Stumme Erde

Warum wir die Insekten retten müssen
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Kämpferisch, bezaubernd, eindringlich: Goulsons Opus magnum über die Bedeutung der Insekten. „Dieses Buch lässt Sie anders über unser Recht auf Herrschaft über den Planeten denken.“ Daily Telegraph
Insekten mögen klein sein, aber sie verrichten die großen Arbeiten auf unserer Erde. Sie entsorgen Abfälle, bestäuben Pflanzen, ernähren unzählige Tierarten und bereichern die Welt mit ihrer vielgestaltigen Schönheit. Dennoch wird ihr Beitrag kaum wahrgenommen und Tag für Tag sterben hunderte Arten aus. Was bedeutet ihr Verschwinden für uns Menschen?
Dave Goulson zeichnet das Bild vom Aufstieg und Niedergang der Insekten. Wie kein anderer vermag er vorwegzunehmen, was genau passieren wird, sollte das Insektensterben nicht gestoppt werden. Ein Leben ohne Himbeeren und Schokolade ist sicherlich vorstellbar, globale Hungersnöte sind jedoch die ernste Folge des Insektensterbens. Wer „Stumme Erde“ liest, wird Insekten mit anderen Augen sehen lernen und handeln.

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FALTER-Rezension

"Aufgeben ist keine Option"

Vor einer halben Milliarde Jahren entwickelten sich die Vorfahren der Insekten im Urschlamm der Ozeane. Heute sind sie die erfolgreichste Gruppe von Lebewesen -wenn man nach Vielfalt und Überlebensmechanismen geht und nicht danach, sich die Welt untertan zu machen. Beinahe eine Million Arten wurden bereits beschrieben, viermal so viele sollen noch unentdeckt sein. Doch die Tiere haben ein Problem: Ihre Masse schrumpft, eine gewaltige Anzahl an Insektenarten ist bereits vom Aussterben bedroht. Und wenn Insekten ein Problem haben, haben wir auch eines. Nicht zuletzt, weil 87 Prozent aller Pflanzenarten auf Bestäubung angewiesen sind. Dave Goulson (Professor der Biologie an der Universität Sussex im Süden Englands) ist einer der weltweit bekanntesten Hummelforscher. Soeben ist sein neues Buch "Stumme Erde: Warum wir Insekten retten müssen" erschienen, in dem er dem Insektensterben auf den Grund geht und ein Plädoyer verfasst, wie man sie retten könnte.

Falter: Herr Goulson, die meisten Menschen verbinden mit Insekten eine Plage oder ekeln sich sogar vor ihnen. Warum?

Dave Goulson: Wir sind sehr intolerant gegenüber Insekten. Im Englischen haben wir sogar beleidigende Namen für sie wie "bug", also "Defekt". Die meisten Insekten, die in unseren Häusern leben, sind auch nicht so anziehend: Kakerlaken, Fliegen, Flöhe. Ich glaube, daher bekommen sie die schlechte Presse. Aber es hat auch damit zu tun, dass uns die Vertrautheit fehlt. Wir leben mehr und mehr in Städten, und wenn wir auf Insekten treffen, dann auf Schädlinge. Wir sind entfremdet, deswegen fürchten sich manche. Dabei ist das lächerlich! Menschen haben Angst vor etwas, das ein Millionstel ihres Gewichts hat, das sie nicht verletzen kann. Trotzdem schlagen sie wild um sich, wenn etwas in ihre Nähe fliegt.

Sie schreiben in Ihrem Buch (siehe Kasten), dass auch die Wissenschaft versäumt hat, das Wunder der Insekten gebührend zu kommunizieren. Wie ändern wir das?

Goulson: Wir sind inmitten des sechsten Massenaussterbens, da würde jeder Experte auf diesem Gebiet zustimmen. Und trotzdem kümmert das die meisten Menschen nicht. Sie sorgen sich vielleicht um Tiger oder Pandas, aber das Insektensterben ist nicht auf ihrer Agenda. Es ist eine riesige Herausforderung und so etwas wie meine Lebensmission, Leute davon zu überzeugen, Insekten zu lieben. Man kann den Nutzen betonen, den wir durch Insekten haben. Aber ich glaube, es ist effektiver, Leute dazu zu bringen, einfach nur in die Knie zu gehen und einer Hummel beim Flug zuzuschauen. Die meisten sind innerhalb von Minuten fasziniert, stellen Fragen wie "Was macht die da? Ist sie nicht schön?". Aber viele Leute nehmen sich keine zwei Minuten und denken sich: "Wieso bitte sollte ich ein Insekt beobachten?" Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.

Wieso sollte ich mich für das Silberfischchen am Klo interessieren?

Goulson: Die meisten Insekten machen etwas Sinnvolles, zumindest aber sind sie Fressen für ein größeres Tier. Wenn Sie also Vögel oder Igel mögen, sollten Sie sich auch um Insekten scheren. Insekten machen aber noch viel mehr: Sie entsorgen Kadaver, Kuhfladen und Totholz, bestäuben drei Viertel unserer Nutzpflanzen. Gesunde Ökosysteme brauchen Insekten, und wir brauchen gesunde Ökosysteme. Bei Silberfischchen ist das etwas anders: Wenn alle morgen aussterben, würde das Leben vermutlich weitergehen. Sie haben wahrscheinlich keine vitale Funktion, die wir übersehen haben. Aber wäre die Welt nicht ein traurigerer Ort, wenn es keine Silberfischchen mehr gäbe? Wir leben auf diesem bizarren Gesteinsbrocken, der durchs Universum rast, und alle Organismen, die hier leben, gibt es nur dort. Was für eine unglaublich wertvolle Tatsache, dass wir diesen Planeten mit diesen wundersamen Kreaturen teilen! Es wäre komplett unverantwortlich, sie als überflüssig zu betrachten.

Aus reiner Neugierde: Wie sieht ein Tag im Leben eines Silberfischchens aus?

Goulson: Sie sind Aasfresser, können sich über Jahre von Klebstoffen in Teppichen, Staub oder Hautschuppen ernähren. Sie brauchen nur etwas Feuchte und schaden niemandem. Sie haben auch ein interessantes Sexleben: Das Männchen macht ein kleines Spermapaket, dann muss es das Weibchen überreden, über das Paket zu kriechen und es so aufzunehmen. Silberfischchen gibt es seit rund einer halben Milliarde Jahre, sie haben den Tyrannosaurus Rex überlebt! Seither haben sie sich kaum verändert. Ich bin mir sicher, dass sie auch uns überleben werden. Das Faszinierende ist, dass es so viele Geschichten wie Insektenarten gibt. Wir kennen die meisten noch gar nicht.

Sie haben schon die Aufgaben erwähnt, die Insekten für uns übernehmen. Ist manches davon schon in Gefahr?

Goulson: Das bekannteste Beispiel ist Bestäubung. Vor rund 20 Jahren wurde zum ersten Mal bekannt, dass die Bestäubung im Südwesten Chinas nicht mehr funktioniert. Seither klettern die Landwirte in den Apfel-und Birnbäumen herum und bestäuben sie per Hand. Solche Beispiele gibt es mittlerweile aus mehr als einem Dutzend Orten der Welt. Handbestäubung kann bei hochwertigen Ernten funktionieren, aber stellen Sie sich europäische Bauern vor, die Rapsfelder so bestäuben! Das ist nicht praktikabel. Dann sehen wir natürlich auch, dass die Zahlen von Insektenfressern -Vögel wie Schwalben oder Kuckucke -massiv abnehmen. Sie haben nicht mehr genug Nahrung.

2017 veröffentlichten deutsche Wissenschaftler eine bahnbrechende Studie, die sogenannte Krefeld-Studie: Sie hatten über 27 Jahre hinweg Insekten mit derselben Methode am selben Ort gefangen - und beobachteten bei Fluginsekten eine Abnahme der Biomasse um 75 Prozent. War Ihnen und anderen Wissenschaftlern bewusst, wie schnell dieser Rückgang stattfindet?

Goulson: Wir waren alle besorgt, aber die Geschwindigkeit war uns nicht bewusst. Es ist auch immer noch fraglich, ob diese gewaltige Abnahme repräsentativ für das ist, was sonst wo passiert. Es hat Leute wachgerüttelt. Und wir wissen jetzt, dass die Abnahme schon mindestens 50 Jahre zuvor angefangen hat. Das würde bedeuten, dass die 75 Prozent nur den Schluss einer längeren Entwicklung abbilden und wir vielleicht schon 95 Prozent aller Insekten verloren haben. Mit Blick in die Zukunft müssen wir uns fragen: Wie viele Insekten werden in 20,30 Jahren noch am Leben sein?

Welche Rolle spielt dabei die Klimakrise ?

Goulson: Es ist sehr schwierig, die Biodiversitätsabnahme direkt auf die Klimakrise zurückzuführen und Lebensraumverlust oder Pestizideinsatz aus den Modellen herauszurechnen. Sie bedingen sich teils gegenseitig. Wir wissen, dass die Folgen des Klimawandels bisher noch nicht riesig sind. Aber wir wissen aus Prognosen auch, dass die Auswirkungen in der Zukunft massiv werden, wenn wir nichts unternehmen. Insekten müssen jetzt schon in fragmentierten Habitaten überleben. Wenn es für ein Tier zu heiß wird, sein nächster passender Lebensraum aber erst 200 Kilometer weiter nördlich ist -wie bitte soll es dort hinkommen mit Autobahnen und Feldern voller Pestizide dazwischen? Die meisten Arten haben einfach nicht mehr die Resilienz, um mit noch einem weiteren Schock klarzukommen.

In Ihrem Buch sprechen Sie von "shifting baselines", der Verschiebung der Wahrnehmung. Können Sie das erklären?

Goulson: Wir alle glauben, dass die Welt, in der wir aufwachsen, die Norm ist. Wir wissen oft nicht, wie dramatisch sie sich verändert hat. Mein jüngster Sohn ist elf. Als ich elf war, 1976, startete gerade das UK Butterfly Monitoring Scheme. Ich weiß deshalb, dass die Schmetterlingspopulationen seither um 50 Prozent geschrumpft sind. Also gab es 1976 doppelt so viele Schmetterlinge als in der Welt meines Sohnes heute. Nur ist die Anzahl, die er beobachtet, für ihn normal. Das macht mir große Sorgen. Seine Kinder werden vielleicht in einer Welt ohne Insekten leben, nie wissen, wie wunderschön ein Pfauenauge an einem Frühlingstag ist. Denn wie können wir etwas vermissen, das wir nicht kennen?

Insbesondere, weil jene Insekten resistenter sind, die wir nicht unbedingt als die schönsten beschreiben würden.

Goulson: Genau. Es wird vermutlich noch lange nach uns Insekten geben, nur ist es eine Ironie des Schicksals, dass die anpassungsfähigsten Insekten die sind, die uns weniger zusagen: Kakerlaken oder Mücken.

Wie vermitteln wir die Faszination unseren Kindern, die in einer Welt mit weniger Insekten leben?

Goulson: Ich bin immer wieder beeindruckt, wie sehr Kinder von Insekten fasziniert sind: Sie lieben es, sie in kleine Gläser zu geben, zu füttern, sie zu beobachten. Fast jedes Kind durchläuft eine Insektenphase, aber sie wachsen raus. Wie können wir es also schaffen, dass sie dranbleiben? Ich denke, sie brauchen Vertrautheit. In meiner Traumwelt hätte jede Schule eine kleine Grünfläche, wo Kinder über Insekten, aber auch darüber lernen könnten, wie man einen Samen zieht. Kinder würden so verstehen, dass Essen nicht magisch im Supermarkt auftaucht, sondern dass es wachsen muss, Bestäuber und gesunde Erde braucht.

Von allen faszinierenden Insekten: Wieso haben Sie Hummeln als Forschungsobjekt gewählt?

Goulson: Das war mehr Zufall, aber einer, der Sinn macht: Sie sind groß, attraktiv, leicht zu finden. Aus wissenschaftlicher Sicht sind sie interessant, weil sie so etwas wie die intellektuellen Giganten der Insektenwelt sind. Ihre Gehirne sind die größten, sie können sehr gut lernen und navigieren. Sie erinnern sich an die Position von Bäumen, Häusern oder Laternenmasten. Sie lernen, welche Blumen den meisten Nektar, den meisten Pollen haben. Und sie haben ein komplexes Sozialleben, mit allen möglichen Konflikten. Sie sind also ziemlich cool. Auch weil sie wohl der wichtigste Bestäuber der nördlichen Hemisphäre sind.

Wie geht es ihnen?

Goulson: Nicht sehr gut. Wenn ich mit einer Zeitmaschine 60 Jahre zurückreisen würde, fände ich doppelt so viele Arten in meinem Garten. Die Hälfte der Hummelfauna ist ausgestorben oder so dezimiert, dass man sie nur noch in Schutzgebieten findet. Vorhersagen zeigen, dass der Klimawandel Hummeln besonders stark trifft: Sie sind an kaltes Klima angepasst, lieben die Alpen und können sogar in der Arktis überleben. Für manche Hummeln im Süden Europas ist es jetzt schon zu warm.

Sprechen wir über Lösungen. Für die anstehende UN-Biodiversitätskonferenz liegt ein Entwurf auf dem Tisch, 30 Prozent der globalen Fläche als Schutzgebiet auszuweisen.

Ist das eine gute Idee, oder sollte man besser Flächen - etwa Felder -artenfreundlicher gestalten?

Goulson: Ich bin ein großer Fan von Naturschutzgebieten, aber sehe diese Dichotomie kritisch. Nur weil wir eine Fläche schützen, sollten wir nicht die restlichen 70 Prozent auf Teufel komm raus bewirtschaften. Die industrielle Landwirtschaft mit ihren Monokulturen ist nicht nachhaltig. Sie löscht Biodiversität aus, zerstört den Boden und treibt den Klimawandel an. Es ist eine Sackgasse. Wir müssen also auch Biodiversität in der Landwirtschaft fördern. Wenn man es sich durchrechnet, sieht man, dass eine extensivere Landwirtschaft möglich wäre und wir genug Flächen hätten. Aber nur, wenn wir Lebensmittelverschwendung und Fleischkonsum massiv reduzieren. Im Moment brauchen wir 76 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche als Weideland oder um Futter für die Viehhaltung zu produzieren.

(Goulson wird kurz still, seine Augen wandern weg vom Bildschirm.)

Goulson: Oh, eine dicke Hummelkönigin fliegt an meinem Fenster vorbei!

Woher wissen Sie, dass es eine Königin ist?

Goulson: Zu dieser Jahreszeit fliegen fast nur Königinnen. Aber sie sind auch viel größer und fliegen in Zickzacklinien, auf der Suche nach einem Nest.

Ich bin stets fasziniert, wie viele Wildbienen auch in großen Städten leben. Allein in Wien gibt es mehr als 450 Arten.

Goulson: Ja, man findet sie an eigenartigen Orten. Kleine Gartenflächen können ziemlich viele Insekten anziehen. Dafür muss man nur wilde Blumen wachsen lassen, nicht so oft mähen, keine Pestizide verwenden, vielleicht noch einen Teich oder Komposthaufen anlegen. Allein in Großbritannien haben wir 22 Millionen Gärten, das ist eine Fläche von 400.000 Hektar - mehr als alle Naturschutzgebiete. Wir müssen an einen Punkt kommen, an dem Nachbarn nicht mehr ihre Stirn runzeln, wenn man seinen Rasen nicht mäht.

Die EU-Kommission plant eine Verordnung, die den Pestizideinsatz bis 2030 um 50 Prozent verringern will. Bewegen wir uns in die richtige Richtung?

Goulson: Europa ist in dieser Hinsicht am proaktivsten, aber der Rest der Welt hat noch einen langen Weg vor sich. Obwohl wir Pestizide wie Neonicotinoide oder Glyphosat verbieten, werden wieder neue Stoffe zugelassen. Wir ersetzen sie mit dem nächsten Gift. Die agrochemische Lobby ist sehr stark, sie preist diese Chemikalien als essenziell an und stellt Biolandwirtschaft als eine Sache von ein paar komischen Hippies dar. Die Welt verändert sich gerade, und es gibt Tage, an denen ich mir denke: Oh, vielleicht schaffen wir es! Aber es gibt vermutlich mehr Tage, an denen ich nicht sonderlich optimistisch bin. Wir werden vermutlich die Hälfte an Leben auf diesem Planeten auslöschen. Ich hoffe, ich habe unrecht. Es ist auch kein Grund, nichts zu tun. Wie Greta Thunberg sagt: Aufgeben ist keine Option. Und in der Zwischenzeit gibt es immerhin noch wunderschöne Hummeln und Schmetterlinge, an denen wir uns erfreuen können.

Gibt es denn Studien, die zeigen, dass sich Insektenpopulationen in wiederhergestellten Ökosystemen erholen?

Goulson: Ja, das ist ein wichtiger, positiver Punkt! Anders als das Nördliche Breitmaulnashorn oder Pandabären vermehren sich Insekten sehr schnell. Sie produzieren viele Eier, viel Nachwuchs, meist innerhalb eines Jahres. Sie erholen sich, solange wir ihnen einen Ort zum Leben geben. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist eine Fläche in Ostlondon, auf der einmal ein Kohlekraftwerk stand. Die Leute glaubten, es sei gefährlich, zäunten es ein. 30 Jahre später blickte jemand über den Zaun und fand eine Blumenwiese. Untersuchungen zeigten eine unglaubliche Diversität, Arten, die seit 100 Jahren nicht mehr gesehen wurden! Wenn wir Insekten Platz geben -es muss nicht einmal ein besonders schöner Platz sein -, dann werden sie aufblühen.

Katharina Kropshofer in Falter 12/2022 vom 25.03.2022 (S. 48)


Über das Verschwinden

Ein Vogel mit faltig-runzligem Kopf und einem Schnabel wie ein verdorrter Knochen. Dazu schwarze Federn, „als wäre er gerade Opfer einer heftigen Explosion geworden … – wem beim Anblick eines Waldrapps nicht umgehend das Herz aufgeht, der hat vermutlich keines.“ Doch so strubbelig er daherkommt, so gut hat er den Menschen geschmeckt: Schon im 17. Jahrhundert war der Waldrapp großteils weggeknurpselt. Nur noch um die 500 freilebende Exemplare gab es zwischenzeitlich.

In „Von Okapi, Scharnierschildkröte und Schnilch. Ein prekäres Bestiarium“ stellen Heiko Werning und Ulrike Sterblich knapp 50 Tierarten vor, deren Überleben akut bedroht ist. Es ist eines von mehreren neuen Büchern, die das Artensterben thematisieren. So wie Rachel Carson 1963 mit ihrem einflussreich gewordenen Buch „Der stumme Frühling“ vor dem Auslöschen von Arten warnte, so mahnt nun der britische Naturschützer Dave Goulson in „Stumme Erde“ vor dem Insektenschwund. Vom Warten auf ein Quaken oder Tschilpen erzählt Pauline de Bok in „Das Schweigen der Frösche oder Die Kunst die Natur zu belauschen“. Alle drei Bücher gehen auf ganz unterschiedliche Art an das Thema heran, jedes funktioniert auf seine Weise.

Zhous Scharnierschildkröte zieht sich in ihren Panzer zurück, wann immer ihr „etwas nicht behagt: schlechtes Wetter, doofe Leute, so was halt“. Dann klappt sie den Bauchpanzer hoch und – zack! – ist Ruhe. Ganz anders der Tasmanische Beutelteufel, der Wutbürger unter den Tieren: Wenn er sich aufregt, springt er stinkend, schreiend und mit roten Ohren durch die Gegend. Und er regt sich oft auf.

Heiko Wernings und Ulrike Sterblichs Buch über so sonderbare wie seltene Spezies ist voller Witz geschrieben – und hat damit das Zeug, möglichst vielen Menschen ihre Botschaft nahezubringen: dass man etwas dagegen tun kann, und zwar nicht nur allgemein, etwa indem man den Klimawandel aufzuhalten versucht. Für viele Arten gebe es in ihrem angestammten Lebensraum nämlich keine Hoffnung mehr: Der „Bremsweg“ sei viel zu lang.

Als Beispiel nennen die Autoren den Vaquita, einen Delfin, der im Golf von Kalifornien lebt, doch in großer Zahl in Netzen ertrunken ist, mit denen Fischer einer anderen Fischart nachstellten. Obwohl schon 1978 formal unter Schutz gestellt, ging die Ausbeutung weiter. 2020 existierten nur noch neun Exemplare. Kaum jemand glaubt noch an das Überleben des kleinen Delfins.

„Die einzige Rettung für viele Arten wird deshalb darin bestehen, ihnen Asyl in menschlicher Obhut zu gewähren“, so die Autoren. Beide arbeiten bei Citizen Conservation, einem Verbund aus Zoos und privaten Züchtern. Diese halten und vermehren seltene Tiere, um die Nachkommenschaft irgendwann wieder in ihren natürlichen Lebensraum auszuwildern. Gerade private Tierhalter widmen sich hingebungsvoll der Haltung auch weniger populärer Arten wie kleinen Fröschen, Fischen oder Spinnen.

Aber – Eisbären im Zoo halten? Die Skepsis ist groß: Was nützt es denn, wenn eine Art nicht mehr in der Natur, sondern nur noch „hinter Glas“ lebt? Die Autoren begegnen dem mit überzeugenden Argumenten. „Wir antworten darauf stets, dass es darum geht, Optionen für die Zukunft zu erhalten.“ Etwa, die Tiere in wiederhergestellten Lebensräumen neu anzusiedeln. Ob das möglich ist, werde man sehen: „Ist die Art erst einmal verschwunden, gibt es diese Option jedenfalls nicht mehr.“

Pauline de Bok ist zu Beginn ihres Buchs unterwegs zu ihrem Zweitwohnsitz in Mecklenburg. Seit 20 Jahren bewohnt sie dort einen ehemaligen Kuhstall. „Die ganze Fahrt von Amsterdam hierher war ich unruhig, […] wollte wissen, in welchem Zustand ich das Land und das Grundstück vorfinden würde – und den Tümpel.“

Die Frage, ob Wasser im Tümpel steht und das Quaken von Fröschen zu hören sei, zieht sich durch das Buch. „Ich fühle nichts Weiches, nichts Schlickiges […] Der Tümpel ist trocken, knochentrocken.“ Kein Leben darin.

Über 18 Monate lässt die Schriftstellerin uns am Leben auf ihrem Stück Land teilhaben. Sie beobachtet Geburt und Paarung, Leben und Sterben, Fressen und Gefressenwerden, sie dokumentiert, wie sich die Landschaft verändert: durch Trockenheit, invasive Arten und die Landwirtschaft. Maismonokulturen breiten sich aus, um Futter für die Autotanks zu liefern.

Der Text entwickelt einen Sog, man spürt, dass de Bok über Monate völlig allein mit der Natur war. Beim Einschlafen gleiten Fledermäuse über ihren Kopf, in der Morgendämmerung ruft vom Froschteich eine Rohrdommel. Immer wieder hält die Autorin Zwiesprache mit dem Laubfrosch, der hartnäckig auf sich warten lässt.

Sich selbst sieht de Bok als Teil des Biotops, als „Menschentier“ unter Tieren, das gar nicht anders kann, als sich am Töten und Fressen zu beteiligen. Und sei es, dass sie den Gemüsegarten umgräbt und dabei Kleintiere umbringt. Sie legt künstliche Tümpel für Schwalben und Insekten an, doch wovon es „zu viel“ gibt, das tötet sie: Waschbären zum Beispiel, weil diese als invasive Spezies gelten. Sie fladern Vögeln die Eier, fressen Küken, Frösche und Hasen. Als Jägerin weiß sie, was zu tun ist. Und so wird der Waschbär zu Gulasch, einmal schmurgelt ein Wildschweinkopf im Rohr.

Das Buch ist anregend, weil de Bok heikle Fragen nicht scheut: Was kann der ökologisch gutwillige Mensch durch Tun oder Verzicht bewirken? Was ist kontraproduktiver Unsinn? Manches aber reizt zu Widerspruch. So wirft sie Menschen, die sich nicht am Töten anderer Arten beteiligen wollen, „Hybris“ vor. „Hoffart“ entdeckt sie auch in Projekten wie Icarus: Dieses stattet Zugvögel mit Minisendern aus, um herauszufinden, wie man ihnen beim Überleben helfen kann. Warum aber sollen nur erstere Bemühungen hochmütig sein, das Erschießen trächtiger Waschbären oder das Töten zwecks Fleischgewinns aber nicht?

Ebenso gut lesbar wie prall an Fakten ist Dave Goulsons „Stumme Erde“. Als Fünfjähriger klaubte er Raupen in seine Jausendose und beobachtete, wie sie sich in schwarz-rote Nachtfalter verwandelten. Das war’s, seither hat er sein Leben kleinen Krabblern verschrieben.

Nicht nur deren filigrane Schönheit bringt er uns näher, auch die vielen Aufgaben, die sie übernehmen: den Planeten sauber halten zum Beispiel. Gäbe es nicht all die Viecher, die sich durch Kuhfladen und anderen Dung wühlen, die Weiden dieser Welt würden unter dem Mist ersticken. Insekten „bestäuben unsere Nutzpflanzen, kompostieren Dung, Laub und Leichen, erhalten den Boden gesund, halten Schädlinge in Schach“. Vögel, Fische und Frösche brauchen sie als Nahrung. „Ohne Insekten“, so der Professor für Biologie an der University of Sussex, „funktioniert einfach nichts.“

Seit aber der kleine Dave seine ersten Raupen einsammelte, ist die Masse von Insekten Schätzungen zufolge um 75 Prozent geschrumpft. Durch den Verlust von Lebensräumen, eingeschleppte Krankheiten, nächtliche Beleuchtung. Zu Pestiziden hat Goulson selbst etliche Studien durchgeführt, etwa zu Neonicotinoiden, die Hummeln und Bienen Orientierungssinn und Gedächtnis rauben. „Unser chemischer Angriff auf die Natur“, so der Wissenschaftler, „ähnelt einem Genozid, der immer mehr Tier- und Pflanzenarten vernichtet.“

Noch weniger bekannt ist, wie sehr die Erderwärmung den Insektenschwund beschleunigen wird. Prinzipiell sei zu erwarten, dass die meisten Arten Richtung Norden in höhere Regionen wandern werden. Aber wie sollen sie das tun, wenn sie fast überall nur intensiv bewirtschaftete Äcker und zugepflasterte Flächen vorfinden? „Die Wahrscheinlichkeit, dass sie es schaffen, nach Norden zu ziehen, um dem Klimawandel zuvorzukommen, ist gering; vor allem deshalb, weil sie sich von bestimmten Pflanzenarten ernähren, die dann eigentlich mitwandern müssten.“

Von den Entwicklungen profitieren werden dagegen die Schadinsekten in der Landwirtschaft: Weil die Winter immer milder werden, vermehren sie sich das ganze Jahr über. Die Ernteerträge bei Getreide, Reis und Mais würden daher laut Schätzungen mit jedem Grad der Erwärmung um etwa ein Zehntel zurückgehen. Ebenfalls prima gedeihen werden die Anophelesmücke, Hauptüberträgerin der Malaria, und die Gelbfiebermücke.

Goulson lässt seine Leserschaft mit diesen Aussichten aber nicht einfach erschlagen sitzen. Den Abschlussteil widmet er der Frage: „Was können wir tun?“ Erst einmal gelte es, Bewusstsein für die ­Gefährdung der Insekten zu schaffen, weil die, ­abgesehen von Bienen und Schmetterlingen, kaum Fans haben. Es folgen zahlreiche Tipps, etwa wie man im eigenen Garten und auf dem Balkon Insekten anlocken kann.

Den größten Hebel sieht er aber bei der Ernährung, wobei er nicht „mit dem Finger auf die Bauern zeigen“ will. Vieles müsse sich von Grund auf ändern, etwa der hohe Konsum tierischer Lebensmittel. Drei Viertel der globalen Anbauflächen würden für die Fleisch- und Milchproduktion genutzt. Ein Drittel der weltweit hergestellten Kalorien werde außerdem verschwendet. Würde man das ändern, dann kriegten die Bauern die Weltbevölkerung auch ohne Pestizide satt. Politiker sollten dieses Buch lesen.

„Für den St.-Helena-Riesenohrwurm und die Franklin-Hummel ist es bereits zu spät“, schließt Goulson, „für einen Großteil des Lebens auf unserem Planeten jedoch noch nicht.“ Ein aufmunterndes Beispiel erzählen auch die Autoren des „Prekären Bestiariums“: Nachdem Tiergärten Waldrappe nachzüchteten, gibt es wieder Kolonien in freier Natur. Weil die zerzausten Vögel nicht mehr wissen, wie man in den Süden fliegt, setzen Waldrappliebhaber sich in Ultraleichtflieger und fliegen voraus. Zurück finden die Tiere allein. Und siehe da, nach 350 Jahren Pause überqueren heute wieder regelmäßig Waldrappe die Alpen.

Gerlinde Pölsler in Falter 11/2022 vom 18.03.2022 (S. 30)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446272675
Erscheinungsdatum 14.03.2022
Umfang 368 Seiten
Genre Sachbücher/Natur, Technik
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl
Übersetzung Sabine Hübner
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