Das grüne Gewissen
Wenn die Natur zur Ersatzreligion wird

von Andreas Möller

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Natur, Technik/Natur, Gesellschaft
Umfang: 264 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.02.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

Naturverehrung und Manufactum-Kult

Kulturgeschichte: Andreas Möller erklärt die Wurzeln der deutschen Naturverbundenheit

Das Thema ist nicht neu, aber auf den neuesten Stand gebracht: Andreas Möller widmet sich dem besonderen Verhältnis Deutschlands zur Natur oder dem, was eine verstädterte Gesellschaft darunter versteht. Sein Fazit: Die Beschwörung des Natürlichen, kurz: das grüne Lebensgefühl, das lange für Aufbruch und linken Widerstand stand, sei das Leitmotiv einer neuen Bürgerlichkeit geworden.

"Generation Landlust" nennt Möller die Protagonisten dieses Phänomens spöttisch nach einer ebenso beliebten wie eskapistischen Zeitschrift. Dass Bio-Gütesiegel immer mehr mit Lifestyle und immer weniger mit Konsumkritik zu tun haben, hat schon Kathrin Hartmann 2009 in "Das Ende der Märchenstunde – Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt" treffend formuliert. Auf sie verweist Möller, wenn er vom kultischen Bio-Konsum als "Fortsetzung des Ablasshandels mit anderen Mitteln" spricht.
Die Beschreibung von Widersprüchen, die sich bei genauem Hinsehen auftun, machen das Buch lesenswert: Die Verehrung der "Natur" hat in Deutschland (zusammen mit der Skepsis gegenüber Atomkraft) eine Energiewende ermöglicht, andererseits sind sich viele Menschen nicht darüber im Klaren, dass die flächendeckende Versorgung aus erneuerbaren Energieträgern ohne größere Veränderungen im Landschaftsbild nicht zu bewerkstelligen sein wird.
Erneuerbare Energieträger werden mit "small is beautiful" und "Alltagstechnik" gleichgesetzt und damit akzeptiert, während "Großtechnik" in Deutschland generell mit Misstrauen begegnet wird. Selbst kontrollieren, selbst machen – nicht nur in Deutschland sind diese Präferenzen ein deutliches Zeichen dafür, dass die Erwartungen an privates, kleinräumiges Handeln hoch, die an politische Problemlösungskompetenz in größerem Rahmen niedrig sind. Stichwort Politikverdrossenheit.

Möller zeichnet die Geschichte der deutschen Naturverehrung nach, von der Romantik über das "Dritte Reich" bis zum nostalgischen Manufactum-Kult. Interessant ist, dass die Naturverehrung erst in den 1970er-Jahren ein "linkes" Thema wurde, als sie mit der globalen Wachstumskritik fusionierte. Davor waren das "Ländliche" und die "Liebe zur Region" politisch immer konservativ konnotiert gewesen.
Bezeichnenderweise gab es sowohl in Deutschland als auch in Österreich gesellschaftspolitisch konservative "grüne" Parteien. Heutzutage entspricht dem angestrebten Rückzug ins Regionale meist eine Sehnsucht nach Sicherheit, Überschaubarkeit, Kontinuität, "heiler Welt" im Kleinen – letztendlich eine Selbsttäuschung, befindet Möller, verständlich zwar, aber aussichtslos angesichts eines komplexen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems, das nicht nur Negatives mit sich bringt.
Möller erinnert daran, dass kaum etwas so unnatürlich ist wie Stillstand. Für ihn wurde ein sich bis in die heutige Zeit durchziehender Kardinalfehler schon in der Romantik gemacht: Die Natur wurde zum Spiegelbild der eigenen Gefühle hochstilisiert und damit zur Projektionsfläche.
Während die Natur in der Romantik allerdings noch ambivalente Züge haben konnte, wird das "Natürliche" heutzutage in der Öffentlichkeit meistens nur mit dem Guten, Einfachen gleichgesetzt und verklärt – ausgeblendet wird, dass auch Härten wie Krankheit, hohe Kindersterblichkeit und früher Tod "natürlich" sind und lange selbstverständlich zum Leben gehörten.

Möller plädiert für mehr Gelassenheit, Pragmatismus und Offenheit gegenüber Innovationen, ohne die die Menschheit globale Probleme wie die Grenzen des Wachstums kaum in den Griff bekommen werde.
Er ist Historiker, kein Biologe, kein Aktivist. Manche Informationen, die politische Positionen im Umweltbereich bestimmen und erklären können – etwa über Lobbying der Agrarindustrie –, fehlen ihm, sie interessieren ihn auch nicht. Er schreibt über gesellschaftliche Phänomene und Trends.
Historiker tendieren zur langen Sicht und zur Gelassenheit. Das hat was und kann bei der Einordnung des eigenen Tuns helfen. Es heißt aber nicht, dass dies die einzig gültige Haltung ist.

Karin Chladek in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 32)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen