Ingrid Wiener und die Kunst der Befreiung
Wien 1968 | Berlin 1972

von Carolin Würfel

€ 22,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Kunst, Literatur/Biographien, Autobiographien
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.01.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Porträt einer Avantgarde-Künstlerin als Köchin

Biografie: Carolin Würfel legt ein Buch über Ingrid Wiener vor, das mehr die Szenefigur beleuchtet als die Künstlerin

Dieses Gruppenbild mit Dame ist legendär: 1968 fotografierte Christian Skrein sieben recht arrogant in die Kamera blickende Figuren der Wiener Kulturszene. Während die Herren Dominik Steiger, Kurt Kalb, Walter Pichler, Christian Ludwig Attersee, Ernst Graf und Oswald Wiener mit ihren Nachnamen überschrieben sind, wird die einzige Frau schlicht mit „Ingrid“ tituliert. Es tut wenig zur Sache, dass Ingrid Wiener damals selbst auf ihrem Vornamen bestanden haben soll, nichtsdestotrotz macht das Foto den Machismo der 1960er-Jahre überdeutlich.

Die deutsche Journalistin Carolin Würfel legt nun eine Publikation über Ingrid Wiener vor, die keine Biografie, sondern ein „Porträt“ sein soll. Das Buch ist zwar mit „Wien 1968 / Berlin 1972“ untertitelt, aber diese vier Jahre bilden nur einen Schwerpunkt.

Würfels Stärke ist ihr lockerer und doch persönlich-verbindlicher Tonfall. Wer wenig über die Nachkriegsavantgarde weiß, erhält eine niederschwellige Einführung. Allerdings erzählt diese in erster Linie ein ungewöhnliches Frauenleben und nicht die Vita einer Künstlerin. Wieners Gedanken über ihr Schaffen oder zu ästhetischen Fragen fehlen. Durch einen Wandteppich wird die Zeit Online-Redakteurin auf Wiener aufmerksam. Als ihr die Galeristin daraufhin von deren spannendem Leben erzählt, möchte sie sie treffen. 2013 findet in der Steiermark eine erste Begegnung mit Ingrid und ihrem Mann Oswald, genannt „Ossi“, statt.

Wegen zu viel Schönheit von der Schule geschmissen: So könnte man das Ende von Wieners Gymnasiallaufbahn pointiert wiedergeben. 1942 geboren und behütet aufgewachsen, reift die kleine Ingrid zu einer derart attraktiven Teenagerin heran, dass ihr Mathematikprofessor die Disziplin der Mitschüler gefährdet sieht. Wiener wechselt auf die Handelsschule. Ihr graut vor einem faden Leben in einem Büro. Wie heftig der Freiheitsdrang der 14-Jährigen war, beweist die Anekdote, wie sie einen Zuhälter um Sexnachhilfe bittet. In einem Stundenhotel bringt er ihr bei, wie sie einen Mann befriedigt; das Mädchen selbst kommt nicht. Mit dem Literaten Konrad Bayer tritt der erste wichtige Gefährte in Wieners Leben. Bayer macht die junge Frau mit seinen Kollegen von der Wiener Gruppe bekannt, mit denen sie fortan im Café Hawelka sitzt.

Wiewohl im Austausch mit Wiener selbst entstanden, enthält das Buch kaum Zitate der Auskunftgeberin. Stattdessen schildert Würfel Begebenheiten immer wieder auf literarische Weise. Geben diese Passagen die Memoiren der Künstlerin wieder? Oder hat sich die Autorin die Szenen, Stimmungen und Zitate nur so imaginiert? Ihre Close-ups auf die Bohème wandeln bisweilen hart an der Grenze zum Klischee. Gut gelingt ihr hingegen der Crashkurs zu österreichischen Kunstskandalen der Nachkriegszeit, vom Zerhacken eines Klaviers 1959 durch Gerhard Rühm und Friedrich Achleitner bis hin zur Aktion „Kunst und Revolution“ an der Universität Wien 1968. Wiener hat derweil das Weben gelernt und sich mit Waltraud Höllinger (Valie Export) befreundet. Über die Beziehung der „schönen“ Ingrid und der radikalfeministischen Valie wird leider wenig verraten.

Die zweite Hälfte des Buches widmet sich Wieners Leben in West-Berlin, wohin sie mit Ossi nach der Uni-Aktion flieht. In den nächsten 15 Jahren steht die Stiefmama der TV-Köchin und designierten grünen Europaabgeordneten Sarah Wiener vor allem am Herd. Ihre nacheinander eröffneten Szenelokale sind jedes Mal ein voller Erfolg, lassen aber wenig Raum für die Kunst.

David Bowie und Iggy Pop trinken an ihrer Bar, Filmstar Peter O’Toole möchte Wiener nach Venedig entführen: Glamour in Kreuzberg. Das Buch endet mit der Auswanderung 1986 nach Kanada. Es sei der Künstlerin gelungen, „die Welt der Männer für ihr eigenes Wachsen zu nutzen“, schreibt Würfel. Dazu nur so viel: Dass kein einziger ihrer tollen Gobelins in dem Buch abgebildet ist, ist eine Schande.

Nicole Scheyerer in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 40)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen