Geburtstag
Wie es kommt, dass wir uns selbst feiern

von Stefan Heidenreich

€ 19,60
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Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/Kulturgeschichte
Umfang: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.03.2018

Rezension aus FALTER 11/2018

Privatisierung, Papier und Paraffin

Kulturgeschichte: Stefan Heidenreich klärt darüber auf, warum, seit wann und wie wir Geburtstag feiern

Das Fest der Feste gilt dem Selbst. Der individuelle Geburtstag überstrahlt in vielen Leben alle kollektiven Feten. Das war nicht immer so, erfahren wir in einer Kulturgeschichte des Sich-selbst-Feierns. „Wahrscheinlich sind in keiner Epoche der Menschheit mehr Geburtstagsgedichte verfasst worden als heute“, meint Stefan Heidenreich. Denn noch nie haben so viele Menschen Text unter die Leute gebracht: auf Facebook, Twitter und Instagram. Erstaunlich, dass bislang niemand das Fest mit der Torte einer näheren Untersuchung unterzog! Denn: „Das Geburtstagsfest ist (…) keinesfalls so normal und selbstverständlich, wie es uns heute erscheint“, befindet der Kommunikationswissenschaftler Heidenreich: „Vielmehr handelt es sich um eine vergleichsweise komplizierte Erfindung, geboren aus einer Vielzahl kulturhistorischer Voraussetzungen.“
Einen der ersten Geburtstage kennen wir von Ovids Notizen aus dem Exil. Von der heutigen Vorstellung eines gelungenen Fests unterscheidet sich seine Party in einigen Details: Ovid feiert den Geburtstag einer Abwesenden, er feiert alleine – und er huldigt genau genommen gar nicht der Verehrten, sondern ihrer Schutzgöttin. Schutzgötter gab es im alten Rom für alle und alles. Für Frauen hießen sie Juno, für Männer Genius. Jenen Genien,
die nicht über Personen wachten, sondern über Orte, verdanken wir den heute noch bekannten „Genius loci“.

Götter ließen sich leichter feiern als einzelne Menschen. Denn gefeiert wird meist mit mehreren, naheliegend sind also Anlässe, die viele betreffen: Festtage von Heiligen und Göttern oder Jubiläen wichtiger Ereignisse. Um einen ganz privaten Anlass zu feiern, braucht es eine gehörige Portion Selbstbewusstsein. Die Römer zelebrierten sich und ihre Genien oft gemeinsam – mit einem Fest für alle an einem bestimmten Tag Geborenen.
Heidenreich beleuchtet sowohl mentale als auch materielle Voraussetzungen für die heutige Geburtstags-Festkultur. Denn für den großen Geburtstagskuchen braucht es mehr Zutaten, als man meinen sollte. Die erste ist das eigenverantwortliche Ich – und das gibt es noch nicht so lange. In der Antike konnte man sich noch auf eine reiche Auswahl an Göttern berufen, wenn man etwas ausgefressen hatte, und auch im Mittelalter noch auf Schicksal oder Schöpfer. Auf uns selbst zurückgeworfen wurden wir erst mit der Freiheit der Neuzeit. „Ich denke, also bin ich“, hieß die entscheidende Erkenntnis, die „ein französischer Soldat in Diensten der bayerischen Armee in seiner überheizten Stube“ notierte, so Heidenreich über Descartes.
Heißt sich selbst zu denken, sich selbst zu feiern? Dazu braucht es auch technische Voraussetzungen: Mehrere Kapitel widmet der Autor der Historie des Kalenders sowie jenen, die in ihm Geburtsdaten festhalten. Während China auf eine mehrtausendjährige Bürokratiegeschichte zurückblickt, erfassen in Europa weltliche Beamten unsere Daten erst seit Beginn der Neuzeit. Zuvor wurden wenige Geburtstage gefeiert – ganz einfach weil vor 1600 nur sehr wenige Menschen ihren Geburtstag überhaupt kannten.
Heidenreich betrachtet die große Party mit breitem Horizont und tiefgehender Recherche. Der gebürtige Oberschwabe studierte Philosophie, Kommunikationswissenschaft und Germanistik. Seither beschäftigt er sich in Lehre und Forschung mit Medientheorie an mehreren Universitäten, unter anderem an der ETH Zürich. Seinen präzisen Blick hat er schon in mehreren Sachbüchern bewiesen, darunter auch einem über die Finanzkrise ab 2007. „Mehr Geld“ (2008) erhielt gute Kritiken für seine treffenden Analysen.

Der Paukenschlag zur Ermöglichung der Geburtstagsfeiertradition war billiges Papier. Ab etwa 1600 konnten damit amtliche Geburtsregister zu günstigen Preisen geführt werden, und bald war sogar die Buchführung im familieneigenen „Hausbüchlein“ erschwinglich. Mit dem Papier änderte auch unser Selbstverständnis, meint Heidenreich und bringt einen unerwarteten Faktor ins Spiel: die Ablassbriefe. Der Deal, hohe Geldbeträge gegen ein (nunmehr billiges) Stück Papier zu tauschen, das einen von allen jenseitigen Strafen befreie, war dem frommen Mönch Martin Luther bekanntlich so zuwider, dass er eine ganze Kirchenspaltung vom Zaun brach. Was das mit Geburtstagsfeiern zu tun hat? Der Gläubige wird damit vom Schaf zum Rechtssubjekt, erklärt der Autor: „Schafe sind alle gleich und folgen der Herde. Doch das individuelle Stück Papier verwandelt die Herde der Gläubigen in eine Vielzahl einzelner Kunden.“ Damit beginne jene Privatisierung, die zum modernen Feiern des Individuums führt.
Betrachtungen aus einem originellen Blickwinkel lassen neue Zusammenhänge erkennen – und bringen geistreiche Unterhaltung. Der Kontrast zur vorhandenen Geburtstags-Sachliteratur könnte kaum größer sein: Bisher erschienen vor allem Jahrbüchlein im Glückwunschformat à la „Wir vom Jahrgang 1968!“. Hier beschreibt einer, der gründlich Recherchieren gelernt hat, nicht nur, wann wie gefeiert wurde, sondern auch, wie es dazu kam. Dabei bleibt er stets wertschätzend gegenüber den sich selbst zelebrierenden Mitmenschen: Auch die Eitelkeit und den Narzissmus könnte man noch gut zu diesem Reigen der Geburtstags-Zutaten einladen. Doch Heidenreich lässt sie draußen und begnügt sich mit gesundem Selbstbewusstsein.
Geburtstag, das heißt heute vor allem auch Kindergeburtstag. Dieser ist noch nicht so lange denkbar. Bis ins 18. Jahrhundert scheute man angesichts der horrenden Kindersterblichkeit davor zurück, der Ankunft des nächsten womöglich flüchtigen Nachwuchses allzu große Bedeutung beizumessen. Erst als die Bedingungen besser und die individuellen Entwicklungen näherer Betrachtung wert werden, etabliert sich der Kindergeburtstag. Im 19. Jahrhundert nimmt die Geselligkeit dann allmählich ihre heutige Gestalt an. Dank Erfindung von Backpulver und Paraffin gibt es nun zwei wesentliche Zutaten mehr: Kuchen und Kerzen.
Heidenreichs Werk ist selbst wie ein Fest: ein Ereignis, das einen auf leichte und inspirierte Art andere Aspekte des Lebens sehen lässt; bekannte Puzzlesteine, die sich in ein neues Bild fügen, und Bemerkenswertes, das man so noch nie gehört hat. So passt der schlanke Band gut zu dem besonderen Tag, um den er sich dreht. Als Geburtstagsgeschenk.

Andreas Kremla in FALTER 11/2018 vom 16.03.2018 (S. 45)


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