Hinter Glas

von Julya Rabinowich

€ 16,50
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Empf. Lesealter: ab 14 Jahre
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Kinder- und Jugendbücher/Jugendbücher ab 12 Jahre
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.01.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Schmetterlinge und Dinosaurier im Bauch

Jugendbuch: Die Entwicklungsgeschichte einer 17-Jährigen

Viele Jugendliche träumen davon, einmal auszubrechen. Ganz anders zu leben. Keine Rücksicht mehr zu nehmen. Die Schule zu schmeißen. Alice ist da anders. Sie ist skrupulös, kränklich und so schüchtern, dass sie den Sündenbock der Klasse abgibt. Zumindest von Rosa und ihren Mitläufern wird sie regelmäßig gemobbt. Bis ein Neuer in der Klasse auftaucht. Er heißt Niko. Er holt Alice heraus. Und er reitet sie gleichzeitig hinein.

„Ich bin Niko. Komme gerade von einer Weltreise. Jetzt auf Gastspiel in diesem Theater.“ Mit diesen Worten stellt sich Niko der Klasse vor, setzt sich auf den noch freien Platz neben Alice und bringt ihr Leben gehörig durcheinander. Alice wohnt in einem Villenviertel, ihre Mutter ist eine gelangweilte ehemalige Schauspielerin, ihr Vater Architekt, aber die Ruhe trügt. Und das hängt mit dem finsteren Großvater zusammen, der hinter der Hecke in einer noch größeren Bleibe logiert. Kein Wunder, dass Alice, sobald sie dem Werben von Niko nachgegeben hat, mit diesem ausbüxt, um einen Sommer in einer anderen Welt zu verbringen.

Am Ende steht das Mädchen vor einem Scherbenhaufen, den sie in Julya Rabinowichs Entwicklungsroman „Hinter Glas“ langsam zusammenzusetzen versucht. Wenn die 24 Spiegelscherben, von denen jeder ein Kapitel gewidmet ist, wieder zusammengesetzt sind, ergibt sich ein Bild. Alice versichert sich auf diese Weise ihrer Geschichte, der Geschichte ihrer Familie sowie ihrer selbst. Das klingt pädagogisch und kommt doch sehr flott daher, mit jugendgemäßer Sprache, aber auch mit griffigen Metaphern: „Und in meinem Bauch kämpften Schmetterlinge mit stacheligen Dinosauriern. Die Saurier gewannen.“

Die 17-jährige Ich-Erzählerin identifiziert sich mit Alice im Wunderland. „Den Namen hat ihre Mutter ausgesucht (…). Meine Mutter konnte nicht wissen, wie richtig sie damit lag. Ich hab mich in einer anderen Welt verlaufen.“ Dabei spielt eine Grinsekatze namens Dea eine Rolle, wie der Vorspann verrät. Was es mit dieser auf sich hat, erfährt man erst ganz zum Schluss.

Alice ist eine reflektierte Erzählerin, mit reifen Überlegungen wie: „Manchmal hätte ich mein Leben gerne vorgespult, damit ich endlich wusste, was aus uns werden würde. Und manchmal bekam ich wiederum Angst vor jeder Veränderung und fand Zeitlupe doch die bessere Lösung.“ Trotzdem verhält sie sich so naiv und ahnungslos, dass man sie manchmal schütteln möchte, und stellt insofern eine typische Jugendliche dar, heftig hin und her pendelnd zwischen Altklugheit und Ratlosigkeit.

Bisweilen wird ihr Erzählfluss von einer zweiten Stimme unterbrochen, die mit einer anderen Schrifttype herausgehoben wird, einer rätselhaften Figur, die mehr zu wissen scheint, die Situation analysiert und die gebeutelte Protagonistin begleitet, auch wenn sie nicht einzugreifen vermag. Denn noch ist Alices Verzweiflung „noch nicht genug, noch nicht tief genug, um mich zu rufen“.

Und das wäre bitte notwendig, denn Alice kommt mit ihrer Flucht aus dem beengenden Elternhaus aus dem Regen in die Traufe. In der neuen Clique werden Drogen konsumiert, Niko bekommt zunehmend Wutausbrüche und Alice schmeißt sogar zusammen mit Niko die Schule, wogegen ihre Eltern nichts unternehmen können, da Alice sie damit erpresst, die düstere Familiengeschichte preiszugeben. Wenn das schon ein wenig konstruiert erscheint, so ist die Enthüllung dieses Geheimnisses noch eine Spur gröber gestrickt: mit einem überlebensgroßen, tyrannischen Nazi-KZ-Aufseher-Großvater, von dessen Raubgut die Familie lebt und an dessen Schuld sie erstickt.

Aber das ist auch der einzige Einwand gegen diese packende Geschichte, an deren Ende Alice wie „in einem verzauberten Labyrinth treffsicher wieder an denselben Punkt zurückgeirrt“ ist, von dem aus sie gestartet war: Sie hat Angst, und zwar vor Niko, der ihr schließlich weh tun wird; Endpunkt ihrer Beziehung und Ausgangspunkt für Alices Erkenntnis, Verantwortung übernehmen zu müssen. Dabei hilft ihr besagte Dea, eine nebelfarbene, sphinxhafte Hündin, die Alice auf den Weg zu sich selbst geleitet – eine berückende Erfindung der Autorin, ein magisches Element inmitten der Prosaik der Pubertät, das diese Coming-of-Age-Geschichte erst zu einem Stück Literatur macht.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 26)


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