Solidarität
Die Zukunft einer großen Idee

von Heinz Bude

€ 19,60
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Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 176 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Der Kampf der Solidaritäten

Soziologie: Heinz Bude stellt die Frage nach der Zukunft einer großen Idee

Hoch – die – in–ter–na–tio–na–le So–li–da–ri–tät!“ Keine Demo vergeht, ohne dass dieses jahrzehntelang erprobte Kampf- und Ermunterungsmantra skandiert wird, selbst wenn es klar um lokal begrenzte Anliegen geht. Und die musikalische Beschwörung dieser Idee – von Brechts/Eislers „Solidaritätslied“ bis zu Sergio Ortegas/Qulapayúns „El Pueblo unido, jamás será vencido“ – jagt uns immer noch wohlige Schauer der Ergriffenheit über den Rücken.

Über den sentimentalen Selbstgenuss ästhetisierter Formen von Solidarität hatte sich seinerzeit schon das geniale US-amerikanische Schandmaul Tom Lehrer, Mathematiker und Liedermacher, in seinem Song „The Folk Song Army“ lustig gemacht: „Remember the war against Franco? / That’s the kind where each of us belongs. / Though he may have won all the battles, / We had all the good songs!“

Heinz Bude, der zumindest alle zwei, drei Jahre ein elegant schlankes Buch auf den Markt bringt – zuletzt: „Adorno für Ruinenkinder“ (2018) –, ist kein Schandmaul, aber er verfügt, wie ihm Ulrich Greiner in seiner Rezension des Buches „Bildungspanik“ (2011) attestierte, über „den mitleidlosen Blick des Soziologen, der die Widersprüche benennt“. Sein jüngstes Werk ist dementsprechend kein pathetisches oder polemisches Plädoyer für die Besinnung auf eine große Idee, sondern eine mäandernde, vielerlei Aspekte aufgreifende und umkreisende Reflexion über deren Geschichte und Zukunftsaussichten.

Einem soziologisch und historisch denkenden Intellektuellen wie Bude bleibt die nostalgische Beschwörung einer gloriosen Vergangenheit (so solidarisch, damals!) ebenso verwehrt wie das ungeschützte Aufbruchspathos (so solidarisch, demnächst!). Stattdessen untersucht Bude – keineswegs „unsolidarisch“, aber gleichsam mit freundlicher Reserviertheit – die Bedingungen der Möglichkeiten von Solidarität.

Zu den Vorzügen dieses schmalen, aber anspielungsreichen und zitierfreudigen Werkes zählt die Skepsis gegenüber Kurzschlüssen, vorschnellen Gleichsetzungen und Atout-Begriffen wie „Achtsamkeit“ oder „Empathie“, die in rezenten Diskursen alles schlagen, sind sie erst einmal ausgespielt.

Bude hingegen mobilisiert Zweifel, „ob die Achtsamen für Bündnisse der Solidarität zu gewinnen sind“, denn: „Im Zweifelsfall siegt der Seelenfrieden über die Herzensgüte, weil man viel zu viel mit sich selbst beschäftigt ist, als dass man sich um die Belange anderer kümmern könnte.“ Und in dem Kapitel, das „die dunklen Seiten des Mitgefühls“ in der Einfühlsamkeit des Folterknechts ausmacht, der ganz genau weiß, wo’s wirklich wehtut, wird darüber hinaus auf das schlichte Faktum verwiesen, dass das von Nietzsche als Rache der Schwachen kritisierte Mitleid keineswegs notwendig zu solidarischem Handeln führt, sondern auch als folgenlos gutes Gefühl genossen werden kann: „Empathie bringt mir den anderen Menschen nahe, Solidarität schließt mich mit dem Mitmenschen zusammen.“

Auch die Rückkehr des Proletariats als potenzieller politischer Akteur und die „Wiederkehr des kommunistischen Gespensts“, die dank Žižek, Eribon & Co auf einmal wieder als möglich und interessant erscheinen, betrachtet Bude aus der gebotenen historischen und soziologischen Distanz. Das mit dem Aufruf „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ übertitelte Kapitel zählt überhaupt zu den Glanzstücken dieses vom bestangezogenen Soziologen des deutschen Sprachraums auch glänzend geschriebenen Buches.

Die Fabrik, das klassische Büro und der Workspace der Gegenwart, der mit seinen Rollmöbeln, Begegnungszonen und Coffee Lounges althergebrachte Gegensätze zwischen Arbeitgeber und -nehmer, Arbeits- und Lebenszeit verflüssigt, konstituieren nicht nur unterschiedliche Produktionsverhältnisse, sondern auch unterschiedliche Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten der Produktion von Solidarität.

„Arbeiter verfügen über die Arsenale einer Solidarität im Kollektiv, die einen Streik immer noch möglich machen, Angestellte wollen als Einzelne angesprochen werden und legen eine spontane Abneigung allem Kollektiven gegenüber an den Tag. Der Arbeiter ist heute eine Figur der Trauer, welche die Erinnerung an eine verlorene Zeit wachruft, der Angestellte eine Figur stets nahe am Nervenzusammenbruch, die ins Herz unserer Zeit trifft.“

Und schließlich gibt es auch noch die Kreativen, die dem „Mythos des Teams“ anhängen, in dem man nicht mehr solidarisch ist, sondern die eigene Individualität einbringt und zugleich produziert: „In den Disziplinargesellschaften von gestern hörte man nie auf anzufangen, (…) während man in den Kontrollgesellschaften von heute nie mit irgendwas fertig wird: Kommunikation ohne Ende, Lernen ohne Ende, Entwicklung ohne Ende, Leben ohne Ende. So vergeht die gefährlich große Idee der Solidarität und beginnt der Alptraum Partizipation.“

In einer prägnanten Revue ruft Bude die historischen Formen von Solidarität und deren Träger im Deutschland nach 1945 in Erinnerung: die Solidarität des Ausgleichs und des Wohlstands für alle der unmittelbaren Nachkriegszeit; die Solidarität gerechtfertigter Ansprüche der 1970er („Nicht der Klasse muss es besser gehen, das Individuum muss sich besser fühlen“); die „völlig partikulare, nationale und sentimentale“ Solidarität des wiedervereinigten Deutschlands; die Solidarität der Tüchtigen und Wettbewerbsbereiten der Ära Schröder.

Und heute? Schwierig. Einerseits verweisen Klimawandel und Ressourcenknappheit darauf, dass wir nur diese eine Welt haben und gut daran täten, unser Ethos nach diesem Faktum auszurichten, erheben darüber hinaus zahlreiche Diskurse die Forderung, Solidarität auch auf Tiere, ja Pflanzen auszudehnen. Andererseits stehen einander verschiedene Konzepte von Solidarität feindlich gegenüber. Es geht neuerdings halt eben alles auch von rechts: Identitätspolitik ebenso wie eine Solidarität, die jetzt bitte endlich einmal jenen gelten soll, „die deutsch, ungarisch oder italienisch sind“ – und die gute alte in–ter–na–tio–na–le Solidarität als unsolidarisches Verhalten gegenüber den eigenen Leuten begreift.

Auch wenn uneigennütziges Helfen eine genuin menschliche Kapazität zu sein scheint – Budes kurzer Abstecher in die Entwicklungspsychologie und Evolutionsanthropologie ist äußerst anregend –, so ist Solidarität doch alles andere als selbstverständlich, obgleich diese in einer Welt, die zugleich gerechter und ungerechter wird, in der sich die Einkommens- und Lebensstandards einander annähern (global) und auseinanderdriften (national), dringend gebraucht würde. „Die Erfahrung von Solidarität löst kein Problem, sondern stellt eine Frage“, heißt es an einer Stelle.

Heinz Budes Buch ist ein ausgezeichneter Ausgangspunkt, um nach Antworten zu suchen.

Klaus Nüchtern in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 32)


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