Wie ein Kreis verwegener Anthropologen Race, Sex und Gender erfand
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Race, Sex, Gender: Die erstaunlichen Hintergründe für die Diskussion unserer Gegenwart und der Beginn der modernen Anthropologie um Franz Boas, Margaret Mead und Claude Lévi-Strauss
Race, Sex, Gender: Mit diesen Begriffen wird heute gegen Diskriminierung gekämpft. Dass die Biologie den Menschen nicht auf eine bestimmte Rolle festlegt und keine Kultur anderen überlegen ist, erkannte freilich schon eine rebellische Gruppe junger Wissenschaftler um den Ethnologen Franz Boas (1858–1942). Ihre Forschungen widerlegten die Lehren der Rassekundler. Schon früh hatte sich Boas auf den Weg gemacht, um die Ureinwohner der kanadischen Arktis und Nordamerikas zu erforschen. Als Professor in New York begründete er die moderne Anthropologie: Margaret Mead und Claude Lévi-Strauss verehrten ihn als Lehrer, die Nationalsozialisten verbrannten seine Bücher. Boas und sein Kreis begründeten ein Menschenbild, für das wir noch heute kämpfen.

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FALTER-Rezension

Ein INDIANER kennt einen SCHMERZ

Das Thema Indianer, man kann auch Native Americans oder First Peoples sagen, löst Emotionen aus. Die einen halten das im deutschsprachigen Raum von dem Schriftsteller Karl May geprägte Bild vom edlen Wilden für rassistischen Müll. Die anderen verbinden mit Mays Apachen-Chief Winnetou kindliche Romantik
Aktueller Anlass für den Disput ist eine neue Kinderbuchreihe des Ravensburger Verlags, die den Kinofilm "Der junge Häuptling Winnetou" begleitet. Es ist unklar, ob ein Shitstorm oder interne Kritik den Verlag dazu bewog, die klischeebehafteten Bücher vom Markt zu nehmen. Jedenfalls zürnte die Leserschaft über das Einknicken vor den Protesten. Obwohl weder Film noch Bücher etwas mit Karl May zu tun haben, ging es rasch ums Wesentliche: Dürfen Kinder überhaupt noch Winnetou konsumieren?

Jugendliche Leserinnen und Leser tauchen heute mit Harry Potter in Fantasiewelten ein. Mit den Karl-May-Verfilmungen der 1960er-Jahre sozialisierte Boomer lassen ihre VHS-Schätze im Schrank, um die von Computergame-Schlachten verwöhnten Enkel nicht zu unterfordern. Diese assoziieren mit Winnetou und dessen Blutsbruder Old Shatterhand die Brachialkomödie "Der Schuh des Manitu" (2001).

Es wäre falsch, die Aufregung auf wokes Kriegsgeheul zu reduzieren. Winnetou ist ein guter Anlass, um über das Verhältnis zwischen kulturellen Identitäten zu diskutieren. Dabei geht es nicht nur um diskriminierende Darstellungen, sondern auch um das, was unter dem Schlagwort "cultural appropriation" zur Debatte steht -die Aneignung fremder Kulturen.

In der Kontroverse über Cultural Appropriation ist von verletzten Gefühlen und Respektlosigkeit die Rede. Aber hat Aneignung nicht eher mit Enteignung, gar Diebstahl zu tun? Gern wird eine Definition der US-amerikanischen Juristin Susan Scafidi zitiert: Kulturelle Aneignung sei dann gegeben, "wenn man sich eines traditionellen Wissens oder Artefakts bedient, um sich selbst damit auszudrücken -und um daraus Profit zu schlagen". Auch diese Erklärung bleibt vage. Sie macht die Bestohlenen zu Bittstellern, die sich nur mit moralischen Appellen wehren können. Was könnte sich ändern?

Die Kritik der Cultural Appropriation prangert eine Ungerechtigkeit an. Es gibt ein Gefälle zwischen der hohen, westlichen Kunst und der vermeintlich niederen Kultur des globalen Südens. Hier Michelangelo und Mozart, da Sonnentänze und Schamanen. Die Unesco, die Kultur-und Bildungsorganisation der UN, war das Forum, in dem diese Hierarchie bereits in den 1960er-Jahren infrage gestellt wurde.

Damals kamen viele neue Staaten zu den Vereinten Nationen, die nach dem Zusammenbruch der kolonialen Imperien gegründet wurden. Kultur spielte eine wichtige Rolle für die nationale Identität, doch die asiatischen oder afrikanischen Delegierten stellten ein Ungleichgewicht fest. Ihre Kultur würde von den Europäern und Amerikanern einerseits als Folklore abgetan und gleichzeitig kommerziell ausgebeutet. Hollywood holte Erzählstoff aus dem Dschungel und der Sahara, das Label Folk machte in Musik und Mode Karriere. Jahrzehnte später kam es 2003 zu einem Unesco-Übereinkommen, das bis heute die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes vorantreibt.

Dieses auch in Österreich umgesetzte Abkommen verfolgt mehrere Ziele. Es wertet kulturelle Praktiken auf, die nicht, wie Gemälde oder Skulpturen, in Museen ausgestellt werden. Indigene und volkstümliche Tänze oder Gesänge, auch handwerkliche Techniken kommen in das Unesco-Verzeichnis, das einen nichtkommerziellen Zweck hat. Es geht nicht um Geld, sondern um Respekt.

Das immaterielle Kulturerbe soll außerdem ein Gegengewicht zum bekannteren Weltkulturerbe bilden, das die großen Denkmäler listet. So bekam die Folklore einen ähnlichen Rang wie die Pyramiden Ägyptens oder die Semmering-Eisenbahn. Das meiste Weltkulturerbe befindet sich in Europa. Mit dem immateriellen Kulturerbe erhielten auch andere Weltregionen die Möglichkeit, die eigenen, oft auf mündlicher Überlieferung beruhenden Leistungen zu schützen.

Wie weit geht dieser Schutz? Bedeutet Schutz auch ein mit Eigentum verbundenes Urheberrecht? Eine Londoner Firma erzeugt, um ein Beispiel zu nennen, Batikstoffe und wendet dabei eine vom Unesco-Verzeichnis gelistete indonesische Technik an. Muss sie den Trägern dieser Kultur etwas zahlen? Und was ist mit der Waldviertler Schamanin, die sich die Trance sibirischer Priesterinnen aneignet? Wieder unterscheidet ein Gefälle den reichen Norden vom armen Süden.

Internationale Abkommen garantieren das Urheberrecht, allerdings nur, wenn es sich um eine individuelle geistige Leistung handelt. Die Autorin eines Buches oder einer Komposition schafft ein Werk, das rechtlich geschützt ist. Wer sich ein Foto oder eine Melodie "aneignet", begeht einen Diebstahl und muss sich vor Gericht verantworten. Anders verhält es sich mit religiösen Ritualen oder folkloristischen Bräuchen. Hier lässt sich kein Urheberrecht einklagen, denn diese Praktiken haben keinen bestimmten Autor und entwickelten sich manchmal über Jahrhunderte hinweg im Kollektiv.

Riten, Symbole oder Handwerkstechniken bilden für manche Gesellschaften den Kern ihrer kulturellen Identität, doch anders als für Goethe oder Eminem gibt es dafür kein Copyright. Man könnte sagen: Das Abendland macht seine Kultur reif für den Markt, während die Hervorbringungen des globalen Südens oft gratis zu haben sind: als eine Public Domain, ein öffentliches Gut, das grundsätzlich für jedermann frei zugänglich ist.

Es ist verständlich, dass dieses Missverhältnis einige erzürnt. Ein aktuelles Beispiel betrifft keine immateriellen Güter, sondern Skulpturen aus Holz und Metall. Es geht um die sogenannten Benin-Skulpturen. Im Jahr 1897 überfielen britische Truppen das Königreich Benin, das heute im nigerianischen Bundesstaat Edo liegt. Die Soldaten brannten den Königssitz nieder und raubten 3500 bis 4000 kultische Skulpturen. Die Herrscherköpfe, Reliefs und Schmuckstücke gelangten nach Europa. Auch die Wiener Ethnologen schlugen zu. So landeten einige der schönsten Skulpturen im Wiener Weltmuseum, ein klarer Fall von unrechtmäßig erworbenem Eigentum.

Das Unrecht lässt sich auf juristischem Wege nicht aus der Welt schaffen. Das Verbrechen ist längst verjährt. Im Falle der NS-Raubkunst konnten die Historikerinnen die Betroffenen oder ihre Nachfahren ausfindig machen, aber im Fall der Benin-Kunst gibt es keine individuellen Besitzansprüche. Dennoch beschlossen einige Regierungen - Österreich gehört nicht dazu, die Statuen stehen im Weltmuseum -, die Benin-Bronzen zurückzugeben.

Dieser Akt folgt keiner juristischen, sondern einer moralischen Logik. Kein Paragraf bewegte die Parlamente dazu, für die Herausgabe der Benin-Bronzen zu stimmen, sondern das schlechte Gewissen. Nach dem Motto: Wir Kolonialherren haben eure Kultur abgeräumt und prahlen damit in unseren Museen, daher überreichen wir euch eine Handvoll der Millionen Artefakte, die in unseren Depots lagern.

Aus aktuellem Anlass müsste man diese Einsicht um den Tatbestand der kulturellen Aneignung ergänzen. Unsere westliche Kultur, die Popmusik und Museen, die Esoterik und der Tourismus, haben euer Erbe geplündert. Also geben wir etwas zurück.

Wenn Aktivistinnen dieses Anliegen ansprechen, haben sie keine juristische Handhabe. Es bleibt ihnen lediglich die Klage über mangelnden Respekt, die in westlichen Medien gern als Hysterie verlacht wird. In Amerika, einem von Europäern angeeigneten Kontinent, ist die Diskussion weiter. In den USA, die 2018 übrigens aus der Unesco ausgetreten sind, geht es nicht um exotische Folklore, sondern um das kulturelle Erbe jener, die immer schon dort lebten. So wie das Volk der Zia, eine heute rund 1600 Personen zählende Gemeinschaft, die in einem Reservat in New Mexico lebt.

Zu deren immaterieller Kultur zählt das Sonnenzeichen: Gerade Linien strahlen von einem Zentrum aus und symbolisieren Himmelsrichtungen und Lebensalter. Ein Kreis in der Mitte verbindet die Elemente -"in einem Zirkel des Lebens und der Liebe", wie es in einer Beschreibung heißt. Zum Ärger der Zia wurde die Sonne gestohlen. Firmen druckten das heilige Zeichen auf Verpackungen, Sportler auf T-Shirts.

Die Vertreter der Gemeinschaft prangern seit den 1990er-Jahren die feindliche Übernahme an. Wohl wissend, dass sie vor Gericht keine Chance hatten, wandten sie sich an die mediale Öffentlichkeit. Im Jahr 2000 forderte das Zia Pueblo den Bundesstaat New Mexico dazu auf, 74 Millionen Dollar zu zahlen - eine Million für jedes Jahr, in dem die Regierung das Sonnenzeichen in seiner Fahne verwendete. Seit 1925 symbolisierte das Zia-Symbol auf gelbem Grund New Mexico, ohne dass die Urheber gefragt worden wären. Die Regierung lehnte die finanzielle Forderung zwar ab, gestand aber das Unrecht ein.

Um den historischen Hintergrund anzureißen, sollen ein paar Fakten in Erinnerung gerufen werden. Als Karl May seine Romane verfasste, war die Auslöschung der Indianer weitgehend abgeschlossen. 1890 fand am Fluss Wounded Knee ein letztes Gefecht zwischen einer Gruppe von Lakotas und der US-Armee statt, bei dem 300 Indianer massakriert wurden. Von den fünf bis zehn Millionen Indigenen waren nur mehr 250.000 am Leben. Um das Zahlenverhältnis zwischen Ureinwohnern und Einwanderern zu illustrieren: Zwischen 1870 und 1920 wanderten allein aus Österreich-Ungarn drei Millionen Personen ein.

Wenn heute in Bezug auf die Winnetou-Zeit von kultureller Aneignung gesprochen wird, zielt das an der Sache vorbei. Treffender ist der Ausdruck Ethnozid. Der Schweizer Historiker Aram Mattioli definiert Ethnozid als den Versuch, eine alte Lebensweise möglichst vollständig auszuradieren. Bis in die 1950er-Jahre hinein waren Rituale wie der Sonnentanz verboten. Kinder kamen in katholische Internatsschulen, wo sie physisch und psychisch gebrochen wurden. In den vergangenen Jahren tauchten in den Höfen kanadischer Internatsschulen Massengräber auf, in denen die zu Tode gequälten Mädchen und Jungen verscharrt worden waren.

Es gehört zu den Ungeheuerlichkeiten des Ethnozids, dass die Kultur jener Menschen, an deren Vernichtung so hart gearbeitet wurde, zum Erziehungsideal erklärt wurde. Die 1910 gegründeten Boy Scouts of America und Campfire Girls, Vorfahren heutiger Pfadfinder, imitierten in ihren Ritualen indianische Bräuche. Weiße Kinder übten in Sommerlagern Perlenknüpfen, die Zeltstädte bekamen indigene Namen wie Camp Tecumseh. Wenn die Pfadfinder auf die Universität gingen, nahmen sie den Indianer im Kopf mit. In den 1920er-Jahren eigneten sich sogar College-Sportmannschaften, die Weißen vorbehalten waren, die Namen indianischer Krieger an, um den Kampfgeist zu stärken. Auf der Illinois University lief etwa 1926 ein "Häuptling Illiniwek" aufs Spielfeld.

Der Politologe Charles King hat eine Erklärung für die Einverleibung indianischer Symbole. Die angelsächsische "Rasse" habe sich durch die massive Zuwanderung aus Ost-und Südeuropa am Ende des 19. Jahrhunderts in ihrer Existenz bedroht gesehen. "Die Indianer galten zusehends als Verkörperung von Mittelklassewerten, die diese Rasse retten könnten: eine stoische Haltung und harte Arbeit -Tapferkeit für die Jungen, Handarbeit und Kochen für Mädchen", schreibt King. In Abwandlung des Begriffs Philosemitismus (der Liebe zu Juden) könnte man von einem "Philoindianismus" sprechen. Philoindianisten sind Rassisten, die Indianer mögen.

Der Übergang vom realen zum symbolischen Raubzug hat ein Datum. Der US-Kongress beschloss 1871 ein Gesetz mit dem schönen Namen Indian Appropriation Act (Gesetz zur Aneignung der Indianer), das die alte Politik beendete. Vorher verhandelte die Regierung mit Stämmen und schloss Verträge ab. Nun verloren die Indianer den Status eigener Nationen und wurden zu "Schutzbefohlenen". Sie galten nun weder als Ausländer noch als vollwertige Bürger. Die Identität der Stämme fiel aus der Zuständigkeit von Beamten in jene von Ethnologen und Pädagogen.

Es wird den National Congress of American Indians (NCAI) Jahrzehnte an Überzeugungsarbeit kosten, bis die großen Sportvereine Nordamerikas -etwa die Ottawa Tomahawks oder die Washington Redskins - das Unrecht einsahen und die Namen änderten. Auch die winzige Nation der Zia beteiligte sich.

Im Jahr 2014 beschloss die Gemeinschaft, dass die Sonne ohne ihre Zustimmung nicht mehr für kommerzielle Zwecke genutzt werden darf. Die Zia achten darauf, dass das Symbol auf respektvolle Weise behandelt wird. "Die Jungfrau Maria klebt man auch nicht auf eine Bierdose", sagte der Sprecher der Zia, David Pino, in einem Interview. Darüber hinaus sollen die Firmen und Vereine etwas Geld für Bildungseinrichtungen im Reservat zahlen.

Eine Fluglinie und eine T-Shirt-Firma in Albuquerque folgten der Forderung. Wo die PR-Abteilungen der Unternehmen versagten, halfen die Konsumenten nach. Als die Rockband Bad Suns die Sonne 2014 auf einem Albumcover zeigte, kündigten Fans ihr mittels Shitstorm die Freundschaft. Auch wenn das Volk der Zia nicht größer ist als eine Dorfgemeinschaft, haben sie eine wichtige Schlacht gewonnen: den Kampf um Anerkennung. Die Zia berufen sich auf die 2007 von den Vereinten Nationen verabschiedete Deklaration der Rechte indigener Völker. Artikel 31 spricht vom Recht, die traditionelle Kultur zu schützen. Darüber hinaus ist explizit vom damit verbundenen geistigen Eigentum die Rede. Lässt sich kollektive Überlieferung also doch mit individuellem Eigentum zusammenbringen?

Da die Deklaration juristisch nicht verbindlich ist, hat sie keine praktischen Konsequenzen. So bleiben die Bestohlenen auch weiterhin darauf angewiesen, auf Respekt zu pochen und aufzumucken, wenn er fehlt. Als deren Karikaturen erleben wir jene digitalen Greenhorns, die sich die Leiden der Rassismusopfer aneignen. Und sich von weißen Dreadlockträgern oder sentimentaler Karl-May-Lektüre "in ihren Gefühlen verletzt fühlen".

Karl Mays völkerkundliche Stereotypen lösen heute mehr Schmunzeln als Ärger aus. Sie sind überholte Folklore ohne identitätsstiftende Wirkung. Wer Winnetou allerdings kommerziell recycelt, hat ein Problem. Eine UN-Deklaration zur Cultural Appropriation würde die Debatte versachlichen. Sie könnte Unternehmen, Usern oder Künstlern empfehlen, sich mit der angeeigneten Kultur auseinanderzusetzen. Und vielleicht auch eine Winnetou-Steuer andenken.

Matthias Dusini in Falter 35/2022 vom 02.09.2022 (S. 25)

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Produktdetails
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ISBN 9783446265806
Erscheinungsdatum 09.03.2020
Umfang 480 Seiten
Genre Sachbücher/Geschichte/Biographien, Autobiographien
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl
Übersetzung Nikolaus de Palézieux
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