Das Volk der Bäume

von Hanya Yanagihara

€ 25,70
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Übersetzung: Stephan Kleiner
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 480 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.01.2019


Rezension aus FALTER 5/2019

Ein ewig Leben

Hanya Yanagiharas Debütroman „Das Volk der Bäume“ erscheint auf Deutsch. Er ist überraschend anders als das Buch, das sie berühmt machte

Mit ihrem 2015 erschienenen Wälzer „Ein wenig Leben“ landete Hanya Yanagihara einen Welterfolg. Der Roman handelt von einer Gruppe von Freunden in einem aufgeklärten, zeitlosen New York, wo Rassismus und Homophobie praktisch kein Thema sind. Erschütternd bis herzzerreißend ist die Geschichte trotzdem, wegen der Missbrauchsvergangenheit eines der Hauptcharaktere und seiner eindringlich geschilderten Traumatisierung. In Stephan Kleiners deutscher Übersetzung kam das Buch im Hanser Verlag 2017 heraus, als man dem Obama-Amerika schon nachweinen musste.

Kleiner hat sich nun auch Yanagiharas „Das Volk der Bäume“ aus dem Jahr 2013 vorgenommen. Im Gegensatz zur existenziellen Allgemeingültigkeit des Nachfolgers, der durchaus das Label „Great American Novel“ verdient, lässt der Klappentext hier eher eine Abenteuergeschichte im Stile Jules Vernes, ja fast einen Hauch Science-Fiction (im Wortsinne) vermuten. Es geht um einen Wissenschaftler, der entdeckt haben will, wie ein primitives Volk auf einer Pazifikinsel durch Verzehr einer Schildkrötenart sein Leben verlängert.

Eine Art Blitzzusammenfassung des Plots liefern gleich die ersten beiden Romanseiten: In zwei Zeitungsmeldungen wird von der Festnahme und späteren Verurteilung des 71-jährigen Mediziners Norton Perina wegen Verdachts auf Kindesmissbrauch berichtet. Man erfährt, dass ihm für die Erstbeschreibung eines die körperliche Alterung verlangsamenden Syndroms der Nobelpreis verliehen wurde und dass er im Zuge seiner Besuche auf der Insel Ivu’ivu nach und nach 43 Kinder adoptiert und zu sich in die USA geholt hat. Den Hauptteil der knapp 500 Seiten bilden dann Perinas im Gefängnis verfasste Memoiren.

Er geht verhältnismäßig kurz auf Kindheit und Studium ein, bevor er beschreibt, wie es dazu kam, dass er 1950 als junger Arzt an einer Expedition des Anthropologen Paul Tallent teilnahm. Ausführliche Fußnoten eines „Herausgebers“ mit Literaturhinweisen täuschen nicht darüber hinweg, dass diese Forscher ebenso erfunden sind wie die mikronesische Insel Ivu’ivu. Von wahren Begebenheiten inspiriert ist die Geschichte dennoch: Daniel Carlton Gajdusek erhielt den Medizin-Nobelpreis für seine Beschäftigung mit der Prionkrankheit Kuru, die mit Creutzfeldt-Jakob zusammenhängt. Er studierte dazu ein Volk auf Papua-Neuguinea und adoptierte zahlreiche Kinder der Eingeborenen. Ein Jahr saß er wegen Kindesmissbrauchs in Haft, danach zog er sich in den finsteren Norden Norwegens zurück.

Hanya Yanagihara fand das alles interessant, wollte aber keine Biografie Gajduseks schreiben, und zwar, wie sie in einem Begleittext entwaffnend ehrlich begründet: „Weil ich ungern recherchiere.“ So wurde aus einer Eiweißkrankheit also Unsterblichkeit und aus einem bekennenden Pädophilen ein unzuverlässiger Erzähler, dessen Kontrolle über das Narrativ im Leser rasch Unbehagen auslöst.

Zunächst aber erfüllt die Handlung die versprochenen Abenteuer in exotischer Wildnis. Perina, Tallent und dessen Assistentin Esme Duff dringen immer tiefer in den dichten Urwald vor, bis sie auf eine Gruppe von Menschen stoßen, bei denen manches darauf hindeutet, dass sie wesentlich älter sind, als sie aussehen. Die Forscher verbringen mehrere Monate bei den Ivu’ivuanern und lernen ihre Gepflogenheiten kennen, zu denen auch der Verzehr einer kultisch verehrten Schildkröte gehört. Dass Perina deren Fleisch trotz ausdrücklichen Verbots an sich nimmt und untersucht, begründet in weiterer Folge seinen Ruhm als Wissenschaftler. Außerdem zieht es eine Reihe von ethischen Fragen nach sich, die dem Roman Substanz verleihen.

Der Stil, den Yanagihara ihrem Perina angedeihen lässt, ist eine faszinierende Gratwanderung, die Stephan Kleiner treffend ins Deutsche übertragen hat. Einerseits verabsäumt die Autorin nicht, packend und flüssig von einem Ereignis zum nächsten zu leiten, wie ein Pageturner das eben verlangt. Andererseits schimmert stets auch die Verdrossenheit und Emotionslosigkeit eines knochentrockenen Labormenschen durch, den nicht einmal wissenschaftliche Sensationen oder die Adoption von 43 Kindern vom Hocker zu reißen scheinen. Man liest weiter, nicht so sehr, weil einen die Details rund um das ohnehin fiktive Baumvolk interessieren, sondern weil man verdammt noch mal endlich wissen will, wo der Typ eigentlich ang’rennt ist.

Hier spielt natürlich auch die eingangs suggerierte Krimifrage hinein, ob Perinas Berichte auf ein Schuldeingeständnis hinauslaufen werden oder nicht. Dass er sich seinen Adoptivsöhnen sexuell genähert haben soll, wird von Kapitel zu Kapitel unglaubwürdiger, scheint er sich doch für Sex lediglich als Forschungsgegenstand zu interessieren. Sachlich und interessiert beschreibt er etwa einen Initiationsritus der Ivu’ivuaner, bei dem Heranwachsende zum Geburtstag nacheinander von sämtlichen Männern des Stammes de facto vergewaltigt werden. Seine Kollegin Esme ist entsetzt, aber er? Geilt es ihn auf? Ist es ihm wurscht? Erst das Ende des Romans bringt eine sowohl befriedigende als auch verstörende Auflösung.

„Das Volk der Bäume“ wird dem Vergleich mit dem Welterfolg „Ein wenig Leben“ nicht entgehen. Dabei sind die beiden Bücher erfrischend unterschiedlich. In beiden Fällen liegt die Stärke der Autorin darin, wie sie die Empathie der Leser mit den Figuren geschickt steuert und auf die Probe stellt. Mit seinen beiläufig aufgeworfenen Fragen zu Wissenschaft und Machtmissbrauch erscheint dieser höchst ungewöhnliche Roman hier jedenfalls genau zur richtigen Zeit.

Martin Pesl in FALTER 5/2019 vom 01.02.2019 (S. 33)


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