Süßer Ernst
Roman

von A. L. Kennedy

€ 28,80
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Ingo Herzke
Übersetzung: Susanne Höbel
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 500 Seiten
Erscheinungsdatum: 05.11.2018


Rezension aus FALTER 50/2018

Menschenrecht auf Honigbrot

In „Süßer Ernst“ macht es A.L. Kennedy ihren beiden Protagonisten nicht eben leicht, zueinanderzufinden

Es gibt eine schöne Geschichte von Philip K. Dick mit dem Titel „Menschlich ist …“. Sie handelt von einer Ehefrau, deren ekelhafter Gatte von einer intergalaktischen Reise zurückkehrt und auf einmal total nett ist. Des Rätsels Lösung: Die Psyche des Originals wurde durch die eines Rexorianers ersetzt, dessen Genderbewusstsein sich an alten terrestrischen Liebesromanen orientiert. „Super Deal“, denkt sich die Frau, behält den Mann und hält den Mund.

Männer, die mit ihren Vorstellungen von Galanterie ein bisschen aus der Zeit gefallen sind, kommen auch in den Romanen der Schottin A.L. Kennedy vor. In „Also bin ich froh“ („So I Am Glad“, 1995) verliebt sich die Heldin in einen Kerl, der ganz ernsthaft beteuert, die Reinkarnation von Cyrano de Bergerac zu sein. Und der Protagonist ihres jüngsten, soeben in deutscher Übersetzung erschienenen Romans „Serious Sweet“ (2016) hat sich dazu entschlossen, einem seltsamen Nebenerwerb nachzugehen: Als Ministerialbeamter steht Jon Sigurdsson als Troubleshooter zur Verfügung; unter dem Namen Corwynn August bietet er per Zeitungsinserat ein maßgeschneidertes Service: „Handgeschriebene Briefe nach den Bedürfnissen der anspruchsvollen Frau. Zuneigungsbekundungen und Respekt wöchentlich geliefert. Antwort nicht erforderlich.“

Und siehe da: Ein kleiner Markt tut sich auf, Angebot trifft auf Nachfrage. Nicht immer auf die richtige. Aber sobald Schlüpfrigkeiten, Schweinkram und Schlimmeres verlangt werden, bricht Jon/Corwynn den Kontakt sofort ab. Im Falle von Meg Williams ist das nicht nötig. Meg will genau das, was geboten wird; und weil sie vom Inhalt der auf edlem Papier geschriebenen Briefe auf die Seele des Verfassers schließt, passt sie diesen vor dem als Wohnadresse getarnten Schließfach ab und gibt sich als „Sophia“ zu erkennen – denn auch sie hat sich für ihre Korrespondenzen ein Pseudonym zugelegt.

Boy meets girl – die älteste Geschichte der Welt. Allerdings sind die beiden hier nicht mehr ganz taufrisch: Er zählt 59, sie 45 Lenze. Darüber hinaus teilen sie sich noch das Handicap, Figuren in einem Roman von A.L. Kennedy zu sein. Und die hat ein Faible und ein Händchen für Charaktere, die einigermaßen von der Rolle und aus der Spur sind – um es einmal zurückhaltend zu formulieren. Sowohl Jon als auch Meg stammen aus einfachen Verhältnissen und haben auf der sozialen Leiter eigentlich einige Sprossen nach oben genommen. Allerdings ist Meg eine bankrotte Buchhalterin und (trockene) Trinkerin, die nun Teilzeitarbeit in einem Hundeheim macht; und Jon ist nicht nur dermaßen ausgelaugt und frustriert, dass er zum Whistleblower wird, sondern auch noch schwer beschädigt, nachdem er sich von seiner untreuen Frau hat scheiden lassen.

Wie James Joyce’ „Ulysses“ trägt sich die Handlung von „Süßer Ernst“ an einem einzigen Tag zu; und wie schon in Kennedys Roman „Das blaue Buch“ wird zwischen personalem Erzählen in der dritten und inneren Monologen in der ersten (manchmal auch der zweiten) Person gewechselt und darüber hinaus die Typografie gewechselt. Letzteres ist ein überflüssiger Manierismus, Ersteres nicht immer überzeugend oder nötig, da sich die Autorin ohnedies ganz nahe an ihre Protagonisten heranschreibt. Hinzu kommt, dass die teils extensiven Rückblenden die Konstruktion des uhrzeitgemäß getakteten – 06:42, 07:58, 09:36, … – Handlungsablaufs unterminieren. Und schließlich muss auch noch angemerkt werden, dass in einer Selbstverachtungs- und -bezichtigungsspirale gefangene Menschen unfassbare Nervensägen sind, was durch die permanente Artikulation der Einsicht „Ich weiß, dass ich alle nerve“ durchaus nicht gemildert wird.

Diese Einwände vorausgesetzt, ist indes darauf zu bestehen, dass die streckenweise anstrengende Lektüre von „Süßer Ernst“ der Mühe lohnt. Das hängt damit zusammen, dass Kennedy nicht nur eine große Autorin, sondern auch eine große Moralistin ist. Ihre Antiheldinnen und -helden haben einiges aufgepackt bekommen, und das soll man auch beim Lesen spüren.

Die sich über acht Seiten hinziehende Schilderung eines bei vollem Bewusstsein erlittenen Eingriffs in einem ganz offensichtlich totgesparten Krankenhaus geht in jeder Hinsicht unter die Haut. Die Autorin mutet ihren Figuren (sowie den Lesern) also einiges zu, aber nie verkommt dies zum Sozialporno-Chic und zur selbstgefälligen „Schau, wie hart ich kann“-Attitüde à la Strunk & Schalko.

Kennedy will ihren Figuren gut. Und verbietet sich genau deswegen die billige Ausflucht ins Sentiment. „Wie immer man es betrachtet, wir sind zwei arme Ärsche“, meint Meg einmal zu Jon. „Süßer Ernst“ ist ein einziger Einspruch dagegen; und Kennedys große Kunst besteht darin, die Armearschhaftigkeit gnadenlos auszuleuchten, aber sie nicht das letzte Wort behalten zu lassen.

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, hat es Franz Kafka fast etwas kitschig formuliert. A.L. Kennedy greift lieber zum Messer statt zur Axt. Als Jon Lust auf Honigbrot bekommt, kann Meg aushelfen: „Butterschale, siehst du? Du schneidest das Brot, ich hole Honig.“ Ein Menschenrecht auf Honigbrot – auch das ist mit „Süßer Ernst“ gemeint.

Klaus Nüchtern in FALTER 50/2018 vom 14.12.2018 (S. 31)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen