Im Heimweh ist ein blauer Saal

von Herta Müller

€ 22,70
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Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Lyrik
Umfang: 128 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Dichten mit Schere und Papier

Nobelpreisträgerin Herta Müller legt mit „Im Heimweh ist ein blauer Saal“ ihren vierten Band von Gedichtcollagen vor

Gedichte bestehen aus Wörtern, die von einem künstlerischen Bewusstsein so zusammengesetzt werden, dass man sie immer wieder lesen kann, ohne ihre Bedeutung ganz zu fassen zu bekommen. Immanuel Kant nannte diesen Vorgang „freies Spiel der Einbildungskraft“. Die Gedichte von Herta Müller setzen dieses wie jedes Sprachkunstwerk in Gang, aber sie haben noch eine zusätzliche Dimension: Sie sind schön anzusehen. Denn Herta Müller dichtet mit Schere und Papier, mit ausgeschnittenen Wörtern, die je eine andere Größe, Schrifttype und Farbe haben, und stellt jedem Gedicht eine kleine Illustration bei, die ebenfalls mit vorgefundenem Material arbeitet, ergänzt durch Zeichnungen und Aquarelle.

Mit „Im Heimweh ist ein blauer Saal“ legt die Nobelpreisträgerin nach „Im Haarknoten wohnt eine Dame“ (2000), „Die blassen Herren mit den Mokkatassen“ (2009) und „Vater telefoniert mit den Fliegen“ (2012) bereits den vierten Collagenkartenband vor, wobei schon die Titel eine Ahnung von deren so konkret-sinnlichem wie unergründlichem Inhalt evozieren.

Zum ersten Mal stellt Müller dabei einem Gedichtband ein Making-of voran. Anfangs hat sie die Wörter unterwegs ausgeschnitten („als man im Flugzeug noch eine Nagelschere mitnehmen durfte“), später eher zu Hause, wo die Wortberge wuchsen und schließlich alphabetisch geordnet in Schubladen unterkamen, mit eigenen Laden für Eigennamen, Artikel und Präpositionen.

Herta Müller wurde 1953 im rumänischen Temeswar geboren, wuchs in einem banatschwäbischen Dorf auf und emigrierte 1987 in die Bundesrepublik Deutschland. Ihre Romane, Essays und Gedichte kreisen seit jeher um die Erfahrung der Diktatur und vor allem um die jahrelange Verfolgung durch den rumänischen Geheimdienst Securitate, darum, wie Angst und Folter Vertrautes fremd machten und die Wörter ihres Sinns beraubten (nachzulesen etwa in ihrem verstörenden Essayband „Der König verneigt sich und tötet“ von 2003).

Die Technik der Collage erleichterte Müller den Zugang zu den beschädigten und entfremdeten Wörtern: „Überall haben Wörter gewartet, ich habe sie nur ausschneiden müssen. Sie waren außerhalb von mir, ich musste nicht wie beim Schreiben im Kopf nach ihnen suchen.“ Auch der Reim, obwohl oder gerade weil er nur sparsam verwendet wird, half ihr, indem er den Rhythmus bestimmte und den Klang trug. „Er ist völlig unberechenbar und verlangt von mir Sätze, von denen ich kurz davor noch nichts ahnte.“

Außerdem habe die „ganze Kleberei“, wie Müller ihre Collagen nonchalant nennt, womöglich insofern mit ihrer Zeit in Rumänien zu tun, als es damals nur graue, nach Schmieröl stinkende Staatszeitungen gab – und nicht, wie im Westen, unzählige bunte Zeitschriften mit gutem Papier, die noch dazu sofort weggeschmissen werden.

Dennoch scheint die Erfahrung von Folter und Verfolgung mit den Jahren zu verblassen. „(…) als ich / kam war ich anders / seit ich bleib werd ich / langsam wie Sie“, heißt es am Ende eines der neuen Gedichte. Wörter wie Heimat und Flucht, Verrat und Grenze, Vater und Mutter, Birnen und Samt, Kühe und Schafe, kurz die alte „Dorfrealität“ spielen weiter eine tragende Rolle. Aber der Grundton von Bedrohtheit und Angst, der ihren früheren Bänden eine existenzielle Schwere verlieh, wird immer leiser.

Die Gedichte des neuen Bandes sind kürzer, leichter und auch beschwingter, was sich auch in den Illustrationen widerspiegelt: In den Zimmerecken, Durchgängen, Körperteilen und schiefen Figuren lauert kein Grauen mehr, sondern eine stoisch-humorvolle, bisweilen sogar vergnügte Akzeptanz der Existenz. Und der Müller oft attestierte „fremde Blick“ weicht einer philosophisch-melancholischen, manchmal sogar schelmischen Milde, die aber weiterhin um die Gefährdung des Lebens und des Zusammenlebens weiß.

Manche Gedichte haben die Qualität von Haikus: „Im Winter sind die / nackten Birnbäume / Geschwister / im Sommer / Einzelkinder“ oder „Die Pfütze / ist eine Sache aus / nassem Licht. Das / begreift die Straße nicht“ oder „mir scheint meine Mutter / verwechselt was / Als ich lachte hat / sie mitgeweint“.

Alle erzählen kleine Geschichten. In den Worten der Autorin: „Auf jeder Karte steigt der Text mit dem Bild auf eine Bühne, jede Karte inszeniert ihr kleines Theater.“

Kirstin Breitenfellner in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 8)


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