Die Eule, die gerne aus dem Wasserhahn trank
Mein Leben mit Mumble

von Martin Windrow, Sabine Hübner

€ 20,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Hanser
Erscheinungsdatum: 16.03.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Sie ist hübsch und amüsant, ohne zu klammern

Biologie: Martin Windrows Buch über die Beziehung zu einer Eule ist großes Kino zwischen zwei Buchdeckeln

Mann begegnet Eule, Mann verliert Eule, Mann begegnet Eule seines Lebens. So kurz und prosaisch könnte man den Inhalt dieses Buches zusammenfassen. Oder aber von einer Liebesgeschichte und einem Entwicklungsroman sprechen.
Als Harry Potter an seinem elften Geburtstag in die magische Welt eintritt, bekommt er eine Schleiereule namens Hedwig geschenkt. Martin Windrow ist zwar keine Romanfigur, sondern britischer Militärhistoriker, aber auch er wird verzaubert, als er eine Eule als Haustier in seine Wohnung in London aufnimmt.
Wellington, so nennt er den Steinkauz, war aber mit Artgenossen aufgewachsen und hatte das schmale Zeitfenster, in dem Vögel auf Menschen geprägt werden können, verpasst. Windrows erste Erfahrungen mit diesem Raubvogel sind daher schmerzhaft und von Missverständnissen geprägt.
Eine schlecht verschlossene Volierentüre, durch die Wellington ins Freie entkommt, beendet diese erste Eulenbeziehung vorzeitig. Fasziniert von diesen intelligenten Tieren macht sich der Autor auf die Suche nach einem Nestling, den er von Anfang an sozialisieren und für das Zusammenleben mit ihm heranziehen kann.

Diesmal ist es ein Waldkauz, den er wegen seiner mitteilsamen Lautäußerungen Mumble (dt.: Murmler) nennt. Mumble lebt sich schnell als eine Art geflügelte Katze ein, die ein gemütliches Zuhause und den Kontakt mit der Menschen-Eule liebt. Waldkäuze sind, anders als die Potter'sche Schleiereule, in Mitteleuropa die häufigste Eulenart. Den typischen Ruf eines Waldkauzes hat fast jeder schon gehört: ein langgezogenes "Huh-Huhuhu-Huuuh" des Männchens, auf das die Weibchen mit einem rauen "Kuwitt" antworten.
Windrow versteht es in angenehm lesbarer Weise genaue Beobachtungen und anekdotische Schilderungen mit Hintergrundinformationen über die Mythologie und die Lebensweise und Ökologie der Waldkäuze zu verschneiden. Scheinbar ganz nebenbei lernt man mehr über diese Vogelart, als man in so manchem ornithologischen Fachbuch finden könnte.
Aber am besten lesen sich jene Kapitel, in denen der Autor seine persönlichen Erlebnisse mit Mumble beschreibt. Hier kann man die wunderbare Beziehungsgeschichte zwischen zwei ungleichen Lebewesen nachempfinden, sich aber auch an dem feinen britischen Humor erfreuen, der in allen Schilderungen hervorblitzt. Die Szene, in der das Käuzchen aus der Wohnung entkommt und Windrow mit einem eingegipsten Bein und einem toten Hühnerküken als Lockmittel durch das nächtliche London humpelt, hätte bestens in eine Folge von "Monty Python's Flying Circus" gepasst.
Auf die ihm im Lauf der Jahre immer öfter gestellte Frage, warum er denn gerade mit einer Eule zusammenlebe, legt Windrow sich folgende Antwort zurecht: "Sie ist außerordentlich hübsch und amüsant. Sie ist anschmiegsam, ohne zu klammern, und sie duftet so gut. Es ist ihr egal, um welche Uhrzeit ich nach Hause komme, sie plappert nicht beim Frühstück, und es passiert eher selten, dass wir uns darüber streiten, wer welchen Teil der Sonntagszeitung kriegt."

Als ihm klar wurde, welche Rückschlüsse solche Aussagen auf seine Einstellung zu menschlichen Paarbeziehungen zulassen könnten, strich er sie aus seinem Gesprächsrepertoire und antwortete nur mehr mit einem kargen "Warum denn nicht".
Auch Mumble bekommt das Problem jener Haustiere, die von ihren wohlmeinenden Besitzern zu viel gefüttert werden. Aber gerade Raubvögel sollten immer noch Platz im Magen haben. Deswegen wiegen Falkner ihre Tiere täglich, um den optimalen Hungerzustand für die Jagd zu bestimmen. Als einmal ein vermeintlicher Tierfreund in die Voliere eindringt, um den "armen" Greifvogel zu befreien, stirbt der Waldkauz vor Aufregung an einem Herzinfarkt.
Windrows Schilderung, wie er den Verlust bewältigt, gehört neben Marie von Ebner-Eschenbachs Erzählung "Krambambuli" (1884) über einen Jagdhund zu den berührendsten literarischen Texten über die Beziehung zwischen Mensch und Tier.
Ganz großes Kino zwischen zwei Buchdeckeln.

Peter Iwaniewicz in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 39)


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