucht nach Lluís und ihrem großen Ringen um das, was einmal ihre Überzeugungen waren.

Die Tochter eines Atheisten, Anarchisten und Pazifisten tritt auf der Suche nach Trost zum Katholizismus über, dessen erprobte Rituale ihr wenigstens einen Abglanz jener Transzendenz versprechen, die ihr weder ihre bald enttäuschte Liebe zu Lluís noch der Kampf um gesellschaftlichen Wandel bieten kann.

Sales’ dritter Romanteil stellt den Priester Cruells in den Mittelpunkt. 20 Jahre sind seit dem Krieg vergangen. Cruells, der mit Trini, Lluís und Soleràs befreundet war, blickt zurück auf die Monate der Kämpfe. In seiner Figur beschreibt Joan Sales die Leere, die das Erlebte im Herzen aller Figuren zurückgelassen hat.

Wenn Lluís am Beginn des Romans noch die Frage umtreibt „Sind wir ganz und gar geisterhafte Gestalten, Wolken, die nicht mehr erhoffen können, als einen Augenblick des Glanzes zu erleben, einen einzigen Augenblick, bevor wir vergehen?“, dann mag man darin noch eine verborgene Zuversicht entdecken. Wenn Cruells, der zum Arbeiterpriester geworden ist, aus großem Abstand zurückblickt, gibt er sich keinerlei Illusionen mehr hin: „Wann, wann nur wird uns die Wahrheit durchdringen, dass wir in der Ödnis dieser Welt keinen anderen Trost erwarten dürfen als den Gottes? Die Einsamkeit ist unser täglich Brot.“



Verzweifelte Hinwendung zu Gott

Allem hat der Krieg restlos den Garaus gemacht, vor allem den Beziehungen. Die Liebe ist im Keim erstickt – auch jene, die Lluís, Soleràs und Cruells für Trini empfunden hatten. Nur der Glaube scheint dem großen Nichts noch irgendetwas Tragfähiges entgegensetzen zu können.

Das Hadern und Ringen mit dem Glauben bildet denn auch den Hintergrund des Romans, zu dem auch die Beschreibungen der makabren antiklerikalen Gräueltaten während des Bürgerkriegs zählen. Die Religion muss zerstört werden, wo politische Überzeugungen ihren Platz einnehmen wollen. Doch sobald diese scheitern, bleibt nur die verzweifelte Hinwendung zu Gott, wenn der vollends desillusionierte Mensch nicht gänzlich den Boden unter den Füßen verlieren will. Das ist der Punkt, an dem Joan Sales plötzlich sehr nahe an Dostojewski ist.

Julia Kospach in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 13)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen