Das Feld

von Robert Seethaler

€ 22,70
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Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.06.2018


Rezension aus FALTER 23/2018

Die Welt von vorgestern

Robert Seethaler lässt die Toten erzählen und kommt über besseren Kitsch nicht hinaus

Der österreichische Autor Robert Seethaler reüssierte zuletzt mit „Ein ganzes Leben“. Der Roman war in Deutschland ein Bestseller, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und sogar für den Man Booker International Prize nominiert, einen der bedeutendsten Literaturpreise. Es sieht so aus, als wollte der Autor sich diesmal insofern selbst übertreffen, als er in dem neuen Buch „Das Feld“ viel mehr als „Ein ganzes Leben“ ausbreitet. Es geht um ein Kleinstadtgefüge in seiner Gesamtheit. Die Inspiration lieferte Edgar Lee Masters „Spoon River Anthology“, auf die See­thaler vor mehr als 30 Jahren stieß und die ihm offenbar keine Ruhe mehr gelassen hat.
Im Jahr 1915 veröffentlichte Edgar Lee Masters, ein Anwalt und Autor aus dem US-Bundesstaat Illinois, seine Sammlung freier Verse. Er lässt darin 246 Bürger einer fiktiven Kleinstadt namens Spoon River aus dem Grab heraus selbst auf ihre Leben Rückschau halten. „Endlich hat Amerika einen Dichter entdeckt“, jubelte Ezra Pound. Binnen vier Jahren waren 80.000 Bücher verkauft, gigantisch für ein lyrisches Werk.

Der Erfolg beruhte nicht nur darauf, dass die Idee originell war und Masters sie auch formal ziemlich meisterlich umsetzte. Die „Spoon River Anthology“ passte perfekt in die Zeit. Sie sprach in einer drastisch-realistischen Weise von Moral und Unmoral. Die Schilderungen der einzelnen Figuren berührten als Thema auch die wirtschaftliche und politische Korruption, die damals in Amerika überhand nahm und viele Autoren wie Upton Sinclair oder Sinclair Lewis beschäftigte.
Die Annahme, dass Menschen nach dem Tod eher die Wahrheit sagen als zu Lebzeiten, hat Seethaler übernommen. Sie bildet den Ausgangspunkt des neuen Buches. Die Figuren, die hier erzählen, haben in der Tat keinen Grund mehr zu lügen. Sie müssen nicht befürchten, wegen ihrer Aussagen vom Partner verlassen zu werden oder den Job zu verlieren. Entsprechend schonungslos blicken sie zurück. Einzig der korrupte Bürgermeister bleibt auch postum in seiner Rolle gefangen und hält aus dem Grab heraus eine letzte Rede an die Menschen von Paulstadt.

Anders als sein amerikanischer Vorgänger dichtet Robert Seethaler nicht, er hat kurze Prosastücke verfasst. 30 verblichene Bürger einer fiktiven Kleinstadt kommen zu Wort. Der Umfang schwankt zwischen einem Wort („Idioten“, so die erfrischend pointierte Nachricht der Trafikantin Sophie Breyer an die Nachwelt) und zwölf Seiten. Der Carl Hanser Verlag verkauft diesen Erzählband als Roman, was er ganz sicher nicht ist, aber den Absatz ankurbeln wird.
Der signifikante Unterschied zwischen den beiden Werken besteht darin, dass Masters’ Gedichte etwas über die Gegend und die Zeit, in der sie entstanden, aussagten. Seethaler bleibt dagegen furchtbar vage. Paulstadt dürfte irgendwo in Europa liegen, könnte im Grunde aber überall sein. Die Namen der Toten geben keinen Aufschluss. Manche heißen wie Figuren in deutschen TV-Filmen (Heiner Joseph Landmann, Connie Busse), zu Wort kommen aber auch eine Martha Avenieu oder ein Harry Stevens. Auch die Zeitebene lässt sich schwer fassen. Vielleicht befinden wir uns hier im Jahr 1970, vielleicht schreiben wir aber auch schon 2010.
Schon klar: Seethaler ist bestrebt, das allgemein Menschliche zu fassen – am besten über alle Ländergrenzen und Zeiten hinweg. Ohne eine Verankerung in der Realität ist dieses Erzählprojekt aber zum Scheitern verurteilt. So kann „Das Feld“ nicht mehr bieten als Kunsthandwerk mit bedenklicher Neigung zu glitschiger Gefühligkeit. Elke Heidenreich formuliert es am Buchrücken so: „Was für ein wunderbarer Autor, der uns so tief bewegen kann.“
Seethaler ist nicht zuletzt deshalb so erfolgreich, weil er ein ganz und gar unmoderner Schriftsteller ist, vielleicht sogar ein antimoderner. Er bedient sich einer Sprache und schreibt in einem Duktus, der näher an Stefan Zweig oder Thomas Mann ist als an allem, was die deutschsprachige Literatur danach noch hervorgebracht hat. Das gefällt auch einem Publikum, dem schon Bernhard und Handke zu arg waren, oder jenen, die der Ansicht sind, das Internet habe der Sprache (gemeint ist: die „schöne“ Sprache) endgültig den Garaus gemacht.

„Das Feld“ könnte genauso „Die Welt von gestern“ heißen. Oder von vorgestern. Das Buch umweht eine Aura der Zeitlosigkeit, wobei der Schein trügt. Indem es sich einer zeitgemäßen Sprache verweigert, negiert See­thalers Erzählen auch alle literarischen Errungenschaften der letzten 60 Jahre und bekommt dadurch, ob gewollt oder nicht, etwas Historisierendes, Restauratives. Anders ausgedrückt: Es ist auf eine unangenehme Weise betulich.
Nicht alles ist schlecht. Der Autor fährt eine Reihe denkwürdiger Figuren auf, besonders die Frauen sind stark, die Männer wirken eher wie Karikaturen. Und es gelingt ihm, einige Tote vor den Augen des Lesers wieder zum Leben zu erwecken. Der Kleinstadt als eigentlichem Protagonisten von „Das Feld“ einen Pulsschlag zu verleihen ist ihm aber nicht geglückt. Paulstadt ist mausetot.

Sebastian Fasthuber in FALTER 23/2018 vom 08.06.2018 (S. 29)


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