Harlem Shuffle

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Harlem, 60er Jahre: die Geschichte eines einfachen Mannes, der so ehrlich wie möglich versucht aufzusteigen. Der neue Roman des zweifachen Pulitzerpreisträgers und Bestsellerautors Colson Whitehead
Eigentlich würde Ray Carney am liebsten ohne Betrügereien auskommen, doch die Einkünfte aus seinem Laden reichen nicht aus für den Standard, den die Schwiegereltern erwarten. Cousin Freddy bringt gelegentlich eine Goldkette vorbei, die Ray bei einem Juwelier versetzt. Doch was tun mit dem Raubgut aus dem Coup im legendären „Hotel Theresa“ im Herzen Harlems, nachdem Freddy sich verdünnisiert hat? Als Polizei und Gangster Ray in seinem Laden aufsuchen, steht sein waghalsiges Doppelleben auf der Kippe. Der mitreißende Roman des zweifachen Pulitzer-Preisträgers Colson Whitehead ist Familiensaga, Soziographie und Ganovenstück, vor allem aber eine Liebeserklärung an New Yorks berühmtestes Viertel.

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FALTER-Rezension

Ein ehrlicher Gauner

Mit seinem virtuosen Sklavenroman „Underground Railroad“, der 2016 erschien, entwickelte sich Colson Whitehead zu einer ganz großen Nummer der US-Literatur. Seither läuft es für ihn wie am Schnürchen: Bestseller und Kritikererfolge, Verfilmungen und Auszeichnungen vom National Book Award bis zum Pulitzer Prize – viel mehr Zuspruch kann man, abgesehen vom Nobelpreis, nicht erhalten.

Der neue Roman „Harlem Shuffle“ macht sich auf den ersten Blick klein. In puncto erzählerischer Breite und Wucht will das Buch erst gar nicht mit „Underground Railroad“ konkurrieren, es groovt vielmehr locker im titelgebenden Rhythmus dahin. Stilistisch geht Whitehead in den beiden Romanen völlig unterschiedliche Wege. Und doch sind die so konträren Texte miteinander verwandt, denn wieder geht es um schwarze Geschichte.

Angesiedelt ist die Story im Harlem der späten 1950er und frühen 60er. Zu dieser Zeit herrschen noch sehr klare Trennungslinien zwischen dem schwarzen und weißen New York. „Harlem Shuffle“ sieht und hört genau hin, wie sich die Stadt aller Städte verändert. Der erste von drei Teilen spielt 1959, der letzte 1964. Fünf Jahre bloß, doch einst belebte Ecken sind am Ende völlig heruntergekommen. Sie werden so lange sich selbst überlassen, bis Investoren zuschlagen, um alles abreißen und neue Viertel samt Wolkenkratzern errichten zu können. Gleichzeitig überschwemmen Drogen die Stadt. Heroin wird zu einem Problem, das viele Schichten betrifft. Und nicht zuletzt probt die schwarze Bevölkerung immer unüberhörbarer den Aufstand.

Welchen Unterschied ein paar Jahre machen: Whitehead wurde nur wenig später, 1969, in New York geboren. Er besuchte eine renommierte Schule und konnte danach in Harvard studieren. Ein, zwei Generationen früher wäre er damit die absolute Ausnahme gewesen.

Rassismus, Drogen, Gewalt: Angesichts der Düsterkeit des Szenarios hat Whitehead einen fast vergnüglichen Roman geschrieben. Das Buch lässt sich auf mehreren Ebenen genießen. Zunächst erzählt es eine Gang-stergeschichte. Im Mittelpunkt steht Ray Carney, ein – wenn es so etwas gibt – ehrlicher Gauner. Sein Vater war Vollzeit-Krimineller und für seinen Cousin Freddie, mit dem er aufgewachsen ist, gilt das bis heute.

Ray selbst versucht, sich und seine kleine Familie auf gesetzestreue Art durchzubringen, führt einen kleinen Möbelladen und ist in seinem Metier durchaus ambitioniert. Aber seiner Kundschaft sitzt das Geld leider nicht locker und darum reicht es auch bei ihm selten bis zum Ende des Monats. Um die Einnahmen aufzubessern, handelt er unter der Hand mit Elektrogeräten, die zufällig vom Laster gefallen sind, und fun-giert als Zwischenhändler von gestohlenem Schmuck. In seiner Ambiguität ist er eine spannende Figur. Er wollte nie eine kriminelle Laufbahn einschlagen. Als Freddie in der Jugend stehlen ging, lernte Ray fleißig. Doch um 1960 ist es schwer, als kleiner schwarzer Einzelunternehmer Erfolg zu haben, zumal Weiße mit größerer Brieftasche seinen Laden niemals betreten würden.

Also sieht er sich gezwungen, bei krummen Dingern mitzumachen. Nicht zuletzt aus Loyalität zu seinem ständig in Schwierigkeiten steckenden Cousin. „Harlem Shuffle“ ist auch ein Familienroman. Der Held ist hin und her gerissen zwischen seinen bescheidenen Herkunftsverhältnissen und dem deutlich besseren Milieu, aus dem seine Frau stammt. Deren Eltern rühmen sich damit, ein wenig hellhäutiger zu sein.

Der vielleicht größte Trumpf von „Harlem Shuffle“ ist Whiteheads Fähigkeit, Atmosphäre zu erzeugen. Obwohl er die Zeit nur aus Erzählungen der Eltern, Filmen oder anderen Büchern kennt, schildert er New York um 1960 extrem lebendig, fast schon hyperreal. Meist genügt ihm dazu ein schneller Blick, der ein, zwei prägnante Details erfasst.

Und dann wären da noch Groove und Sound. Das in Straßencafés gesprochene Kauderwelsch, die Codesprache von Hinterzimmern und den zumindest vordergründig respektablen Talk unter Geschäftsmännern arrangiert Colson Whitehead zu einer furiosen Combo, die von Ragtime über Soul bis Free Jazz einige Stückeln spielt. Immer wieder darf ein Instrument vortreten, ohne dass das Solieren eitel wird. Auch auf Deutsch trottet der Roman dank der feinfühligen Übersetzung von Nikolaus Stingl in einem lässigen Rhythmus durch New York.

Am Ende steht Ray vor den Ruinen eines ganzen Viertels, das kurzerhand plattgemacht wurde, um Platz für das World Trade Center zu machen: „Das waren die Überreste einer ruinösen Schlacht. Block auf wimmelnden Block der Radio Row, die Textillagerhäuser, Hutgeschäfte und Schuhputzerstände, die billigen Esslokale, sogar die Abdrücke im Bürgersteig, wo die Streben der Hochbahngleise am Beton festgenietet gewesen waren – Schutt.“

Im Schlussteil wird „Harlem Shuffle“ ein bisschen wehmütig und sehnt sich nach der Energie, dem Straßenlärm, dem pulsierenden Leben einer Stadt, an die im heutigen New York nichts mehr erinnert. Auch das geht in Ordnung.

Sebastian Fasthuber in Falter 40/2021 vom 08.10.2021 (S. 29)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446270909
Erscheinungsdatum 23.08.2021
Umfang 384 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl
Übersetzung Nikolaus Stingl
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