Ewige Jugend
Eine Kulturgeschichte des Alterns

von Robert P. Harrison

€ 25,60
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Übersetzung: Horst Brühmann
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/Kulturgeschichte
Umfang: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 24.08.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Die Jugend von heute ist das, was sie noch nie war

Kulturgeschichte: Robert P. Harrison erklärt, warum wir mit unserem Jugendkult der Jugend keinen Gefallen tun



Die Jugend von heute ist auch nicht mehr, was sie früher einmal war, und mit solchen Jungen wird alles den Bach runtergehen. Dieses Lamento scheint ein stabiler Standard der Menschheitsgeschichte zu sein. Aber etwas ist mittlerweile in Schieflage geraten.



Wo soll man sudernde Alte auftreiben, wenn die moderne Gesellschaft die Jugendlichkeit zum Ideal erhoben hat, jeder und jede darauf besteht, das Jungsein bis weit über die Lebensmitte in die Länge zu ziehen, und dabei schamvoll die Falten versteckt, die nichtsdestotrotz den in Leisure-Wear gehüllten Leib verunzieren? Und auch wenn der Leib altert, der Reifung zum Erwachsenen kann man sich noch immer widersetzen! Die perpetuierte Unreife als Lebensprinzip – das ist es, womit wir immer mehr zu tun haben, konstatiert Robert P. Harrison. Und ohne Folgen kann das nicht bleiben, vermutet der Stanford-Professor in seiner Kulturgeschichte des Alterns mit dem Titel „Ewige Jugend“.

Denn die „beispiellose Verjüngung, die über die westliche Kultur und ebenso viele andere Kulturen hinwegfegt“, stellt sich als durchaus ambivalente Angelegenheit dar. Wir leben in einer Gesellschaft, so Harrison, die „ihre intergenerationale Kontinuität“ zu verlieren droht. Es scheine nur so, als gehöre die Welt heute vor allem den Jüngeren. Tatsächlich lauern Gefahren im Aufkündigen des geregelten Generationenwechsels und in der lautstarken Jugendverherrlichung.

Die kulturelle, historische Verortung geht darüber verloren, und die aktuellen Zeitläufte berauben die Jungen unwissentlich der wesentlichen Quellen ihrer Identitätsbildung, glaubt Harrison: „Wir fördern die Sache der Jugend nicht, wenn wir ihr Begehren infantilisieren, statt es zu erziehen.“ Die, die einmal die Verantwortung für die Welt übernehmen sollen, machen wir nicht zu Erben, sondern zu Waisen der Geschichte.

Altersgemäßes Verhalten tut also not. Und zwar unserem historischen Alter gemäß, was bedeutet, die Historie nicht aus den Augen zu verlieren und in Bezug auf sie nach Umbruch und Erneuerung zu streben. Harrisons Buch kann man als Appell zu einer ausgewogenen Balance zwischen Tradition und Moderne lesen und als besorgtes Plädoyer für die Sache der Jungen, denen es angesichts des stetigen Bildschirm- und Globalnetzrauschens, das sie umgibt, vor allem an der Ruhe und Muße des Alleinseins mangelt. Deren bedürften sie, um ­Anbindung an die eigenen kulturellen und historischen Wurzeln finden und sich zu Gemeinschaftswesen entwickeln zu können.

Harrison sucht – und findet – in Philosophie, Literatur, Poesie, Ideengeschichte und Staatslehre zahlreiche Ideen, um seine eigenen Gedanken zu untermauern. Mit ihnen fragt er nach den Grundfesten unseres kulturellen, evolutionären und biologischen Alters. Die Begriffe von Genie (der Jugend) und Weisheit (nicht nur des Alters) dienen ihm dabei als die Pole, in deren gelungenem Wechselspiel er seine Thesen zum Altern aufspannt.



Die Eröffnung von „Ewige Jugend“ ist feurig, doch alle Freunde von Robert Harrisons so wunderschön mäandernden essayistischen Studien zur Kulturgeschichte der Gärten oder des Waldes werden bald feststellen, dass er sich diesmal nicht recht zwischen essayistischem und akademischem Duktus entscheiden kann. „Ewige Jugend“ ist deutlich weniger leicht zugänglich als Harrisons Bücher davor. Diesmal lassen einen gerade die Gedankenschlenker, denen man in seinen anderen Büchern bereitwillig und voll Vergnügen gefolgt ist, ab und zu ungeduldig werden, weil sich ihre Relevanz nicht gleich erschließt. Etwas von dieser strukturellen Problematik muss auch der Autor selbst schon geahnt haben, wenn er im Vorwort schreibt, er traue es seinen Lesern zu, auch angesichts des gewundenen Wegs dieses Buches Kurs zu halten.

Doch genau diesen Kurs verliert man manchmal aus den Augen, auch wenn man Harrisons Buch in einem seiner wesentlichen Befunde zustimmt, nämlich dass Erziehung nur gelingt, „wenn sie den Sirenenklängen der Aktualität widersteht und die Dimension des Unzeitgemäßen offenhält“.

Julia Kospach in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 53)


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