Die Musiktherapie
Songs und Stücke für Lebens- und Stimmungslagen aller Art

von Pietro Leveratto, Alexander Weber

€ 20,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Judith Elze
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Musik, Film, Theater/Musik
Umfang: 448 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.09.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Für alle Stimmungen und Verstimmungen

Musik: Unterhaltsame Themenverfehlung: Pietro Leveratto empfiehlt Musik für alle Lebenslagen



Er ist nicht der Erste, der Musik therapeutische Wirkung zuschreibt, ja sie als eine heilende Kraft versteht. Aber Pietro Leveratto, 1959 geborener Jazz-Kontrabassist und Lehrer am Konservatorium Genua, hat sich sehr konkret überlegt, welche Musik in welcher Situation hilfreich sein kann. Der Titel seines Buchs „Die Musiktherapie. Songs und Stücke für Lebens- und Stimmungslagen aller Art“ könnte einen dazu verleiten, es als einen dieser Ratgebertexte zu lesen, die ein besseres Leben versprechen. Das ist es zum Glück nicht. Der Autor verfolgt jedoch auch keinen ernsthaft wissenschaftlichen Ansatz. Am besten versteht man sein Buch als ein Sammelsurium von Überlegungen dazu, was Musik im Menschen auslösen kann, wie bestimmte Musikstücke auf sein Gemüt einwirken und bestimmten Gemütszuständen entgegenwirken können.



Gegliedert ist es wie ein Lexikon, es enthält Ein- und Beiträge von A wie „Aggression beim Autofahren“ bis Z wie „Zwanghaftigkeit“. Daran kann man schon erkennen, dass das Spektrum in dem Band von Musik für sehr konkrete Situationen bis hin zu komplexeren Dingen wie Persönlichkeitsstörungen reicht.

Leveratto kommt vom Jazz. Seine Empfehlungen sind allerdings erfreulich breit aufgestellt und decken von Klassik bis zu relativ aktueller Popmusik fast alles ab. Aufbrausenden Automobilisten etwa empfiehlt er Stücke von Mozart („Canzonetta sull’aria“) über Erik Satie („Gymnopédie No. 1“) und La Monte Young („The Second Dream …“) bis zu George Harrisons „Om Hare Om (Gopala Krishna)“ und „Pure Shores“ von der einstigen britischen Girlband All Saints. Ah ja, und auch noch was von New-Age-Popstar Enya. Kurz: Nicht alles davon muss jedem gefallen, aber es sollte für jeden Geschmack etwas dabei sein.

Manche Einträge sind eher praxisorientiert, andere kleine Feuilletons. So etwa der Eintrag zu „Wiederholungszwang“: „Kennen Sie das? Bevor Sie das Haus verlassen, kontrollieren Sie stets drei Mal, ob Sie den Herd ausgeschaltet haben. Ebenso häufig greifen Sie in die linke Manteltasche, um sicherzugehen, dass Ihr Schlüssel noch da ist. Halbwegs beruhigt (und nur ein ganz klein wenig verspätet) verlassen Sie die Wohnung, nur um zwei Minuten später zurückzurennen und noch einmal nachzugucken, ob der Herd aus ist.“

In solchen Fällen hat der Musiktherapeut keine klingende Abhilfe parat, sondern beschränkt sich auf Musikstücke, die damit korrespondieren. Beim „Wiederholungszwang“ analysiert er Maurice Ravels „Boléro“: „In der Melodielinie gibt es keine einzige Änderung, und trotzdem vermeidet dieser Extremfall der Repetition dank der gekonnten Instrumentierung jegliche Monotonie. Als Zuhörer kann man nicht anders, als in den unermüdlichen Wiederholungen genussvoll zu schwelgen.“ Wiederholungszwang auf höchstem Niveau also.

An diesen Beispielen lassen sich auch schon die Stärken und Schwächen des Ansatzes ablesen. Wer Musikstücke für gewisse (Ver-)Stimmungslagen sucht, wird nicht immer fündig werden; wer lieber schöne Abhandlungen über Musik und den Menschen lesen will, wird zwar ebenfalls bedient, ohne jedoch auf einen roten Faden zu stoßen. Als Ganzes krankt „Die Musiktherapie“ am Fehlen einer These und Systematik. Das verhindert auch, dass man sich richtig darin festlesen kann. Merkwürdig ist weiters, dass bei einem Wälzer von mehr als 400 Seiten auf eine Einleitung verzichtet wurde.



In manchen Situationen ist auch der beste Musiktherapeut überfragt. Bei „Zahnweh“ kann Leveratto keine Schmerzlinderung bieten, sondern lediglich Musik, „die ihrerseits dermaßen hämmernde oder bohrende Schmerzen verursacht, dass Sie Ihr Zahnweh schlichtweg vergessen“ – harte Kost von Ministry, Slayer, Napalm Death sowie Lou Reeds „Metal Machine Music“. Bei „Migräne“ wiederum flüchtet er sich in eine Aufzählung von Musikern, die vermutlich darunter litten. Dieses Buch ist eine mittelschwere Themenverfehlung, aber eine absolut kurzweilige und lesenswerte.

Sebastian Fasthuber in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 49)


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