Matou

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Der charismatischste Erzähler der Welt ist ein Kater – Michael Köhlmeiers neuer großer Roman
Die großen Fragen der Menschheit – betrachtet von einem einzigartigen Kater: Matou. Sein Leben ist ein Sieben-Leben-Leben, es reicht von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart. Seine Leidenschaft ist es, den Menschen verstehen zu lernen. E.T.A. Hoffmann und Andy Warhol kannte er persönlich, auf der Katzeninsel Hydra führte er einst einen autokratischen Staat und kämpfte im Kongo gegen die Kolonialherren. Matous Leben sind voller großer Abenteuer, er ist ein wilder Geschichtenerzähler und ein noch größerer Philosoph. Er ist der Homer der Katzen. Der neue große Roman von Michael Köhlmeier ist eine Liebeserklärung an Mensch und Tier: voller Sprachwitz und Ironie. Ein Geniestreich.

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FALTER-Rezension

Semiotik der Schnurrhaare

Auf Seite 881 hat Michael Köhlmeier einen Cameo-Auftritt in Gestalt seines bereits aus vorangegangenen Romanen bekannten Alter Ego Sebastian Lukasser. Im Rahmen einer Poetik-Vorlesung an der Universität Wien widmet sich der kleine, bemerkenswert ungewöhnlich gekleidete Mann mit dem verstrubbelten Haar und der Figur eines Hydranten der Frage, wie es Schriftstellern gelingt, historische Persönlichkeiten in ihre Fiktionen zu integrieren und erfundenen Figuren zu historischer Wahrhaftigkeit zu verhelfen.

Als Beispiele dienen ihm unter anderen Büchners „Dantons Tod“ und Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“. Er hätte natürlich auch Michael Köhlmeiers Roman „Zwei Herren am Strand“ (2014) anführen können, in dem Charlie Chaplin und Wins­ton Churchill einen Beistandspakt gegen ihre Depressionen schließen. Aber das direkte Selbstzitat war dem Autor dann doch zu kokett oder zu simpel. Er spielt die Kugel lieber über drei Banden und lässt in „Matou“ den Titelhelden von der eingangs erwähnten Vorlesung berichten. Es handelt sich beim Ich-Erzähler im Übrigen um einen Kater, der in seinem ersten Leben bei Dantons Tod live dabei war und nun in seinem siebten und letzten den Neffen seiner Wiener Quartiergeberin beim Verfassen eines Romans über die geheimen Privattreffen von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle zur Hand geht, den der etwas luschige und stets unglücklich verliebte Daniel nie zustandebringen wird.

In seinem bisherigen Opus magnum „Abendland“ (2007) hatte Köhlmeier das gesamte 20. Jahrhundert durchmessen. Mit „Matou“ legt er jetzt noch 180 Seiten und ein gutes Jahrhundert drauf. Aufgelesen vom Revolutionär Camille Desmoulins bezeugt Monsieur Matou den Terreur der Französischen Revolution, den er ebenso wenig überlebt wie sein Herrchen: Beide werden guillotiniert. Im zweiten Leben dann lernt der sprechende Kater beim trinkfesten Phantasten und Beamten E. T. A. Hoffmann, dem er als Vorbild für den „Kater Murr“ dient, auch noch lesen und schreiben. Es folgen: eine Episode auf der Katzeninsel Hydra, wo Matou eine grausame Diktatur mit planwirtschaftlichen Zügen errichtet; eine folkloristisch-mythische Existenz als Leopard im Kongo, als dieser sich im Privatbesitz des völkermörderischen belgischen Königs Leopold II. befand; ein Prag-Aufenthalt, bei dem sich der Protagonist mit dem sprechenden Affen Rotpeter (bekannt aus Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“) anfreundet; das Glitzy Life an der Seite des Katzenfreundes Andy Warhol im New York der 1970er und schließlich die beschauliche Existenz an der Seite von Dame Ingeborg Novak (DIN) am Rande der Weinberge von Döbling, wo Matou auf seine sechs vorangegangenen Leben zurückblickt und jene Autobiografie verfasst, die uns nun in Romanform vorliegt.

Köhlmeier, der erst vor zwei Jahren einen voluminösen Märchenband vorgelegt hat, tippt bekanntlich schneller als sein Schatten, Matou steht eine einzige „Schreibkralle“ zur Verfügung, und hätte er das Buch tatsächlich auf die detailreich beschriebene Weise verfasst, wäre er damit in einem einzigen Katzenleben kaum zum Ende gekommen.

Dem neunmalklugen Quasselkater fällt es freilich schwer, das Maul und die Tinte zu halten. Seine Autobiografie erweist sich als ein wüster, mit zahlreichen Gedichten angereicherter Stil- und Genremix, an dessen Extremen das in jeder Hinsicht dunkle, mytho-poetische Kongo-Kapitel und der ungerührt protokollierende Hyperrealismus der New-York-Episode zu liegen kommen. Wo der Pop-Artist Andy Warhol die Verweigerung von Bedeutungshierarchien zum Prinzip erhoben hat, da wechselt Matou von den letzten Fragen und Dingen zu kreatürlichen Niederungen des Rammelns, Scheißens und Brunzens und zoomt von der Totalen ansatzlos auf ausführlich ausgebreitete Alltagsdetails: Auch die Listen Aberdutzender Bücher, die er sich auf der Nationalbibliothek entlehnen lässt (im richtigen Leben unmöglich), wollen vollständig aufgeführt werden und belegen die Gelehrtheit des grafomanischen Katers, der Adjektiva wie „aporematisch“, „polyöstrisch“ und „kataklystisch“ ebenso in petto hat wie ein archaisches „neblicht“ oder „sachtmütig“.

Wenn Matou die Klaviatur seiner Belesenheit anspielungsreich mit allen vier Tatzen bepfötelt, mag das ironisch gemeint sein, hat allerdings den Nachteil, dass er über allem Aufzählen immer wieder aufs Erzählen vergisst. Das ließe sich auch als Skepsis gegenüber biografischen Narrativen à la Bildungsroman auslegen, läge der Vorwurf mangelnder Disziplin nicht um vieles näher: Der Protagonist kann sich einfach nichts versagen, jeder Einfall, der ihm durchs Köpfchen rauscht – Matou hat ein ausgesprochenes Faible für Diminutive –, muss auch niedergeschrieben werden, sodass der rote Faden, der die sieben Leben hätte verbinden können, doch eher einem nach Katzenart tüchtig zerzausten Wollknäuel ähnelt.

Angesichts all der Vorgriffe und Rückblenden, Assoziationen und Abschweifungen vermisst man mitunter eine ordnende Perspektive, die klären würde, worum es in diesem Roman „eigentlich“ geht. Naturgemäß um die Frage, was den Menschen zum Menschen macht (und vom Tier unterscheidet). Darauf gibt es einige gewitzte, aber auch vorhersehbare Antworten sowie selbstverständlich eine Liste von hundert, allerdings etwas lieblos heruntergeratterten Punkten.

Wenig misstraut Matou so sehr wie der Rede von der „Sprache“ der Tiere, die auch wieder nur eine von diesen verwaschenen menschlichen Metaphern sei. Aber auch über die Semiotik der Schnurrhaare, die Quadrillionen von Zeichenkombinationen zulassen, kann sich der Kater, der in New York auch auf Noam Chomsky trifft, eben nur in der Menschensprache artikulieren, über die sein Autor verfügt.

Hier beißt die Katz sich in den Schwanz und die Maus keinen Faden ab. Angesichts des Umstandes, dass Matou „Anna Karenina“ in 20 Minuten auslesen und in seinem Superhirn abspeichern kann, ist das Ausmaß an Redundanzen, die er sich durchgehen lässt, allerdings erstaunlich. Hinsichtlich dessen mnemotechnischer Fähigkeiten ist aber ohnedies Skepsis geboten: Ein Kater, der plappert wie ein Synonymlexikon und Dutzende von Enzyklopädien auf seiner Festplatte haben will, aber wiederholt behauptet, dass es im Augarten Raben gäbe, hat sich zumindest auf dem Gebiet der Ornithologie einigermaßen diskreditiert.

Klaus Nüchtern in Falter 34/2021 vom 27.08.2021 (S. 29)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446270794
Erscheinungsdatum 23.08.2021
Umfang 960 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl
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