Der zweite Jakob

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Nach seinem gefeierten Roman „Als ich jung war“ – Norbert Gstreins atemberaubendes Buch über die Abgründe der Menschheit. Auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2021
„Natürlich will niemand sechzig werden.“ Damit beginnt Jakobs Lebensgeständnis. Dem bekannten Schauspieler, über den ein Verlag eine Biografie plant, graust es vor dem Kommenden. Da stellt ihm seine Tochter die Frage, die alles sprengt: „Was ist das Schlimmste, das du je getan hast?“ Jakob erinnert sich an einen Filmdreh an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Die Morde an Frauen und das Elend dort bekam er bloß distanziert mit – aber zwei Mal war er plötzlich mittendrin. Er schämt sich, ringt mit den simplen Urteilen der Welt und sehnt sich in gleißenden Erinnerungen nach dem Glück. Warum ist er kein Original, sondern stets nur „der zweite Jakob“? Norbert Gstrein schreibt einen Roman, der mitreißende, große Kunst ist.

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FALTER-Rezension

Mutmaßungen über Jakob

Eines muss man Norbert Gstrein lassen: Einschmeicheln will er sich bei seinen Lesern und erst recht bei seinen Leserinnen wirklich nicht. Der Ich-Erzähler seines soeben erschienenen Romans „Der zweite ­Jakob“ ist nicht eben als Supersympathler gezeichnet. Der Schauspieler steht kurz vor seinem 60. Geburtstag, entstammt einer Hoteliersfamilie aus einem Tiroler Wintersportort und heißt nur deswegen Jakob Thurner, weil er mit seinem echten Namen im internationalen Filmgeschäft kein Leiberl hätte: Gstrein – das sind einfach zu viele Konsonanten in Folge.

Das Spiel mit Identitäten, das der Autor hier wieder einmal treibt, hat damit noch lange kein Ende, schließlich handelt ein Erzählstrang des Romans davon, dass ein Journalist eine Biografie des Schauspielers schreiben soll und damit auch noch weitermacht, nachdem Gstrein/Thurner dem von ihm verachteten Schreiberling die Kooperation aufgekündigt hat. Dieses ebenso unglaubwürdige wie überspannte Duell wechselseitiger Verdächtigungen, Vorwürfe, Mut- und Anmaßungen, das schließlich in einem Ausbruch körperlicher Gewalt kulminiert, dreht sich um die Frage, ob und wie Sein und Schein, Kunst und Leben, Fakten und Fiktionen ineinandergreifen.

Berühmt ist der Protagonist nämlich vor allem dadurch geworden, dass er die Rolle des ungenannt bleibenden, aber unschwer zu identifizierenden Serienmörders Jack Unterweger zwar abgelehnt und letztendlich John Malkovich überlassen hat, allerdings ganze dreimal als Frauenmörder besetzt wurde und überdies dreimal verheiratet war – was offenbar irgendetwas zu besagen hat.

In Gstreins jüngstem Roman gibt es nicht nur einen doppelten Jakob – der zweite ist ein Sonderling von Onkel, dem der Protagonist ähneln soll und dessen Vornamen er sich geborgt hat –, sondern gleichsam eine ganze Tischlerei voll doppelter Böden. Tatsächlich hat Jakob zwar keine Frau umgebracht, war aber Beifahrer, als eine Kollegin eine Frau totgefahren und anschließend Fahrerflucht begangen hat – ein Geständnis über „das Schlimmste“ in seinem Leben, welches das ohnedies schon komplizierte Verhältnis zwischen Jakob und dessen Teenager-Tochter Luzie nicht eben einfacher macht.

Das Verbrechen ereignet sich am Rande der Dreharbeiten zu einem Film, von denen in fortgesetzten Rückblenden erzählt wird, und in dem Jakob die Rolle eines US-amerikanischen Polizisten an der mexikanischen Grenze innehat. In seinem schon obsessiven Bemühen, die Zuschreibung von Identitäten zu problematisieren und Klischees zu entlarven, mobilisiert der Roman allerdings selbst ständig Klischees, sodass die Grenze zwischen Ironie und unfreiwilliger Selbstparodie verschwimmt. Bei der folgenden Szene hat der Autor den Bogen aber eindeutig überspannt.

Zwar existiert ein Drehbuch, aber das hat bloß die Kamerapositionen festgelegt, nicht aber, welcher der beiden in Frage kommenden Grenzer die junge Mexikanerin schlussendlich umbringen muss. Die Wahl fällt per Münzwurf und natürlich auf Jakob. Der ist allerdings grad ein bissl traumatisiert, weil er kurz davor seine Hände am Hals einer blutjungen Mexikanerin hatte, die ihm – hastdusnichtgesehn! – der mafios-schmierige Sugardaddy der bildschönen Opferdarstellerin in den Schritt manövriert hat. In den „puppengroßen“ Augen der offenbar um ihr Leben bangenden Frau sieht sich Jakob wieder einmal verkannt: Nein, so etwas würde er in der wirklichen Wirklichkeit nie tun!

Als der privat sehr sensible Protagonist am Set seinen Mann als Frauenmörder stellen muss und diesmal kläglich versagt, lässt sich der Regisseur zu einer unfassbaren Suada hinreißen: „Bist du eine verdammte Jungfrau, oder was? Als ob das dein erstes Mal wäre. […] Oder willst du es zuerst an einem Tier versuchen? […] Willst du ein Känguruh würgen? Dann haben wir morgen ein paar Dutzend Demonstranten auf dem Gelände, die uns einen Terror machen, dass wir den Film vergessen können. Du brauchst mich nicht zu belehren, dass es in Österreich keine Känguruhs gibt, aber …“ usw., usf.

Muss man noch erwähnen, dass Jakob in einem ohne alle narrative Notwendigkeit eingeschobenen Kapitel eine Amour fou mit einer Frau hat, die – „Ich ficke dich, bis du sechzig bist“ – seine Tochter sein könnte, aber nicht ist, weil er den Beischlaf mit ihrer Mutter schon 13 Monate vor ihrer Geburt eingestellt hat?

Muss man nicht. Bei dem, was er da hinschreibe, sinniert Jakob einmal, „kommt es mir im nachhinein vor, als sammelte ich Beweismaterial zu meiner Verteidigung in einem Prozess, den ich gegen mich selbst führe und in dem ich nur unterliegen kann“. Wo er recht hat, hat er recht.

Klaus Nüchtern in Falter 8/2021 vom 26.02.2021 (S. 33)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446269163
Erscheinungsdatum 15.02.2021
Umfang 448 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl
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