Von Vögeln und Menschen

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Vor dem Amsterdamer Hauptbahnhof klafft eine Baugrube. Auf dem schmalen Steg davor begegnen sich zwei Frauen. Schreiend beginnt die jüngere auf die ältere einzuschlagen, bis diese in die Grube stürzt und den Tod findet. Seit ihrer Kindheit hat Marie Lina den Gedanken an Rache im Herzen getragen, an diesem Tag bricht er sich Bahn. Marie Linas Mann ist Vogelvertreiber am Flughafen, sie führen eine gute Ehe. Die tiefe Wut seiner Frau aber kann er nicht vertreiben. Warum hat Marie Linas Mutter einst einen Mord gestanden, den sie nicht begangen hat? Von Vögeln und Menschen ist ein Roman über drei starke Frauen – spannend, dicht und unglaublich raffiniert erzählt.

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FALTER-Rezension

Schuldlose Frauen leiden Not. Das Rollfeld ist der Ente Tod

Was eine Trauerelster auf dem Flugfeld von Schi­phol verloren hat, bleibt ein wenig rätselhaft, denn eigentlich ist Platysmurus leucopterus in Südostasien beheimatet. Rinus sind die übellaunigen Rabenvögel aber lieber als die putzigen Knäk- und Krickenten, weil sich erstere hüten, als Vogelfaschiertes in einem Triebwerk zu enden – und das zu verhindern ist der Job von Rinus. Der hat einst die wunderschöne Hortense aus Curaçao mit nach Hause gebracht, diese an seinen Bruder verloren, dann aber ohnedies die von ihm innig geliebte Marie Lina kennengelernt. Die wiederum ist die Tochter der berüchtigten Louise Bergman, die für einen Mord an einem freundlichen, von ihr betreuten 90-jährigen (der im übrigen drei Jahre zuvor einen jungen Mann vor dem Ertrinken gerettet hat) jahrelang im Gefängnis sitzt, obwohl sie die Tat gar nicht begangen hat. Nach ihrer Entlassung wird sie rehabilitiert und von Marie Lina gerächt, die ihrerseits die wahre Mörderin … usw., usf.
Das wäre in aller Kürze ein kleiner Ausschnitt dessen, was man zu großen Teilen bereits auf den ersten 50 Seiten des jüngsten Romans von Margriet de Moor erfährt. So viel muss man aber gar nicht lesen, um zwei essenzielle Dinge zu kapieren: Die Autorin mag ihre Figuren – und sie scheißt sich nix.
Margriet de Moor kam 1941 als eines von zehn Kindern eines Lehrerehepaares auf die Welt, sie ist studierte Musikerin und gilt als Grande Dame der niederländischen Literatur. Allerdings erzählt sie so undamenhaft, dass man wünschte, wesentlich jüngere Kolleginnen würden sich eine Scheibe von ihrer narrativen Chuzpe abschneiden. Ihr geradezu nonchalant auktorial erzählter Roman wechselt die Perspektiven und Zeitebenen, wie er’s grad braucht, zappt lässig zwischen Flashbacks und -forwards hin und her, switcht für einen Satz in die Psyche eines Säuglings. Poetisch oder unverblümt, stets ist der von Helga Beuningen ins stimmige Deutsch gebrachte Stil frisch und überraschend, mitunter von haiku­hafter Konzentriertheit: „Die Morgensonne fällt durch die Gardinen ins Zimmer wie durch ein Sieb. Ich bin stolz auf mein Glück. Ich lausche den Vögeln.“

Die Frauenzeitschriftenrezensionen, die nicht ausbleiben können, werden vermutlich darauf hinweisen, dass „starke Frauen“ im Zentrum des Romans stünden. Dagegen ist nichts einzuwenden, die Männer sind aber auch nicht übel, selbst wenn oder gerade weil sie – wie der kreuzsympathische Rinus – als „der schüchternste und stoffeligste junge Mann“ eingeführt werden, der dem eigenen Vater je begegnet ist. Wenn „Van vogels et mensen“, wie das Original betitelt ist, eine Anspielung auf Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“ enthält, dann hat sie der Rezensent nicht kapiert. Dürfte aber auch wurscht sein. De Moors unbetulicher, der „blinden somatischen Lust“ (Theodor W. Adorno) verpflichteter Humanismus – in wenigen Romanen wird derart viel geschlafen! – überzeugt auch so, und man erfährt darüber hinaus noch Interessantes über das niederländische Rechtssystem: So werden Ausbruchsversuche von Gefängnisinsassen nicht geahndet, denn so was gilt dort „als philosophisches Menschenrecht“.

Klaus Nüchtern in Falter 8/2018 vom 23.02.2018 (S. 31)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446258198
Erscheinungsdatum 19.02.2018
Umfang 272 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl
Übersetzung Helga van Beuningen
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