Wut und Böse

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Wann waren Sie das letzte Mal richtig wütend?
Frauen, die ihrer Wut freien Lauf lassen, haben schnell einen schlechten Ruf. Doch diese Wut kann eine mächtige Waffe gegen persönliche und politische Unterdrückung sein.
Ciani-Sophia Hoeder fragt nach: Wie haben wütende Frauen Geschichte und Popkultur geprägt? Welchen Einfluss haben die Erziehung von Mädchen und der abfällige Umgang mit Sorgearbeit auf die seelische Gesundheit von Frauen? Und wie wird aus Wut Mut zur Veränderung?

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FALTER-Rezension

Wut zur Veränderung

In ihrem Buch "Wut und Böse" fordert die Journalistin Ciani-Sophia Hoeder Frauen auf, Ärger auszudrücken

Werden Sie oft von Ihrem Umfeld gefragt, warum Sie grantig dreinschauen? Rufen Ihnen Männer auf der Straße "Lächle doch mal!" zu? Und das, obwohl Sie gar nichts Negatives empfinden? Dann leiden Sie vielleicht unter einem resting bitch face, also einem genervten oder verächtlichen Gesichtsausdruck trotz neutraler Gefühlslage.

In den Medien wurde der Schauspielerin Kirsten Stewart ein "RBF" attestiert, dem Popstar Kayne West und Queen Elizabeth II. Es gebe aber schon einen Ausweg für die Missgedeuteten, schreibt die deutsche Journalistin, Autorin, Foto-und Videografin Ciani-Sophia Hoeder in ihrem Buch "Wut und Böse". In den USA boome eine Beauty-OP, durch welche die Mundwinkel minimal angehoben werden.

Eine "Expressionskorrektur" per Skalpell mag grotesk erscheinen, aber wer will schon wie eine bitch erscheinen? Das Gros der weiblichen Bevölkerung sicher nicht. Sie verbirgt Ärger in einem viel höheren Ausmaß als Männer, so Hoeders Grundthese. Gesellschaftlich werde nur die lächelnde und sanfte Frau belohnt, Wut hingegen geahndet.

Zornige Frauen ernten Zuschreibungen wie "Zicke","Furie" oder "Hysterikerin". Also weg mit der Wut: runterschlucken, lächelnd übergehen oder - als letzter Ausweg - weinen statt schreien. Dass Frauen ihren Unmut nicht ausdrücken, ja ihn oft nicht ein mal als solchen spüren, ist für die Autorin ein Effekt der Sozialisation. Wut sei demnach ein "cis-männliches, überwiegend heterosexuelles Privileg". In ihrem mit Studien und feministischer Literatur gut unterfütterten Erstling erkundet die 31-Jährige das "strukturelle Verlangen", Frauen ihre Wut abzusprechen.

Die Portion an artikulierbarem Zorn, die einem sozial zugestanden wird, hängt aber nicht bloß vom Geschlecht und der Sexualität ab, schreibt Hoeder. Auch der Phänotyp, also Körpergröße, Proportion und Hautfarbe einer Person, spiele eine Rolle. Dick oder schwarz zu sein schmälere das erlaubte Maß an Entrüstung noch weiter.

Mit verdrängtem Verdruss kennt sich Hoeder aus. Die Tochter einer Deutschen und eines Afroamerikaners schreibt seit Jahren über Rassismus und Diskriminierung, unter anderem für das SZ-Magazin. 2019 gründete die studierte Kommunikationsexpertin ihr eigenes Medium für Schwarze Frauen, das Online-Lifestylemagazin RosaMag, in dem Diversität auch anhand von Mode und Beauty behandelt wird.

Zu diesem Projekt sei sie auch durch ihre Haare gekommen, schildert die Neo-Buchautorin in Interviews. Wie Millionen anderer Frauen mit Afrolocken ließ sie sich die krause Mähne seit der Pubertät glätten. Erst mit Ende 20 recherchierte die Berlinerin über die dafür verwendeten "Relaxer". Dabei fand sie heraus, dass diese Lauge nicht nur auf der Kopfhaut brennt, sondern auch gesundheitsschädlich ist. "Ich hatte keine Ahnung, was ich da meinem Körper, meiner Selbstwahrnehmung und meiner Identität antue. Ich wollte mich damit auch vor Rassismus schützen", erzählte Hoeder dem Onlinemagazin femtastics. Letztlich hätte ihr der Groll aber geholfen, sich selbstständig zu machen.

Der Name des Magazins RosaMag würdigt eine kämpferische Frau. Die Afroamerikanerin Rosa Parks wurde berühmt, weil sie sich während der Rassentrennung 1955 in Alabama weigerte, ihren Bussitzplatz für weiße Fahrgäste zu räumen.

Parks sei oft als "müde, alte, liebe, stille Schneiderin" dargestellt worden, die einen "spontanen Akt des Mutes" zeigte, kritisiert Hoeder. In Wahrheit plante das 42-jährige Mitglied einer Bürgerrechtsorganisation den auf ihre Verhaftung folgenden Busboykott von langer Hand.

Auch wenn in "Wut und Böse" von Unterdrückung und Gewalt die Rede ist, geht es um keinen Opferdiskurs. Vielmehr streicht Hoeder heraus, wie Wut bei Frauen durch anerzogene Scham-und Schuldgefühle sowie die Furcht vor Rache kleingehalten wird. Die Angst davor, die Beherrschung zu verlieren, als "schwierig","gestört" oder gar "sexuell frustriert" zu gelten, würde ruhigstellen, auch wenn Aufbegehren eigentlich wichtig wäre.

Warum nicht alles mit dem Baseballschläger kurz und klein schlagen, anstatt zu kuscheln? Diese Möglichkeit bietet ein "Crash-Raum" in Berlin, ein möbliertes Zimmer, in dem gegen eine entsprechende Gebühr getobt werden darf. Laut Betreiber ist die Kundschaft zu 70 Prozent weiblich. Schon wieder nicht befördert? Also zerdrisch den Computer! Immer noch allein beim Putzen? Leg doch die Küche in Trümmer! Aber Ausrasten allein erleichtere höchstens kurz. "Es genügt nicht, dass wir uns ärgern, wir müssen auch noch Recht bekommen. Das ist die Quintessenz von Wut", schreibt Hoeder. Am ehesten könnte das kontrollierte Zerstören noch helfen, nicht durch verdrängten Ärger depressiv oder krank zu werden.

Evolutionär stellt Wütendsein nichts anderes als eine Gefühlsreaktion auf einen Angriff dar. Hormone wie Adrenalin sorgen für erhöhten Pulsschlag und Blutdruck. Das durchlebte auch die Mutter der Autorin, als sie eines Tages in einem Supermarkt explodierte. Der Alleinerzieherin war an der Kassa zu viel verrechnet worden. Als sie sich darüber beschwerte, musste sie lange warten und wurde dann von oben herab behandelt. Und doch war es ihrer Tochter unendlich peinlich, als Mama schließlich lautstark zu schimpfen begann.

Aber brauchen wir in Zeiten von gesellschaftlicher Polarisierung, Shitstorms und anderer Unzivilisiertheiten wirklich noch mehr Erregung? "Ohne heiße Wutreaktionen keine Lebendigkeit", lautet zwar ein Spruch in Hoeders Buch, aber sie hält dennoch kein Plädoyer für bloßes Dampfablassen. Um das soziale Anti-Wut-Korsett aufzuschnüren, müssen Frauen zuerst einmal ihre negativen Gefühle spüren. Sie reagieren auf ihren eigenen Zorn aber eher so, dass sie den Fehler bei sich suchen.

Abwehrmechanismen von berechtigter Empörung gibt es zuhauf. Als gaslighting wird etwa im angelsächsischen Raum eine Art von Manipulation bezeichnet, mit der das Opfer gezielt dazu gebracht wird, an seiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Eine andere Form des Abblockens heißt tone policing: Dabei werden Argumente mit der Begründung weggewischt, sie seien zu wütend, unsachlich oder emotional vorgebracht worden.

In ihrem 2020 erschienenen Wälzer "Unsichtbare Frauen" hat die Britin Caroline Criado-Perez anschaulich belegt, dass Männer in Statistik, Medizin, Technik und vielen anderen datenzentrierten Feldern immer noch als Norm fungieren -zum Schaden der weiblichen Hälfte der Menschheit. Dem autobiografisch angelegten Buch "Untenrum frei" der Berlinerin Margarete Stokowski ist es 2016 wiederum gelungen, das schwierige Verhältnis von Macht und Sex aus Frauenperspektive zu schildern.

"Wut und Böse" siedelt sich zwischen diesen Must-Reads des neueren Feminismus an. Wiewohl Hoeder vieles nur anreißt, Affekttheorie oder Care-Arbeit etwa, bleiben ihre Ausführungen nicht oberflächlich. Ihr kämpferischer, grundoptimistischer Drive reißt mit, wenn sie etwa für eine "revolutionäre Wut-Katharsis" plädiert.

Einen Reality-Check inmitten eigener Überlegungen und fremder Theorie bieten auszugsweise zitierte Gespräche, etwa mit einer Krankenschwester. Diese ist stolz auf ihr Image als "Drache" der Station, schließlich kämpfe sie in der Hierarchie für die Schwächeren. Auch das Gespräch über Wut mit drei Frauengenerationen einer Familie funktioniert gut.

"Die Klügere gibt nach", wird kleinen Mädchen gern ins Ohr geflüstert. "Schluck es runter", sagen sich später erwachsene Frauen über den Wutknödel im Hals. Stattdessen könnte die "Wut zur Veränderung" einen wacheren Ausdruck auf künstlich beherrschte Frauenmienen bringen.

Nicole Scheyerer in Falter 48/2021 vom 03.12.2021 (S. 34)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446271159
Erscheinungsdatum 27.09.2021
Umfang 208 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
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