Zwischen mir und der Welt

von Ta-Nehisi Coates

€ 20,50
Derzeit nicht lieferbar

Übersetzung: Miriam Mandelkow
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.02.2016


Rezension aus FALTER 5/2016

Schwarz oder weiß, es verändert dein Leben

Ta-Nehisi Coates’ Brief an seinen Sohn ist das Buch der Stunde für alle, die sich Sorgen über Rassismus machen



Knapp fünf Jahre ist sein Sohn Samori alt, als der amerikanische Journalist Ta-Nehisi Coates mit ihm an der Upper West Side, einem wohlhabenden, traditionell weißen Viertel von New York, ins Kino geht. Vater und Sohn steigen von der Rolltreppe, plötzlich schiebt den Buben eine weiße Frau von hinten an. „Mach schon“, sagt sie.

„Ich drehte mich um und richtete Worte an diese Frau, in denen der ganze Augenblick und meine gesamte Geschichte aufloderten“, beschreibt Coates in seinem neuesten Buch „Zwischen mir und der Welt“ den Zwischenfall. Es sei so viel auf einmal geschehen: „Zunächst die typische Reaktion jedes Menschen, wenn ein Fremder Hand an den Körper seines Kindes legt. Dann die Zweifel an meiner Fähigkeit, deinen schwarzen Körper zu schützen. Und noch mehr: mein Gefühl, dass diese Frau ihre Vormachtstellung herauskehrte.“

Als Brief an seinen heute 15-jährigen Sohn geschrieben, erzählt Coates in „Zwischen mir und der Welt“ von seiner Jugend im segregierten und von Gewalt geschüttelten Baltimore, seinem intellektuellen Werdegang als Student und Journalist und dem Tod eines Freundes durch die Schüsse eines Polizisten. Coates’ Resümee ist ernüchternd: Er glaube nicht, dass Rassismus in Amerika ausgemerzt werden kann – zu alltäglich und institutionalisiert sei er. Der „Traum“ der Weißen sei darauf aufgebaut, schwarze Körper zu zerstören; Sklaverei, Rassentrennung und Diskriminierung machten und machen den Erfolg der Nation überhaupt erst möglich. Obwohl – oder vielleicht gerade weil –

Coates dafür kritisiert wurde, durch diese Hoffnungslosigkeit zu Resignation zu verleiten, war das Buch, das im Juli 2015 in den Vereinigten Staaten veröffentlicht wurde und nun in deutscher Übersetzung erscheint, ein umfassender, preisgekrönter Erfolg.



Die Veröffentlichung fällt in jene Zeit, in der die Morde an jungen, schwarzen, unbewaffneten Männern durch Polizisten vermehrt an die Öffentlichkeit gelangten. Am Anfang des Buches beschreibt Coates die Reaktion seines Sohnes auf den Verzicht einer ­Anklage gegen Darren Wilson, jenen Polizisten, der 2014 den 18-jährigen Michael Brown in Ferguson, im US-Bundesstaat Missouri, erschoss. Samori habe geweint, doch der Vater habe ihn nicht getröstet. „Stattdessen habe ich dir das gesagt, was deine Großeltern mir schon zu erklären versucht haben: dass dies dein Land ist, dass dies deine Welt ist, dass dies dein Körper ist und du irgendwie darin leben musst.“

Als im folgenden Jahr die Protestbewegung #BlackLivesMatter an Stärke gewinnt, wird Coates’ zum Liebling der liberalen, intellektuellen (und vielfach weißen) Oberschicht. Von New York Times bis Publishers’ Weekly erntet „Zwischen mir und der Welt“ enthusiastische Kritiken. Wer keine Zeit oder Erfahrung habe, sich eine eigene Meinung zu bilden, lagere es an Coates aus, schreibt die Washington Post mit spitzer Feder. Und: „Wenn Rassismus Amerikas älteste Sünde ist, ist Coates zu lesen seine jüngste Absolution.“



Coates hat es keineswegs verdient, zur Galionsfigur des schwarzen Amerikas vereinfacht zu werden: Er ist akribisch recherchierender Journalist, der seit 2008 regelmäßig für die Zeitschrift The Atlantic schreibt.

Seine Sprache geht in ihrer Direktheit nahe, auch wenn sie manchmal zum Pathetischen neigt. Man fühlt sich vom Brief des strengen, besorgten, aber liebevollen Vaters, der sich fragt, wie sich das Leben des Sohnes vom eigenen unterscheiden wird und was er dafür tun kann, um ihn zu beschützen, direkt angesprochen.

Auf konkrete Ratschläge kann Samori Coates aber nicht zählen. Dies sei auch nicht die Aufgabe von Schriftstellern, argumentiert Coates. Stattdessen beschreibt er die Welt, wie er sie erlebt.

Möglicherweise liegt darin der Grund für seine Beliebtheit. Man sieht die Welt aus einer anderen Perspektive, versteht sie ein wenig besser und will sich selbst überlegen, was man verändern kann. Oder auch nicht.

Anna Goldenberg in FALTER 5/2016 vom 05.02.2016 (S. 15)


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