Weltschatten
Roman

von Nir Baram

€ 26,80
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Übersetzung: Markus Lemke
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 512 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.07.2016

Die amerikanische Beratungsfirma MSV steuert Wahlkampagnen rund um den Globus, angeblich im Namen von Demokratie und Gerechtigkeit. Doch die Realität sieht anders aus: Intrigen und Skandale, korrupte Investoren, denen nichts heilig ist. Einem der hochrangigen Campaigner reicht es: Daniel Cay nimmt Kontakt zu einer Gruppe junger Anarchisten auf, die sich im Kampf gegen Globalisierung und Kapitalismus über alle Regeln hinwegsetzen. Man ruft schließlich zu einem gigantischen, weltweiten Streik auf. Mit meisterhaftem Blick für die globalen Zusammenhänge legt Nir Baram, der „beste junge Schriftsteller aus Israel“ (NRC), seinen Finger in die offenen Wunden eines Systems, das vom Hunger nach Geld und Macht beherrscht wird.

Rezension aus FALTER 41/2016

Wer regiert die Welt? Das ist ein weites Veld

Ivan Vladislavic erkundet die staubigen Ränder Johannesburgs, Nir Baram den globalen Kapitalismus

Darf man ein Buch nach dem Cover judgen? Bo Diddley singt „nein“, und recht hat er. Beweisstück A und B: zwei Bücher mit fast demselben Cover, die aber in nahezu jeder Hinsicht verschieden sind – hier wie dort irritierend gespiegelte Stadtansicht aus der Halbvogelperspektive, zwischen den Buchdeckeln konträre Wege und Blickwinkel.
Der 1957 in Pretoria geborene südafrikanische Autor Ivan Vladislavic untersucht in seinem schon 2004 im Original erschienenen „Exploded View Johannesburg“ die ausfransenden Ränder der dynamisch-wilden Metropole. Ein Exploded View, eine „Explosionszeichnung“, bezeichnet im Ingenieursjargon die auseinandergezogene Darstellung aller Teile einer Maschine. Die vier kaum zusammenhängenden Episoden des Romans lassen sich so als Anweisung zum Zusammensetzen eines Stadt- und Gesellschaftsbilds deuten,.

Die wahre Protagonistin des Romans, die Topografie, ist allerdings unscharf, unsauber, chaotisch: Zwischen Stadtautobahn, Neubaugebieten und dem weiten Veld, dem südafrikanischen Grasland, navigieren die Protagonisten unsicher und entwurzelt durch den Staub. Rollen und Identitäten im Post-Apartheid-Südafrika werden immer wieder neu verteilt, und der Stadtrand bleibt trotz aller Weite klaustrophobisch, mit Highways, die nur wieder zurück oder in den Stau führen.
Passend zum Ingenieurstitel sind alle vier Hauptfiguren Männer, die es logisch angehen. Ein Statistiker, der auf dem Sofa einer bekannten Fernsehansagerin in ihrer abgeschlossenen, im toskanischen Stil gehaltenen Gated Community sitzt. Ein Sanitätsingenieur, der mit seinen schwarzen Kollegen über eine Baustelle stiefelt, auf der die noch kaum fertigen Häuser schon wieder auseinanderfallen und der sich beim Abendessen in seinem afrikanischen Outfit fehl am Platz vorkommt. Ein selbstständiger Bauunternehmer. Wie im Vorbeifahren werden diese schematischen Antihelden kurz skizziert, deren Brüche bisweilen von recht viel reflexiver Fugenmasse zugekittet („Wie viel Bedeutung sollte er diesen Details beimessen?“).

Dichter und konkreter wird es dafür im weitaus besten Viertel des Romans: Das Porträt des erfolgreichen schwarzen Künstlers Simeon, der seine Pieces aus pseudotraditionellen, tatsächlich aber massenproduzierten Holzmasken fertigt, ist ruhig und ausgewogen und doch mit der permanenten Drohung unterlegt, dass die Gewalt, die seine Kunst widerspiegelt, von irgendwoher ins reale Leben einbrechen könnte. Angesichts der souveränen Sezierung des Kunstbetriebs verwundert es nicht, dass Autor Vladislavic immer wieder mit Künstlern und Fotografen gearbeitet hat. Leider hält die deutsche Übersetzung nicht immer dieses Niveau, etwa wenn cufflinks mit handcuffs, also Manschettenknöpfe mit Handschellen verwechselt oder queen size beds mit „Königinnengröße“ übersetzt werden.
Kein Peripherie-Porträt, sondern gleich den ganzen Globus hat sich der 40-jährige israelische Autor Nir Baram in seinem Roman „Weltschatten“ vorgenommen. Drei Handlungsstränge winden sich über gut drei Jahrzehnte um die Welt und widmen sich der Frage, wer im Spätkapitalismus die Deutungshoheit über die zunehmend beschädigte Demokratie innehat.
Ist es die einst mit hehren Zielsetzungen gegründete amerikanische Agentur, die vom Kongo über Bolivien bis zur Wiener Bürgermeisterwahl Kandidaten spindoktort und sich am Rebranding blutiger Krisenregionen versucht? Oder die eingeschworene Männergesellschaft in Jerusalem, die zu keinem Geschäft nein sagt und die den jungen Gavriel Manzur zögerlich als Bindeglied zum US-Geschäft aufnimmt? Oder die zersplitterte Facebook-Rebellion, in der die Verlierer des Turbokapitalismus zum weltweiten Generalstreik aufrufen und zu Helden eines neuen Nihilismus werden?
Klingt kompliziert, und in der Tat nimmt sich der aus einer Politikerdynastie stammende Nir Baram nach eigenem Bekunden gerne Projekte vor, von denen er nicht weiß, ob sie ihm gelingen. Die auf über 500 Seiten ausgebreiteten Wirtschafts- und Politintrigen hätten ziemlich zäh, belehrend oder akademisch ausfallen können. Tun sie aber nicht, vor allem, weil Baram seine Geschichte ganz dicht an den Figuren entlang erzählt. Weltpolitik und Persönliches sind untrennbar miteinander verschweißt, und gerade das macht den Roman so packend wie realitätsnah.
Wo die landläufigen Verschwörungstheorien immer davon ausgehen, dass sich die Superbösewichte einigen und alles erreichen, was sie auf ihren Geheimkonferenzen beschließen, machen in der Realität menschliche Eitelkeit, Inkompetenz und Streitsucht allen kollektiven Weltherrschaftsplänen irgendwann den Garaus.
Aber auch die global verstreuten Rebellen von der Revolution 2.0 ringen intern mit Führungspersönlichkeiten, die sich ständig legitimieren müssen, und Underdogs, die unverhofft zu medialen Märtyrern werden, und das Politberatungs-Jungtalent Daniel Kaye fällt trotz 700.000 Dollar Jahresgehalt vom Glauben ab und wechselt die Seiten.

Nir Baram gelingt es nicht nur, alle Fäden in der Hand zu behalten und nebenbei die Innenpolitik gut eines Dutzends Staaten zu erklären, sondern auch eindeutige Zuschreibungen zu vermeiden. „Weltschatten“ ist eben kein James-Bond-Film, sondern ein tatsächlich großer Roman des globalen Spätkapitalismus, der aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird, ohne großes Aufhebens darum zu machen oder sein Ziel aus den Augen zu verlieren. Und letztendlich behalten die Buchumschläge dann doch recht: Hier wie dort wird ein anderer Blick auf die Welt gewährt, wenn man nur in die richtige Richtung schaut.

Maik Novotny in FALTER 41/2016 vom 14.10.2016 (S. 19)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Exploded View. Johannesburg (Ivan Vladislavic, Thomas Brückner)

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