reisen, auch winterlich
Gedichte

von Franz Josef Czernin

€ 18,50
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Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Lyrik
Umfang: 80 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.01.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Winterliche Reise auf maroden Versfüßen

In „reisen, auch winterlich“ verläuft sich Franz Josef Czernin auf der Spur des Romantikers Wilhelm Müller

Der Romantiker Wilhelm Müller wird oft unterschätzt. Viele Interpreten seines Liederzyklus „Die Winterreise“ sahen in dessen Vertonung durch Franz Schubert überhaupt erst die Rettung eines Textes, der manch einem mit seinem trochäischen Leiern an sich kaum bewahrenswert gewesen wäre. Dass diese Einschätzung zu kurz greift, veranschaulichte Elfriede Jelinek mit ihrer postdramatischen Gesellschaftskritik „Die Winterreise“ (2011), in die sie – zwischen digitaler Revolution und Ausbeutung der alpinen Landschaft – immer wieder Textfragmente des Müller’schen Originals eingestreut hat, die von tiefen Entfremdungserfahrungen zeugen.

Dreht sich der offenkundige Inhalt der Gedichte um einen von seiner Liebsten zurückgewiesenen Wanderer, der sich hoffnungslos in der eisigen Natur verliert, lässt der Subtext eine politische Lesart zu: Das Irregehen des Heimatlosen steht dann für die gescheiterten patriotischen und demokratischen Bewegungen im deutschsprachigen Raum in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Nach der Nobelpreisträgerin wagt sich nun ein zweiter Autor von Rang an Müllers Zyklus: Franz Josef Czernin. Wie er es bereits an Shakespeare und den Brüdern Grimm vorexerziert hat, verfährt er auch hier. Anhand einzelner vorangestellter Verse schreibt sich der 1952 in Wien geborene Dichter mit seinen Poemen in den Zyklus hinein. Da wird vom Schmerz geredet, von der „kalt-/verloren stätte“ oder dem Gehen auf „schiefen strassen“.

Auch motivische Korrespondenzen – von den bellenden Hunden bis zur Post – bietet der Autor auf. Wendungen wie „auf ferne seiten wandern leise“ oder „schicht um schicht zu viel entgleitend“ scheinen auf das Werk Müllers zu verweisen, dessen tiefere Schichten es nach und nach zu erschließen gilt.

Die Strategie Czernins, dessen In-Spuren-Gehen an Paul Celans Poetik anknüpft, zielt zweifelsohne auf literarische Kulturpflege, auf die Vergegenwärtigung verlorener oder verstummter Stimmen. Was aber bedeutet das in Hinblick auf den Gehalt und die Aktualität von Müllers romantischer Dichtung? Die Antwort bleibt Czernin schuldig. Sein neuer Band „reisen, auch winterlich“ erscheint wie ein Spiel um des Spieles willen. Ein Bezug zu unserer Gegenwart, wie ihn Jelinek herstellt, lässt sich nicht ausmachen, sodass die Miniaturen letztlich ins Leere laufen.

Die Gedichte sind aber auch weniger um eine Aussage bemüht, als dass sie ihr Formbewusstsein und ihre Kunstfertigkeit ausstellen. Assonanzen, Alliterationen, Sprachspiele, Interpolaritäten und Wortneuverfugungen sind Czernins Metier, seine Verse verschwurbelt und aufgeladen mit rätselhafter Lautmalerei. „sprung-, stopflüstern zeigst mir heiss / tanzungen; streif- schweiflicht schwankend, / weh gewandt, doch wirr-, willkürlich / stockend auch, hier liesst rumpfunken“ –

Wer dem Poeten hier Blendertum attestiert, rüttelt am Sockel eines zum Denkmal erstarrten Überpoeten. In der Vergangenheit hat Franz Josef Czernin wenig Gelegenheiten ausgelassen, seine Maßstäbe für gelungene Lyrik Kollegen und Publikum kundzutun. Geprägt von der Wiener Avantgarde, steht er mit all seiner Lehrmeisterhaftigkeit für eine Strömung, die sich inzwischen selbst überlebt hat. Metasprachliche Manöver im Outfit einer Silben- und Wortakrobatik sind eben nicht alles, jedenfalls nicht für Leserinnen und Leser, die den altmodischen Anspruch an Lyrik herantragen, von dieser auch aufgerüttelt, bewegt oder verzaubert zu werden.

Björn Hayer in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 8)


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