Das glückliche Geheimnis

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Von Anläufen und Enttäuschungen, vom Finden und Wegwerfen. Und vom Glück des Gelingens. Das neue Buch von Arno Geiger
Frühmorgens bricht ein junger Mann mit dem Fahrrad in die Straßen der Stadt auf. Was er dort tut, bleibt sein Geheimnis. Zerschunden und müde kehrt er zurück. Und oft ist er glücklich. Jahrzehntelang hat Arno Geiger ein Doppelleben geführt. Jetzt erzählt er davon, pointiert, auch voller Witz und mit großer Offenheit. Wie er Dinge tat, die andere unterlassen. Wie gewunden, schmerzhaft und überraschend Lebenswege sein können, auch der Weg zur großen Liebe. Wie er als Schriftsteller gegen eine Mauer rannte, bevor der Erfolg kam. Und von der wachsenden Sorge um die Eltern. Ein Buch voller Lebens- und Straßenerfahrung, voller Menschenkenntnis, Liebe und Trauer.

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FALTER-Rezension

"Ja, gut, das wars"

In den 1980er-Jahren wurde das Papier-Recycling in Österreich zum Thema. Seit 1991 gibt es in Wien eine flächendeckende Altpapiersammlung. Im Jahr darauf begann der 24-jährige, noch ohne Publikation dastehende Schriftsteller Arno Geiger, im Papiermüll nach für ihn Brauchbarem zu tauchen.
Über einen Zeitraum von 25 Jahren war es seine Gewohnheit, montags sehr zeitig in der Früh, noch bevor die Container entleert werden, diese nach alten Büchern oder Briefwechseln zu durchforsten.

Das erwies sich als in mehrerlei Hinsicht nützlich. Es fanden sich immer wieder Bücher für die eigene Lektüre. Geiger kam vom Schreibtisch weg und konnte auf seinen Runden Luft schnappen, während er im Kopf Passagen aus seinen ersten beiden Romanen überarbeitete. Und er besserte sich mit Verkäufen am Naschmarkt-Flohmarkt seinen Lebensunterhalt auf.

Sein Doppelleben hat auch sein Selbstverständnis als Autor geformt. Davon erzählt der in Wien und Vorarlberg lebende Verfasser von Bestsellern wie "Es geht uns gut" oder "Der alte König in seinem Exil" in "Das glückliche Geheimnis".

Er schildert den Weg vom Jungspund, der mit großen Sätzen auftrumpfen wollte, zu Geiger, wie wir ihn kennen. Er hat einen unauffälligen und doch eleganten Nicht-Stil entwickelt, bei dem nichts vom Inhalt ablenken soll.

Vor allem Briefwechsel haben sein Erzählen beeinflusst. In ihnen fand er weniger gekünstelte, dafür greifbarere Schilderungen vom Leben der Menschen als in den meisten Romanen.

Ein Roman will "Das glückliche Geheimnis" keiner sein. Mit dem Modelabel "Autofiktion" - einem Mix aus Bekenntnissen und Erfindung - hat der Text ebenfalls nichts am Hut. Er tritt auch nicht mit dem Gestus einer Autobiografie auf. Geiger erzählt einfach aus seinem Leben, so wahrhaftig das eben möglich ist.

Er geht chronologisch vor, was den kleinen dramaturgischen Haken hat, dass am Anfang noch kaum was los ist. Der junge Autor, der in seiner winzigen Wohnung mit Klo am Gang hockte, führte ein in jeder Hinsicht bescheidenes Leben. Geiger wollte seine frühen Jahre rückblickend offenbar nicht aufregender schildern, als sie waren, was ihn ehrt -die ersten 30,40 Seiten aber auch etwas statisch macht.

Nach dem Scheitern seiner ersten längeren Beziehung ging er als Stipendiat nach Berlin und lebte sich ordentlich aus. Man hätte es dem immer ruhig und umsichtig wirkenden Künstler nicht zugetraut, aber er hatte auch einmal eine kurze wilde Phase: "Ich ließ mich zu den unerhörtesten Sexualpraktiken verleiten."

Der Blick durchs Schlüsselloch bleibt die Ausnahme. Geiger gibt eine Menge preis, hält aber auch einiges zurück. Der Literaturbetrieb etwa kommt nur sehr homöopathisch dosiert vor, vom Umgang mit Kolleginnen und Kollegen ist überhaupt nicht die Rede.

Umso mehr Raum nimmt die anfangs wechselhafte und heute sehr harmonische, Kraft gebende Beziehung zu seiner Frau Katrin ein, der er das Buch gewidmet hat. Im Kern ist es eine Liebesgeschichte: über die Liebe zu den Büchern, zum Papier und zur Gefährtin, die auch seine Streifzüge, von denen er schmutzig und mit blauen Flecken von den Container-Tauchgängen nachhause kam, unterstützt hat.

Aufgeflogen ist er als Lumpensammler übrigens nie. Nachdem er für "Es geht uns gut" 2005 den Deutschen Buchpreis erhielt, wurde er zwar plötzlich bekannt. Offenbar brachte jedoch keine Passantin und kein Spaziergeher je das Gesicht des Erfolgsautors mit dem des Altpapierklaubers zusammen. Wer schaut schon genauer hin, wenn einer im Müll wühlt?

Geiger ist kein Ansammler. Er behielt stets nur, was ihm nützlich erschien. Beim Entsorgen von Dingen entscheidet er sich schnell und meist gegen das Behalten. Marie Kondo in Kurzform: "Mehr Platz, mehr Licht, mehr Leben. Und weg damit!"

Zum Thema Abfall, und was er über die Gesellschaft aussagt, finden sich überhaupt einige treffende Gedanken und Sätze. Ein Grund, warum der Autor mittlerweile nicht mehr in Abfallcontainern abtaucht, ist, dass er auf immer weniger Bücher oder überhaupt Gedrucktes stieß.

Der Kritiker Denis Scheck hat ihn als "Empathiemonster" bezeichnet, doch die Entwicklung im Papiermist stimmt sogar den hartnäckigsten Menschenfreund kulturpessimistisch. Statt Sexheften lagen darin irgendwann erste Verpackungen von Chia-Samen. Und die Weinkartons wurden immer mehr: "Mir kam vor, die Menschen waren ständig besoffen, und wenn sie nicht besoffen waren, kauften sie Elektrogeräte."

Gelingendes Leben erfordert beständige Anstrengung und ist oberflächlich betrachtet nicht wahnsinnig glamourös. Es liest sich in Buchform in der Regel auch weniger aufregend als ein dramatischer Karriereweg mit Höhen und Tiefen.

Arno Geiger erzählt so bestrickend wie kaum jemand sonst vom gelingenden Leben. Mit "Das glückliche Geheimnis" scheint sich in seinem Werk nun allerdings ein Kreis zu schließen. Bei der Lektüre beschleicht einen bald das Gefühl, es könnte eine Art Abschied sein.

Schreiben sei für ihn nicht alles, bekennt der Autor gegen Ende denn auch. Lieber veröffentliche er nichts als handwerklich Gelungenes ohne Tiefe. "Ja, gut, das wars", heißt es ganz am Schluss -zwar bezogen auf dieses Buch. Trotzdem liebäugelt Geiger schon ein wenig mit Rückzug: "Wie mache ich das, mit der Kunst zu enden?"

Nicht so schnell! Frank Sinatra brachte es in seinem Brief an George Michael, als dieser nicht mehr berühmt sein wollte, auf den Punkt: "Talent must not be wasted."

Sebastian Fasthuber in Falter 1-2/2023 vom 13.01.2023 (S. 30)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446276178
Erscheinungsdatum 10.01.2023
Umfang 240 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl