Gringo Champ
Roman

von Aura Xilonen

€ 23,70
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Übersetzung: Susanne Lange
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 336 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.01.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Rocky meets Rimbaud

Ruppig, romantisch, pubertär: Aura Xilonen erzählt in „Gringo Champ“ vom Aufstieg eines jungen mexikanischen Boxers

Schon in der ersten Szene geht es zur Sache. Ein junger Mexikaner namens Liborio beobachtet von der Buchhandlung aus, in dem er arbeitet, wie eine „Chica“ auf der Straße belästigt wird – und wirft sich ins Geschehen: „Komme dem Fips also von hinten und schwengle ihm den Schuh gegen den Knöchel, der krümmt sich wie eine Nacktschnecke, die an Regentagen die Scheibe runterkriecht, schön langsam, dann schwinge ich ihm mit voller Wucht einen olympischen Haken hinten gegen das Oberlicht. Zack! Bumm! Kawatsch!“

Aber Liborio kann nicht nur effektiv austeilen, sondern auch einstecken wie kein anderer. Bald schon kursiert im Internet ein Video, das seine imposanten Nehmerqualitäten belegt. Liborio wird zur urbanen Legende, und die Boxclubs beginnen sich für diesen seltsamen Waisenjungen zu interessieren, der illegal über den Rio Grande in die USA gekommen ist.

Nachdem die Buchhandlung überfallen wurde und Liborio auf der Straße landet, beginnt er, sich als Sparring-Boxer über Wasser zu halten. Aber schon bald macht er sich selbst einen Namen und verwirklicht den American Dream: vom illegalen Einwanderer zum unschlagbaren Box-Champion. Rocky lässt grüßen.

In ihrer Heimat Mexiko wurde „Gringo Champ“ der 2015 als Debüt der damals gerade einmal 19-jährigen Aura Xilonen als literarische Sensation gefeiert. An die eigenwillige Sprache muss man sich in der Übersetzung allerdings erst einmal gewöhnen: an die „Mackerfacker“, „Scheißmickerficker“, „Fipse“ und „Muckefucker“, das „fokkin“ in jedem zweiten Satz. Schwer zu sagen, ob das im Original auch so hölzern klingt wie im Deutschen – obwohl es an manchen Stellen auch einen mitreißenden Flow entwickelt.

Man merkt dem Roman das Alter der Autorin an, die hochgestochenen Ambitionen, Rocky und Rimbaud in einem sein zu wollen. Er ist eine wilde Mischung aus literarisch aufgepimpter Gossensprache und altmodischem Minnesang, zwischen harten Kampfszenen, rabiaten Flüchen und Kraftausdrücken und romantisch-unschuldiger Lovestory, die ganz ohne Sex auskommt. Liborio, der edle Boxer, ist verliebt in die Fremde, die er vor dem Buchgeschäft verteidigt hat und nun nach und nach kennenlernt.

Mit der Zeit verschwindet das Kraftmeierische der Geschichte, die Sprache wird sanfter, die Personen werden konkreter. Die geheimnisvolle Fremde heißt Aileen. „Zum ersten Mal berühre ich ihre Hand mit der meinen. Einen Moment lang betaste ich all ihre Papillarlinien, all ihre Fingerglieder, all ihre Bronzenägel, spüre sie als Labyrinth. Stehe auf, ohne sie loszulassen. Die Gebäude tummeln sich um uns herum.“

Der Roman hat allerdings auch noch eine zweite, eher bildungsbürgerliche Dimension. Denn in seiner kleinen Dachkammer über der Buchhandlung verschlingt der Underdog die Klassiker der Weltliteratur – von Homer bis Cervantes, von Dante bis Dickens.

Die Faszination, die von diesen auf ihren Helden ausgeht, beschreibt Xilonen durchaus originell. Bei ihr ist der Leser ein Voyeur: „Als ich begonnen hatte, Büchlein zu lesen, die keine Bilder mehr enthielten, fand ich Gefallen an den Gedanken der Leute, die da drinnen lebten, zusammengepresst zwischen den Seiten, ohne dass sie den Mund öffnen mussten. Man war da wie ein fokkin Spanner, der alles sah, was in ihrem Inneren geschah.“

Schließlich beginnt der Protagonist selbst zu schreiben. Die eingeschobenen Rückblenden über seine Flucht in die USA sind eigentlich Briefe an seine Geliebte. Liborio ist eine Art moderner Don Quijote, ein Migrantenjunge, der gegen die Windmühlen von Vorurteilen und Ausgrenzung kämpft, und dabei seine ideale Geliebte Dulcinea anhimmelt.

Das ist alles reichlich pubertär und manchmal schwer auszuhalten in seinem Pathos. Gleichzeitig beeindruckt die Energie und Wucht, mit der die Autorin einem ihr Buch ins Gesicht knallt.

Karin Cerny in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 22)


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