Babel
Roman

von Kenah Cusanit

€ 23,70
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Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 272 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.01.2019

Rezension aus FALTER 6/2019

In den Tiefen von Babylon

Die Autorin Kenah Cusanit legt mit dem Roman „Babel“ ein komödiantisches Meisterwerk vor

Faustregel für Romanschreiber: Wähle einen interessanten Helden. Für ihre Romandebüts haben die Deutsche Kenah Cusanit und die US-Amerikanerin Hanya Yanagihara da besonderes Geschick bewiesen. Ihre Helden sind realen historischen Gestalten nachgebildet, sie sind potenziell weltberühmt und haben Großes geleistet, doch kaum einer kennt sie. Das muss Leser neugierig machen.

Yanagiharas Held in „Das Volk der Bäume“ ist nach dem US-Nobelpreisträger Daniel Gajdusek modelliert, bei dem öffentlicher Ruhm und private Schande nah beieinanderliegen. Und Cusanit hat sich für ihren Erstling „Babel“ Robert Koldewey zum Romanhelden erkoren, den deutschen Archäologen und Architekten, der vor 100 Jahren in Mesopotamien die Ruinen der biblischen Stadt Babylon ausgrub. Da Cusanit altorientalische Sprachen und Ethnologie studiert hat und sich für Archäologie interessiert, lag die Wahl des Erzählstoffes nahe: „Babel“ handelt vom bedeutendsten archäologischen Ausgrabungsabenteuer der Deutschen im Orient.

Der Roman hat die Gestalt einer ebenso gelehrsamen wie unterhaltsamen, mitunter saukomischen Babel-Rhapsodie. Ein komödiantisches Meisterwerk ist der Autorin auf Anhieb gelungen. Genüsslich lässt sie sich auf die farcenhaften Episoden und die skurrilen Winkelzüge der Berliner Museumsbürokratie ein, an denen das deutsche Grabungsunternehmen am Euphrat so reich ist. Aus den Archiven hat Cusanit da die tollsten Kuriositäten zutage gefördert.

Beispielsweise die aberwitzige Korrespondenz, die Koldewey über Monate hinweg mit seinem Kollegen Andrae, dem Ausgräber von Assur am Tigris, um ein havariertes Boot führte, das Andrae in Eigenregie zu reparieren suchte. Koldewey schrieb: „Setzen Sie sich mit dem Dampfer bloß keinen Gefahren aus, es ist nicht anständig für einen Ausgräber, auf dem Wasser umzukommen. Denn da liegt nicht unsere Hauptbeschäftigung. Wir dürfen nur in einem Ausgrabungsschacht verschüttet oder von einer Statue erschlagen werden, alles andere ist untunlich.“

Zugleich bringt Cusanit mit leichter Hand alle wichtigen Fakten zur Stadt- und Ausgrabungsgeschichte Babylons im Erzählfluss unter, ebenso die Mythen, die sich seit biblischen Zeiten um den Turm von Babel ranken. Ganz nebenbei kommt auch der Babel-Bibel-Streit zur Sprache, der sich damals an der Entzifferung der mesopotamischen Keilschrifttexte entzündete, als den schockierten Theologen klar wurde, dass etwa die Sintflut-Geschichte kein biblisches Original ist, sondern schon lange vorher in vielen Varianten im ganzen Vorderen Orient schriftlich zirkulierte.

Cusanit verliert auch die konfliktreiche politische Lage im Vorderen Orient nicht aus dem Blick – schließlich spielt der Roman im Jahr 1913, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Damals war auch das Feld der Archäologie politisch aufgeladen, nicht zuletzt, weil die Ausgrabungen im Orient ein persönliches Ehrgeizprojekt des deutschen Kaisers Wilhelm II. waren. Im Grabungswettstreit, den sich Briten, Franzosen und Deutsche auf dem Boden des morschen Osmanischen Reichs lieferten, brachten sich bereits die späteren Weltkriegskontrahenten in Stellung. Die europäische Konkurrenz um die Trophäenausbeute, die den Osmanen vorenthalten wurde, hatte außerdem Merkmale eines Kolonialkriegs. Schließlich befinden sich die Prunkstücke aller mesopotamischen Funde nicht in Istanbul, sondern im Pariser Louvre, im Londoner British Museum und im Berliner Pergamonmuseum.

Das Hauptinteresse des Romans gilt jedoch Robert Koldewey, dem ebenso genialen wie kauzigen Grabungsleiter. Für Cusanit ist er, bei allem Respekt für sein Genie, vor allem ein komischer Held – ein Sonderling mit schrulligem Humor und zudem ein begnadeter Hypochonder.

In der ersten Romanhälfte verharrt er, ein orientalischer Oblomow, regungslos in der Bettnische seines Arbeitszimmers mit Blick auf den träge fließenden Euphrat und seine träge werkelnden Assistenten. Der tumbe Assistent Buddensieg geht ihm mit seiner Beflissenheit besonders auf den Geist. Versunken in die Betrachtung der Stapel unbeantworteter Briefe aus Berlin und umstellt von 500 versandfertigen Kisten mit zehntausenden farbigen Reliefziegeln, kokettiert Koldewey mit einem vagen Schmerz im Unterleib und liebäugelt selbstironisch mit der Möglichkeit einer Blinddarmentzündung.

In der zweiten Romanhälfte belebt er sich wundersam bei der Nachricht, Miss Bell sei im Anmarsch. Auch Gertrude Bell, die adelige Millionärstochter, brillante Forschungsreisende, legendäre Orient-Strippenzieherin und Agentin des britischen Geheimdiensts, ist eine berühmte Unbekannte des 20. Jahrhunderts, woran auch Werner Herzogs missglücktes Biopic „Königin der Wüste“ mit Nicole Kidman nichts änderte.

Es ist ein glücklicher Einfall der Autorin, Miss Bell, die immer mit ausreichend Champagner im Gepäck durch die Wüste zu reisen pflegte, zu Koldeweys Gegenspielerin zu machen. Schließlich hatte sie eine entscheidende Rolle bei der Sicherung der deutschen Grabungsfunde. Ohne sie würde es die Rekonstruktionen des Ischtar-Tores und der Prozessionsstraße von Babylon im Pergamonmuseum wohl nicht geben.

Im Romanfinale trifft Miss Bell im Zuge ihrer mysteriösen Nahostmissionen auf der Grabung ein und erwartet Koldewey beim Turm von Babel, dessen Fundamente er erst kürzlich gefunden hat. Koldewey eilt ihr entgegen: Für den Fall einer deutschen Niederlage im kommenden Krieg wird er die deutschen Schatzkisten mit den bunten Reliefziegeln der Obhut der englischen Spionin anvertrauen.

Als Leser kann man das jähe Romanende nur bedauern. Man hätte gerne noch viel mehr über die fabelhafte Miss Bell erfahren.

Stefan Löffler in FALTER 6/2019 vom 08.02.2019 (S. 31)


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