Identitti

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

„Was für eine gnadenlos witzige Identitätssuche, die nichts und niemanden schont. Man ist nach der Lektüre nicht bloß schlauer – sondern auch garantiert besser gelaunt.“ (Alina Bronsky) - Auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2021
Was für ein Skandal: Prof. Dr. Saraswati ist WEISS! Schlimmer geht es nicht. Denn die Professorin für Postcolonial Studies in Düsseldorf war eben noch die Übergöttin aller Debatten über Identität – und beschrieb sich als Person of Colour. Als würden Sally Rooney, Beyoncé und Frantz Fanon zusammen Sex Education gucken, beginnt damit eine Jagd nach „echter“ Zugehörigkeit. Während das Netz Saraswati hetzt und Demos ihre Entlassung fordern, stellt ihre Studentin Nivedita ihr intimste Fragen. Mithu Sanyal schreibt mit beglückender Selbstironie und befreiendem Wissen. Den Schleudergang dieses Romans verlässt niemand, wie er*sie ihn betrat.

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FALTER-Rezension

"Vehemenz ist ein Privileg der Jugend"

Die Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal spricht über ihren Bestseller "Identitti", über das
"N-Wort", die Mühen der Identitätspolitik und die Notwendigkeit, freundlich zu sein

Identitti" ist gewiss ein Buch des Jahres. Die erste Auflage war in drei Tagen ausverkauft (momentan hält man bei der zwölften). Der im Februar erschienene Roman wurde breit und euphorisch besprochen und stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Verfasst hat ihn die deutsche Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mithu Sanyal, die darin den Fall der US-amerikanischen Bürgerrechtlerin Rachel Dolezal aufgreift, die sich als Afroamerikanerin ausgegeben hatte, aber als weiß enttarnt wurde. In "Identitti" passiert das Gleiche mit Saraswati, der charismatischen Professorin für Postcolonial Studies an der Universität Düsseldorf, was Proteste sowie einen Shitstorm im Netz provoziert und Saraswatis Anhängerschaft unter den Studierenden in eine schwere Krise stürzt -allen voran die 26-jährige Nivedita, die als "mixed-race kid" ohnedies ständig mit ihrer Identität hadert.

Was an "Identitti" besticht und sowohl die Kritik als auch die Leserschaft begeistert, ist der Umstand, dass die gerne recht grobschlächtig, gehässig und hysterisch verhandelten Themen der sogenannten Identitätspolitik hier auf ausgesprochen witzige und leichtfüßige Weise aufgegriffen und durchgespielt werden. Dabei nimmt Sanyal, die mit allen Wässerchen der Postcolonial, Gender-und Queer Studies gewaschen ist, die Fragen und Nöte, die ihre Figuren umtreiben, absolut ernst und erfüllt ihr eigenes Credo auf vorbildliche Weise: Literatur sollte die Welt nicht kleiner, sondern größer machen.

Falter: Frau Sanyal, was wäre denn die dümmste oder nervigste Frage, die ich Ihnen eingangs stellen könnte?

Mithu Sanyal: "Wie autobiografisch ist denn Ihr Buch?"

Wäre ich tatsächlich nicht drauf gekommen.

Sanyal: Das werde ich aber ständig gefragt. Ständig, ständig, ständig.

"Identitti" wurde durch die Bank gelobt. Gab es auch Verrisse?

Sanyal: Einen einzigen, im Schweizer Radio, wo mir unter anderem vorgeworfen wurde, dass ich das Buch kalkuliert auf die aktuellen Debatten hin geschrieben hätte. Wenn das möglich wäre, würde ich das machen! Aber so ein Roman braucht Zeit, und man weiß halt nicht, welche Debatten bei Erscheinen angesagt sind.

Gab es auch kritische Reaktionen aus dem "woken" Eck?

Sanyal: Nein. Das Buch ist mit ziemlich offenen Armen aufgenommen worden, und ich habe nahezu jeden Tag Zuschriften bekommen, in denen es hieß: "Endlich finde ich mich in einem deutschsprachigen Roman wieder." Die einzige Kritik kam von einer von mir sehr geschätzten Kollegin, die entsetzt war, weil ich das N-Wort ausgeschrieben habe - als Rollenprosa in einem AfD-Tweet. Es ging mir darum, zu zeigen, dass die AfD das in jeden Diskurs schmeißt, damit danach über nichts anderes gesprochen wird. Und ein AfDler würde einfach nicht "N-Wort" schreiben oder "N****". Allerdings meinte die Kollegin, dass sie das Wort direkt aus dem Roman rausgeschmissen habe, was ich auf keinen Fall wollte. Deshalb haben wir in der zweiten Auflage einen Balken drübergemacht. Damit war klar: Das ist jetzt ein Eingriff der Autorin oder des Verlags, weil auf Twitter gibt's keine Balken. Grundsätzlich finde es schwierig, wenn man beginnt, einzelne Worte auf die Liste zu setzen. Wo hört das auf? Aber im Falle des N-Wortes ist einfach klar, dass man es nicht mehr benutzen kann.

Aber niemand außer Nazis und Rassisten behauptet das Gegenteil.

Sanyal: Die Frage ist, wie wir mit historischen Texten umgehen. Bei Pippi Langstrumpf kann der "N-König" ruhig "Südsee-König" heißen. Bei James Baldwin ist es natürlich schwierig. Ich habe grade das Vorwort zu "Von einem Sohn dieses Landes" geschrieben, das nächstes Jahr erscheint. Da muss Miriam Mandelkow, die Übersetzerin, Satz für Satz neu entscheiden, wie sie damit umgeht.

Aber ist das nicht eine Selbstüberhebung gegenüber dem Autor? Denn der hat 's ja geschrieben.

Sanyal: Ja, aber man muss immer den Kontext und die Zeit mitbedenken. Bei Baldwin meint "n****" ganz häufig einfach das, wozu wir heute "Black" sagen würden.

Sitzt die politisch korrekte Sprachbereinigung nicht dem Irrtum auf, dass sich reale Gewalt-und Machtverhältnisse schon dadurch ändern, dass wir jetzt alle "schön sprechen"? Und damit die Realität bloß schönreden?

Sanyal: Es stimmt natürlich, dass Sprachpolitik nicht alles ändert. Aber an Worten hängen auch immer Vorstellungen. Ich wurde immer wieder als "Ausländerin" bezeichnet. Ich bin aber in Deutschland geboren, besitze einen deutschen Pass und habe nie länger woanders gelebt. Das Wort ist einfach falsch, weil es Menschen bezeichnet, die "nicht von hier" sind.

Wie halten Sie es mit dem Gendern?

Sanyal: "Idenditti" ist komplett durchgegendert, inklusive Sternchen -aber eben, weil es die Sprache meiner Figuren ist. Mein nächster Roman spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, da geht das natürlich nicht so einfach. Die Sprache muss schon stimmig sein und der Lebensrealität der Figuren entsprechen.

Was sagen Sie Leuten, die "dieses ganze Gendern" nur als nervig und unnatürlich betrachten?

Sanyal: Ich würde nie jemand dazu zwingen wollen zu gendern. Umgekehrt verwahre ich mich aber auch dagegen, dass mir jemand das untersagen wollte. Ich gehe fest davon aus, dass sich das in Deutschland als Standard etablieren wird. Wer hat vor zwei Jahren gewusst, was FFP2-Masken sind. Dieses Akronym verwenden wir nun ständig, weil die Welt eben gerade so ist, wie sie ist.

Apropos Akronyme. Was leistet es im Kampf gegen Diskriminierung tatsächlich, wenn ständig neue Akronyme gebildet oder erweitert werden. Derzeit halten wir bei LGBTQIA+ - da sind jetzt hoffentlich alle mitgemeint?

Sanyal: Ich bin zunächst einmal dafür, dass wir nachsichtig miteinander sind. In der Philosophie gibt es das "principle of charity": Man soll dem anderen zuhören und sich fragen, was er oder sie gemeint hat, und nicht unbedingt, was bei uns ankommt. Zugleich ist es aber auch wichtig, Muster zu durchbrechen, damit etwas auch neu gedacht und verändert werden kann. Sonst bleibt es immer beim "Es wäre wichtig" und "Wir sollten mal". Ich kann verstehen, wenn jemand sagt: "Wenn ich nicht mal richtig angesprochen werde, dann reagiere ich auch nicht."

In einem Interview haben Sie die Ansicht geäußert: "Literatur muss freundlich sein." Das ist heute ein geradezu häretisches Statement!

Sanyal: Ich würde das nicht für jede Literatur einfordern, aber diejenige, die mich interessiert und die ich schreiben möchte, sollte in jedem Falle freundlich sein.

Da könnte es in der österreichischen Gegenwartsliteratur eng werden.

Sanyal: Absolut. Ich finde schon, dass kalte Literatur ihre Berechtigung hat, und ich habe meine Jugend damit verbracht, die zu bewundern.

Genug von Thomas Bernhard?

Sanyal: Genau. Oder auch Elfriede Jelinek und Sibylle Berg, die ich ja toll finde. Aber was ich im Moment in der Literatur suche, ist etwas, was mir Hoffnung gibt und mich dazu befähigt, mit anderen in Kontakt zu treten. Stattdessen muss ich aber ständig lesen, dass wir sowieso nicht miteinander kommunizieren können, dass alle, die das probieren, es nur aus niederen Motiven machen, und dass die Menschheit sowieso verloren ist. Das ist so einfach. Damit macht man sich unangreifbar. Ich finde, es ist die Aufgabe von Literatur, die Welt größer zu machen und nicht kleiner.

Sobald es um Identitätspolitik geht, gewinnt man aber den Eindruck, dass genau dieses Miteinander-ins-Gespräch-Kommen zum Scheitern verurteilt ist.

Sanyal: Das hängt auch damit zusammen, dass wütende Artikel viel häufiger geteilt, wütende Tweets häufiger gelikt werden. Wir kriegen die Wut also viel stärker mit, und das wiederum wirkt auch auf die klassischen Medien zurück. Der Ton ist so rüde geworden. Hätte man mir vor zwei Jahren gesagt, dass sich die Gesellschaft entlang der Haltung zum Impfen spaltet, hätte ich gesagt: Super. Dann haben wir offensichtlich alle anderen Probleme gelöst!

"Spaltung" ist das Wort der Stunde. Manche sagen aber auch, dass das Wort angesichts des geringen Prozentsatzes radikaler Impfgegner nicht angebracht ist.

Sanyal: Was die radikalen Gegner anbelangt, mag das stimmen. Aber gerade in einem feministischen Kontext haben wir der Pharmaindustrie doch immer misstraut. Ich finde es für eine Diskussionskultur wichtig, dass wir über Zweifel sprechen können, ohne als "Schwurbler" verunglimpft zu werden. Eine Kollegin von mir, die an sich total für die Impfung ist, hatte massive Nebenwirkungen und war wochenlang krank. Und die steht jetzt vor dem Problem, dass sie nirgends mehr rein darf, wenn sie ihren Impfschutz nicht verlängert. Davor hat sie aber aus nachvollziehbaren Gründen richtig Angst. Es gibt sehr viele solcher Einzelfälle, die nichts mit einer grundsätzlichen Haltung zu tun haben. Ich finde eine solche ohnedies schwierig. Ich bin keine Medizinerin. Was versteh ich schon von Corona?

Man müsste tatsächlich erst eine Gesprächsbasis finden. Nehmen wir den Begriff der "Cancel Culture". Die wird von der einen Seite als Sargnagel des Liberalismus beschworen und von der anderen als Phantasma der Rechten abgetan. Wenn eine Philosophin wie Kathleen Stock aus dem Job gemobbt wird, was soll das denn sonst sein?

Sanyal: Natürlich kann man an der Uni nicht nur bei Leuten lernen, mit denen man einer Meinung ist. Es ist wichtig, mit anderen Theorien konfrontiert zu werden und auch ein Instrumentarium zu entwickeln, die eigene Position dagegen zu verteidigen. Ich glaube aber, dass Großbritannien hier viel stärker von den USA beeinflusst ist und ich bin davon überzeugt, dass sich so ein Fall in Deutschland nicht in dieser Weise abspielen würde. Wobei es mir natürlich auch schon passiert ist, dass Leute versucht haben, mich zu canceln.

Wie oft ist das passiert?

Sanyal: Zweimal. Einmal war es eine Redakteurin der WDR-Sendung "Zeitzeichen", die eine andere religiöse Meinung vertrat als ich und die deswegen gefordert hat, dass Frau Sanyal nicht mehr für das "Zeitzeichen" arbeiten soll. Das war erfolgreich. Und dann gab es noch den Versuch, mich von links zu canceln. In einem Artikel hatte ich vorgeschlagen, dass es neben dem Wort "Opfer" für Vergewaltigungsopfer noch andere Bezeichnungen geben sollte, weil es auch Betroffene gab, die sich selbst als "Erlebende" bezeichnet haben -nach dem in den USA gebräuchlichen "survivor", also "Überlebende". Worauf sofort Leute in einem offenen Brief an alle Redaktionen, für die ich damals geschrieben habe, gefordert haben, dass jemand, der so sexistisch sei wie ich und Vergewaltigung als tolles Erlebnis bezeichne - was ich selbstverständlich nie getan habe -nicht mehr zu Wort kommen sollte.

Wie waren die Reaktionen?

Sanyal: Die Redaktionen haben mich gefragt, ob ich nicht einen Artikel darüber schreiben möchte.

Wird die Forderung nach einem nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch nicht auch instrumentalisiert, um die eigene moralische Überlegenheit zu demonstrieren und das Gegenüber zu maßregeln?

Sanyal: Das kann der Effekt sein und das ist traurig, aber es ist nicht die Intention. Da geht es schon um das Bemühen um eine inklusivere Sprache. Man darf auch nicht übersehen, dass viele, die das sehr hart verhandeln, sehr jung sind, und Vehemenz ein Privileg der Jugend ist. Wir alle werden mit dem Alter weicher und nachsichtiger. Wir sind gerade in einer unangenehmen Phase, wo viele Dinge neu verhandelt werden, aber da wird sich vieles einschleifen.

Bernhard Pörksen hat diese Phase mit dem Begriff der "großen Gereiztheit" umrissen. Ist das auch schon hysterisch?

Sanyal: Nein, ich glaube, das stimmt schon, auch wenn es sich sicher nicht um die erste und einzige Epoche einer großen Gereiztheit handelt. Das ist aber das Wunderbare an der Demokratie: dass Leute unterschiedlicher Meinung sind. Wenn wir die eine Wahrheit haben wollen, müssen wir uns an Diktaturen halten.

Was an den identitätspolitischen Diskursen irritiert, ist, dass Menschen, deren geschlechtliche, sexuelle oder ethnische Identität im egalitären Sinne keine Rolle mehr spielen soll, erst recht wieder auf diese festgelegt werden.

Sanyal: Das Argument ist ein bisschen gemein, weil der sexualpolitische Identitätsdiskurs das Gegenteil bewirken wollte. Homosexualität ist, wie Foucault gezeigt hat, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, die jemand, der halt unter anderem auch Menschen des gleichen Geschlechts begehrt, nur darauf festlegt, um ihn dann zu kriminalisieren. Die Reaktion auf diese essenzialistische Zuschreibung von außen - das Wesen dieses Menschen besteht in seiner Homosexualität -, war die Forderung nach Anerkennung und die daraus erwachsende Möglichkeit, Rechte einzuklagen. Aber es stimmt natürlich, dass wir immer hart dagegen arbeiten müssen, selbst in die essenzialistische Falle zu tappen. Das ist ja auch eines der großen Themen in meinem Roman: Wir können nicht so tun, als gäbe es das Konstrukt "race" nicht, und dennoch ist es falsch. Wir überschätzen unsere Fähigkeit, Menschen gleich zu behandeln.

Der schwarze Linguist John McWhorter, Professor an der Columbia University, hat den Begriff des "Woke Racism" geprägt. Was sagen Sie dazu?

Sanyal: Ich finde McWhorter super spannend, und vieles - wenn auch nicht alles - was er sagt, hat Hand und Fuß.

McWhorter wirft den woken Anti-Rassisten vor, dass sie in ihrer rigorosen Opfer-Täter-Scheidung Schwarze entmündigen.

Sanyal: Er bezieht sich natürlich sehr stark auf die USA. Da lebe ich nicht, und dafür bin ich auch dankbar. In Bezug auf Deutschland würde ich sagen, dass "race" nicht die oberste Unterdrückungskategorie ist. An erster Stelle kommt sicher Gesundheit: Wenn ich eine geistige oder körperliche Behinderung habe, muss ich viel höhere Hürden überwinden. Danach folgt wahrscheinlich "class" und danach "race", die beide freilich auch häufig miteinander Hand in Hand gehen.

Das wäre auch die Kritik von Sahra Wagenknecht: Ein weißer heterosexueller Hackler ist weniger privilegiert als der schwule Sohn eines schwarzen Akademikers.

Sanyal: Den Hinweis, dass wir zu wenig über die Kategorie Klasse reden, finde ich richtig. Ich halte nur umgekehrt Wagenknechts Delegitimierung der anderen Seite für falsch.

Es werden falsche Oppositionen etabliert?

Sanyal: Genau. Man pickt sich von der anderen Seite immer nur die dumpfesten Argumente heraus -und die findet man natürlich. Es gibt aber auch gute und wichtige, und eigentlich könnten sich beide Seiten verstärken: Wenn wir gegen strukturelle Diskriminierung sind, dann müssen wir diese auf allen Ebenen bekämpfen. Es gibt aber eben auch Konjunkturen. Ich werde dann zu Vorträgen eingeladen, weil wir dringend was zum Feminismus machen müssen. Da hab ich auch nie was dagegen. Aber lasst uns bitte auch über prekäre Arbeitsverhältnisse reden und nicht nur darüber, wer mit wem wie geflirtet hat.

Es gibt also eine Hierarchie der Formen von Machtmissbrauch und Unterdrückung?

Sanyal: Genau, darauf bezog sich ja meine Antwort. Wenn die Bild-Zeitung jetzt eine innerbetriebliche Meldepflicht für Beziehungen zwischen Mitarbeitern und -innen in unterschiedlichen hierarchischen Positionen formuliert, ist das gut gemeint, aber auch ein schlechter Witz: Die Bild tritt die Menschenrechte in so vielen Fällen mit Füßen, dass es da schon ganz andere Prioritäten gäbe. Will ich dann wirklich Beziehungen unter Kontrolle stellen? Das liegt ja daran, dass der Springer-Verlag jetzt dieses amerikanische Medienunternehmen aufgekauft hat. Und in Amerika ist das an den Unis gang und gäbe, egal, ob der-oder diejenige überhaupt mein Studienfach teilt. Wenn ich als Informatik-Professorin eine Affäre mit einem Kunststudenten habe, wäre das ein Kündigungsgrund.

Ernsthaft?

Sanyal: Ja. Ich bin unbedingt für Sicherheit, aber auch viel zu sehr Anarchistin, um staatlicher oder gar unternehmerischer Kontrolle zu vertrauen. Die können auf mein Leben sicher nicht besser aufpassen als ich selber. Womit nicht gesagt sein soll, dass es keinen Machtmissbrauch gibt. Ich glaube bloß nicht, dass der durch diese Art von Kontrolle vermieden werden kann.

Klaus Nüchtern in Falter 51-52/2021 vom 24.12.2021 (S. 46)


Gender, Race et cetera

Darf man Identitätspolitik komisch finden? Darf man Gender Studies, Postkolonialismus, Feminismus und all die anderen angesagten und umkämpften Diskurse von heute bespötteln und über die Nöte von People of Colour ironische Romane schreiben, ohne sich völlig unmöglich zu machen?

Man darf – sofern man selbst betroffen ist, über Humor und cleveren Witz verfügt und als akademisch gebildete Woman of Colour ein gelungenes Beispiel für weibliche Selbstermächtigung unter widrigen Umständen der Diskriminierung verkörpert. Insofern ist für drei neu erschienene Romanfiktionen deren biografische Beglaubigung nicht unerheblich: Gerade weil die Autorinnen – zwei Britinnen und eine Deutsche – Nicht-Weiße sind und aus eigenem Erleben kennen, worüber sie sich lustig machen, dürfen sie sich das souveräne literarische Spiel mit diesen Themen erlauben.

Auf ihre Art sind alle drei Autorinnen Selfmade-Vorzeigefrauen mit eindrucksvoller Erfolgsbiografie.

Bernardine Evaristo, 1959 in London geboren, ist die Tochter einer weißen Engländerin und eines Nigerianers und Professorin für Kreatives Schreiben an der Brunel University in London. Mit „Mädchen, Frau etc.“, ihrem bereits achten Roman, ist ihr mit 61 Jahren der internationale Durchbruch gelungen – als erste schwarze Schriftstellerin wurde sie 2019 mit dem Booker Prize ausgezeichnet.

Auch Sharon Dodua Otoo, Jahrgang 1972, ist Londonerin. Ihre Eltern sind aus dem westafrikanischen Ghana zugewandert. Sie studierte German Studies an der Londoner Universität, schloss mit einem Summa-cum-laude-B.A.-Diplom ab und lebt seit 2006 mit ihren vier Söhnen in Berlin, als Publizistin und Aktivistin. 2016 gewann sie mit einem auf Deutsch geschriebenen Text in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis. „Adas Raum“, gleichfalls auf Deutsch geschrieben, ist ihr erster Roman.

Mithu Sanyal, Jahrgang 1971 und Tochter einer polnischen Mutter und eines indischen Vaters, ist Kulturhistorikerin und promovierte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf mit einer Doktorarbeit über die Kulturgeschichte des weiblichen Genitals. Sie arbeitet als Journalistin, Kritikerin, Hörspiel- und Sachbuch-Autorin. „Identitti“ ist ihr erster Roman.

Im Grunde drehen sich alle drei Romane um ein und dieselbe scheinbar unschuldige Frage, auf die, weil sie ihnen immerfort gestellt wird, die nicht-weißen Heldinnen stets schon gereizt lauern: „Where do you come from?“

Für die indisch-polnische Heldin von Mithu Sanyals Roman, eine gebürtige Düsseldorferin, die unter den Pseudonymen „Mixed-Race Wonder-Woman“ und „Identitti“ ein streitbares Blog betreibt, enthält diese
Frage bereits eine klare Definition von People of Colour: „PoCs, das sind die Menschen, die gefragt werden: Wo kommst du her?“

Dahinter steht natürlich die ganze verworrene Debatte über Herkunft, Heimat, Zugehörigkeit, Diversität, Inklusion oder Ausgrenzung, Fremd- und Selbstzuschreibung, sprich: der gesamte Komplex heutiger Identitätspolitik, in den sich Wissenschaft, Medien, Politik und Öffentlichkeit seit Jahren verbeißen, samt dogmatischen Verhärtungen, rassistischen Entgleisungen, postkolonialen und Gender-bewussten Empfindlichkeiten.

Erfreulicherweise gelingt es den drei Autorinnen, ihr Thema ernst zu nehmen und es zugleich spielerisch zu beleben, indem sie es von jeder akademischen Schwergängigkeit befreien und die einschlägigen wissenschaftlichen und politischen Diskurse in muntere Narrative überführen. Die Romane lesen sich schwerelos und unterhaltsam, ohne dabei ihren Ehrgeiz zu verleugnen, dem Romanformat ein paar neue experimentelle Facetten abzugewinnen.

Beispielsweise Bernardine Evaristo. Ihr Roman betritt gleich zweifach literarisches Neuland: inhaltlich und von der literarischen Form her. „Mädchen, Frau etc.“ ist bewusst als programmatisch Schwarzes Buch angelegt – „Schwarz“ großgeschrieben –, um damit nicht-weißen Frauen mit afrikanischen oder karibischen Wurzeln eine Stimme zu geben, die im heutigen Großbritannien leben und darum kämpfen, sich zu behaupten, ja, überhaupt wahrgenommen zu werden.

Evaristos Heldinnen sind zwölf schwarze Frauen im Alter zwischen 19 und 93 Jahren. Sie alle sind Kinder migrantischer Eltern aus den ehemaligen britischen Kolonien. In der britischen Mehrheitsgesellschaft sind sie von vornherein Außenseiterinnen und werden als Fremde ausgegrenzt. Doch sie nehmen ihre strukturelle Benachteiligung nicht widerspruchslos hin, sondern erkämpfen sich ihre Anerkennung und ihren Platz in der Gesellschaft. Sie verkörpern verschiedene Generationen und unterscheiden sich in Hinblick auf ihre soziale Herkunft, auf Bildungsniveau und Berufsstand, Religion und politische Überzeugung, vor allem auch auf die sexuelle Orientierung. Etliche der Frauen sind lesbisch, eine ist eine nicht-binäre Person mit fluider Gender-Identität, andere sind Mütter oder Großmütter, die in Klein- oder Großfamilien leben, in urbanen Milieus oder in der ruralen Provinz Englands.

Zwischen Bankerin und Bäuerin, Supermarkt-Kassiererin und Putzfrau, Lehrerin, Bloggerin und Theatermacherin ist alles dabei. Manch kämpferische Feministin findet sich darunter. Alle Formen von Diversität werden nicht bloß dargestellt, sondern gefeiert und lustvoll ausgemalt, gelegentlich auch mit sanfter Ironie bespöttelt. So lässig und cool der Erzählton, so scharf und präzise der Blick auf das jeweilige soziale Biotop, in dem sich die Protagonistinnen tummeln. Evaristo verknüpft deren Lebensgeschichten auf vielfältige Art. Es gibt allerlei problematische Mutter-Tochter-Beziehungen und komplexe Lebenspartnerschaften, teils hetero-, teils homosexuell. Wie die Figuren miteinander zusammenhängen und deren oft überraschende Beziehungen untereinander, das erschließt sich dem Leser erst allmählich und macht den besonderen Reiz dieses polyphonen Episodenromans aus.

Der Roman hat zwar keine Handlung, aber eine bezwingend originelle Form. Er ist als Rondo angelegt: Das letzte Kapitel führt zum ersten zurück und schließt damit den Kreis. Und er ist nicht in traditionellen grammatischen Sätzen geschrieben, sondern einzig durch Absätze und Zeilenbruch gegliedert. Die einzelnen Abschnitte kommen völlig ohne Punkt aus, mit Ausnahme eines Schlusspunkts am Ende des jeweiligen Kapitels.

Der Zeilenbruch erinnert zwar optisch an die Gedichtform, aber die Sprache des Romans ist alles andere als lyrisch: Es herrscht ein quecksilbriger prosaischer Erzählton, salopp und ungeniert und durchsprenkelt mit allerlei flotten modischen Slogans und Diskursformeln von heute. Tanja Handels übersetzt das gewandt und erweist sich als sattelfest in vielerlei zeitgeistigen Jargons.

Das Erfrischende an Evaristos Roman: Er glaubt an die Möglichkeit von Veränderung, sogar in Brexit-Großbritannien. Auch die Briten, sowohl Bio-Engländer wie Zuwanderer, sind schließlich ein Mischmasch vielfältiger Herkünfte, und die Zukunft heißt ohnehin Diversität.

Mithu Sanyals Romanheldin Identitti ist genauso wenig auf den Kopf und auf den Mund gefallen wie Evaristos schwarzes Dutzend. Für den Plot ihres Düsseldorfer Campus-Romans musste die Autorin ihre Fantasie gar nicht erst strapazieren, den Grundeinfall lieferte ihr das reale Leben frei Haus. Sie musste bloß den Fall der weißen Kulturwissenschaftlerin Rachel Dolezal, die sich als Afro-Amerikanerin ausgab und nach dem Auffliegen ihres Betrugs mit Schande von der Washington University verjagt wurde, ins heutige deutsche Universitätsmilieu transferieren.

Sanyals Identitti ist nicht nur meinungsstarke Bloggerin, sondern auch Studentin: Sie vergöttert ihre charismatische indische Professorin Saraswati, eine bekennende Person of Colour, für die an der Heinrich-Heine-Universität eigens ein Lehrstuhl für Intercultural Studies und Postkoloniale Theorie eingerichtet wurde. Als auffliegt, dass Saraswati in Wahrheit eine Weiße ist und Sarah Vera Thielmann heißt, bricht ein Shitstorm los. Doch anders als Rachel Dolezal übersteht ihn Frau Thielmann mit Chuzpe und guten Nerven. Mehr noch – und das ist eine von vielen boshaften Pointen des Romans –, die falsche Saraswati macht danach in Oxford brillante Karriere, im Fach Whiteness Studies.

Mithu Sanyal treibt mit der Verwirrung aller Konzepte von Blackfacing, White Supremacy und Race ihren unendlichen Spaß. Sie fährt Achterbahn mit allen postkolonialen Theorien und Axiomen des Identitätsdiskurses und erfindet einen täuschend echten Shitstorm, gemixt aus realen und fiktiven Stimmen. Ihr Roman ist unverschämt – und unverschämt gut.

Verglichen mit dem unverfrorenen Klamauk Sanyals hält es Sharon Dodua Otoo eher mit heiterem Ernst. Ihr Roman „Adas Raum“ hat sich Beträchtliches vorgenommen. Am Beispiel von vier Frauen namens Ada – zwei Weißen, zwei Schwarzen – aus sechs Jahrhunderten werden die Mühen weiblicher Selbstermächtigung angesichts kolonialherrlicher, rassistischer oder auch nur patriarchalischer Dominanz weißer Männer vorgeführt und mit der solidarischen Welt der Schwestern, Mütter und weiblichen Vorfahren konfrontiert. Eine der vier Adas ist historisch: Lord Byrons Tochter, die Mathematikerin und erste Programmiererin Ada Lovelace.

Das Dingsymbol, das die vier Adas über Zeiten und Kontinente hinweg miteinander verbindet, ist ein Perlenarmband aus Ghana, ein Fruchtbarkeitssymbol aus matriarchalem Ur-Besitz, und die Erzählerstimme, die die disparaten Episoden des Romans zusammenhalten soll, ist zugleich seine ehrgeizigste und problematischste Erfindung: Es spricht abwechselnd ein Reisigbesen, ein Türklopfer, ein Bordellzimmer im KZ Mittelbau-Dora und eine göttliche Brise, also der Weltgeist persönlich.

„Adas Raum“ hat einen weit längeren und tieferen Atem als die amüsanten Schnappatmungsromane von Evaristo und Sanyal. Das dürfte dem Erstling Otoos wohl auch seine literarische Haltbarkeit sichern.

Sigrid Löffler in Falter 11/2021 vom 19.03.2021 (S. 4)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446269217
Erscheinungsdatum 15.02.2021
Umfang 432 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl
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