Drei kosmopolitische Leben und die Entstehung europäischer Kultur
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Orlando Figes erzählt brillant vom Beginn der Moderne. „Die Europäer handelt von der Entstehung Europas, und wenn man diese Geschichte heute liest, gewinnt sie eine fast utopische Qualität.“ Karl Ove Knausgård
1843 – Die berühmte Opernsängerin Pauline Viardot reist nach Russland, wo die Eisenbahnstrecken gerade ausgebaut werden und europäische Ideen auf der Tagesordnung stehen. An ihrer Seite der Kunstkritiker Louis Viardot, ihr Ehemann. Während Pauline in St. Petersburg auftritt, kann ein Schriftsteller im Publikum seinen Applaus kaum im Zaum halten. Iwan Turgenew wird von nun an der ständige Begleiter der Viardots sein: Es entfaltet sich eine lebenslange Dreiecksbeziehung, in der sich die Entwicklung einer neuen Epoche spiegelt: die Moderne. In "Die Europäer" erzählt Orlando Figes nicht weniger als die Entstehung unseres kulturellen Selbstverständnisses.

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FALTER-Rezension

Ein Requiem für Europas Kultur

Was für ein Buch, was für ein schillerndes Zwitterwesen! Epochenbeschreibung, Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts, Turgenjew-Biografie, Künstler-Dreiecksgeschichte, Beschwörung der europäischen Identität und so ganz nebenbei eine Mahnung an die Gegenwart und an die „Brexiteers“ seines Heimatlands.

Orlando Figes, der britische Historiker, der schon mit seinen Russland-Büchern („Nataschas Tanz“ von 2002, „Hundert Jahre Revolution“ von 2014), brillierte, gibt in „Die Europäer“ den souveränen Historiker, der die großen Bögen im Auge hat, auf vielen Themenfeldern enormes Detailwissen ausbreiten und gleichzeitig die große Geschichte auf die Vita einzelner Personen herunterbrechen kann.

Der kühne Bauplan des Buches überzeugt, es liest sich gut, Figes bringt jede Menge Farbtupfen in Form von Geschichten und Zitaten ein und schildert überzeugend den technischen Epochenbruch, der Mitte des 19. Jahrhunderts den Kontinent und die internationale Gemeinschaft komplett verändert hat. Ein historisches Sachbuch, das passagenweise wie eine Biografie daherkommt, die sich wiederum als zeitenübergreifende Parabel über Glanz und Elend der europäischen Idee liest. „Wie viele Umbrüche haben Sie in Ihrem Leben miterlebt?“, schrieb der Komponist Camille Saint-Saëns in einem Brief an eine Protagonistin des Buchs: „Die Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegrafen, Gaslichter, elektrischen Telegramme und die elektrische Beleuchtung. – Sie haben gesehen, wie alle entstanden sind; und jetzt gibt es Fahrzeuge, die sich von selbst bewegen, sprechende Telegrafen und Flugzeuge. Und die vielen Wandlungen auf dem Gebiet der Künste!“

Das Lebensbild der drei Hauptpersonen Iwan Turgenjew (1818–1883), Pauline Viardot (1821–1910) und ­Louis Viardot (1800–1883) ist wahrlich romantisch und rührend. Turgenjew war jung und als Autor gänzlich unbekannt, als er die berühmte Opernsängerin Pauline Viardot in Sankt Petersburg auf der Bühne sah und hörte – und in Liebe zu ihr entflammte. Einzigartig war dabei, mit welcher Hartnäckigkeit und Hingabe der russische Schriftsteller dieser faszinierenden und vielseitigen, von vielen als „hässlich“ beschriebenen Frau, die an allen europäischen Opernhäusern zuhause war, ein ganzes Leben quer durch Europa folgte.

Und das, obwohl diese verheiratet war, an ihrem Mann festhielt, vier Kinder gebar, mit ihrer Familie wechselnde Wohnsitze (französische Landsitze, aber auch Paris, Baden-Baden, London) bezog und überdies etliche andere Männer begeisterte, etwa den Komponisten Charles Gounod. Der zeitweilig gedemütigte, zeitweilig erhörte Turgenjew blieb ihr ewiger Liebhaber, ihr stets ergebener Bewunderer, ihr emsiger Kulturmanager, ihr einfühlsamer Erziehungshelfer, zeitweilig sogar auch ihr Financier. Zuerst logierte der Autor regelmäßig in der Nähe der Familie, dann zog er gar in den gemeinsamen Haushalt ein. Figes fand auch Hinweise, dass er wahrscheinlich auch der Vater eines ihrer Kinder war.

Der Umgebung blieb diese seltsame Ménage à trois auf Dauer nicht verborgen und Spott in der Künstlerszene nicht aus. Gustave Flaubert wunderte sich darüber, „wie ein Mann sich so sehr zu erniedrigen vermag“, und bezeichnete seinen engen Freund als „weiche Birne“. Paulines Ehemann Louis Viardot spielte mit (wahrscheinlich nicht immer wissentlich), freundete sich mit dem permanenten Hausgast an, ging mit ihm jagen. Auch er eine interessante Persönlichkeit, ein höchst erfolgreicher Kulturmanager, bestens vernetzt im zeitgenössischen Operngeschehen, zeitweise Direktor des Théatre-Italien in Paris, Kunstsammler und -kritiker sowie umtriebiger Autor von Kunstreise-Führern.

Egal wo sie lebten, immer öffneten die Viardots samt Turgenjew mit Passion ihr Haus, versammelten arrivierte Künstler und junge Talente um sich, verzauberten das Publikum mit außergewöhnlichen musikalischen Soireen oder führten Operetten auf. Die Namen derer, die diese Salons besuchten, lesen sich wie ein Künstlerlexikon der Zeit: Clara Schumann, George Sand, Charles Dickens, Camille Saint-Saëns, Frederic Chopin, Fjodor Dostojewski usw. Auch Richard Wagner nutzte das imposante Netzwerk der Viardots.

Politisch verortete sich Louis als eingefleischter Republikaner, Turgenjew, der in adeliger Herkunft mit Großgrundbesitz und Leibeigenen aufwuchs, verstand sich im russischen Kontext als revolutionärer Reformer, der seine Bauern freiließ, sich allerdings um sein Gut wenig kümmerte. Als Autor von „Väter und Söhne“ und „Aufzeichnungen eines Jägers“ besaß er in allen Literaturen Europas Autorität, mit viel Aufwand und Leidenschaft spielte er die Rolle eines Literaturvermittlers zwischen Russland und den europäischen Sprachen und übersetzte selbst so manchen Text.

In dieser Kulturgeschichte ist erstaunlich viel von Geld die Rede, wir werden eingeweiht in den Poker um Honorare. Wo lässt sich wie viel verdienen, welche Auftritte und Publikationsforen sind lukrativ, in welchen Ländern und Städten ist viel Geld zu holen? Mitte des 19. Jahrhunderts emanzipierten sich Künstler und Schriftsteller endgültig aus feudalen Abhängigkeiten, wollten nicht mehr Hungerlöhne hinnehmen, traten als selbstständige Unternehmer auf, die sich ihres Wertes bewusst waren und die bürgerliche Genieverehrung in bare Münze umgesetzt wissen wollten. Komponisten und Autoren machten das Urheberrecht zu einer hochrangigen Forderung in der Politik.

Der technologische Wandel half. Das Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit machte es möglich, im sich entwickelnden Kapitalismus mit hohen Auflagen Geld zu verdienen. Maler ließen von ihren Bildern Drucke anfertigen, Komponisten brachten Opernarien und Klavierfassungen in Einzeldrucken auf den Massenmarkt, Romanciers verdienten viel Geld, indem sie Romane und Erzählungen vorab in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichten. Theatertruppen, Opernunternehmer oder neue Malschulen nutzten die Weltausstellungen in Paris und London, um an ein Millionenpublikum heranzukommen. Aus Österreich-Ungarn bringt Figes das Beispiel der international höchst clever agierenden Strauss-Familie ein.

Figes betont die eminente Bedeutung der Eisenbahn für die Entwicklung der europäischen Kultur. Bilder wurden für Ausstellungen auf die Reise geschickt, Komponisten, Sänger und Chöre reisten quer durch Europa. Die individuelle „Grand Tour“, mit der Adelige ihre Söhne auf Reisen geschickt hatten, wurde durch organisierte Reisepakete abgelöst, bei denen Zehntausende grenzüberschreitend die Museen und Konzerthäuser Europas kennen lernten. Europa wurde zur großen kulturellen Arena, die die Nationen teilten.

Die Moderne praktizierte die Überwindung der Grenzen, die Verschmelzung der Kulturen und die Angleichung der Lebensweisen. Sie funktionierte als Wettbewerb der Innovationen. Kein Künstler in Europa konnte ignorieren, was in anderen Ländern passierte, ehe er seine eigene Sprache in der Kunst entwickelte. So gesehen war die sich neu formierende europäische Kultur eine Synthese künstlerischer Stile und Werke, eine Verständigung über gemeinsame Werte und Konzepte.

Figes bilanziert, dass er eigentlich ein Requiem liefere, denn: „Diese internationale Kultur verschwand bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs.“

Alfred Pfoser in Falter 43/2020 vom 23.10.2020 (S. 50)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446267893
Erscheinungsdatum 21.09.2020
Umfang 640 Seiten
Genre Geschichte/Kulturgeschichte
Format Hardcover
Verlag Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Übersetzung Bernd Rullkötter
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