Verteilungskampf

Warum Deutschland immer ungleicher wird
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Kurzbeschreibung des Verlags:

"Wohlstand für alle" – das ist seit Ludwig Erhard das Credo der deutschen Politik. Doch Deutschland ist an seinem Ideal gescheitert: In unserer Marktwirtschaft wird mit gezinkten Karten gespielt. In kaum einem Industrieland herrscht eine so hohe Ungleichheit – in Bezug auf Einkommen, Vermögen und Chancen. Die Investitionen sinken, die Abhängigkeit vom Staat nimmt zu, die soziale Teilhabe nimmt ab. Der Verteilungskampf wird härter. Verantwortlich dafür ist primär die hohe Chancenungleichheit, die Menschen davon abhält, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Fratzscher zeigt, wie die Politik die Chance der Zuwanderungswelle nutzen kann und was sie tun muss, um die Spaltung der Gesellschaft abzuwenden.

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FALTER-Rezension

Der „Superstar-Effekt“

Wenn Ungleichheit zur Gefahr für die Demokratie wird. Eine deutsche Bestandsaufnahme

M arcel Fratzscher ist seit 2013 Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), des größten deutschen Wirtschaftsforschungsinstituts. Heuer veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel „Verteilungskampf“. Das Buch stieß auf große Medienresonanz und schaffte es auch zur Titelstory des Spiegel.
Fratzscher handelt in seinem Buch die Verteilungsthematik am Beispiel Deutschland ab und bringt dabei zahlreiche empirische Belege dafür, dass Deutschland im europäischen Vergleich in dreifacher Hinsicht „Spitzenreiter“ ist: Deutschland weist die größte Ungleichheit der Verteilung der Vermögen in Europa auf: Das oberste Prozent besitzt 30 bis 35 Prozent des Gesamtvermögens, die untersten 40 Prozent besitzen de facto kein Vermögen.
Die Ungleichheit der Markteinkommen ist in Deutschland ebenso gravierend; und letztlich zeigt sich auch im Bildungssystem wenig Chancengleichheit. „Nirgendwo schaffen weniger Kinder den sozialen Aufstieg. Nirgendwo gehen weniger Arbeiterkinder zur Universität. Nirgendwo verbleibt Reichtum so oft über Generationen hinweg in denselben Familien. Nirgendwo bleibt Arm so oft arm und Reich so oft reich“, schreibt Fratzscher.
Die Folgen: reduziertes Wachstum, verschärfte Armut, Beeinträchtigung der Gesundheit, geringe politische Teilhabe und eine größere Abhängigkeit von staatlichen Leistungen.
Fratzscher hält fest, dass „Ungleichheit dann zum sozialen Problem wird, wenn sie Chancen und soziale Teilhabe einschränkt. Wenn sie dann noch die politische Teilhabe reduziert, wird sie zur Gefahr für die Demokratie selbst.“ Maßnahmen im Bildungs­bereich, insbesondere im vorschulischen, seien daher von zentraler Bedeutung, da diese den weiteren Lebensweg bestimmten. Dabei brächten sie immer eine „Doppel­dividende“ – sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft – mit sich.

Monopolsituationen im Netz
Zur Herleitung wirksamer wirtschafts- und sozialpolitischer Implikationen ist die Analyse der Ursachen der Verteilungsungleichheit zentral.
Dabei ist Fratzscher eher konventionell: Die Globalisierung solle aus Verteilungssicht nicht prinzipiell als negativ eingeschätzt werden, da Deutschland durch die Handels- und Kapitalverkehrsliberalisierung „zu den größten Profiteuren gehört“.
Für Deutschland sieht Fratzscher die Globalisierung sogar als „Versicherung gegen Krisen im eigenen Land“. Dies, so muss angemerkt werden, kann jedoch nicht für alle Volkswirtschaften der EU gelten. Denn dem Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands stehen zahlreiche Länder mit entsprechend negativer Bilanz gegenüber.
Von der Digitalisierung können vor allem qualifizierte Arbeitnehmer profitieren, wodurch eine Einkommensspreizung unterstützt wird. Fratzscher erwähnt auch den sogenannten „Superstar-Effekt“: dass nämlich Netzwerkeffekte auf der Nachfrage­seite (je mehr Nutzer mit ein und demselben Netz arbeiten, desto besser für alle Nutzer) rasch zu einer De-facto-Monopol­situation führen können, wie Google, Apple und Face­book anschaulich zeigen.
Der Economist fasste die Situation vor kurzem wie folgt zusammen: „The superstar effect is particularly marked in the know­ledge economy. In Silicon Valley a handful of giants are enjoying market shares­ and profit margins not seen since the robber barons in the late 19th century.“


Rolle des Staates
Die Analyse zur Ertragslage der Unternehmen fehlt im Buch zur Gänze. Die funktionelle Dimension der Verteilung wird weitestgehend ausgeblendet: Die Verteilung von Arbeits- und Kapitaleinkommen wird kaum thematisiert.
Empirische Befunde dieser Art wären aber zentral, um ein Verständnis für die durch „Globalisierung“ und Digitalisierung entstandenen „Balanceverschiebungen­“ zwischen den Interessen von multinationalen­ Unternehmen, Arbeitnehmern und staatlichen Instanzen gewinnen zu können.
Nicht ganz widerspruchsfrei ist Fratzschers Charakterisierung der Rolle des Staates. Während er in der Einleitung schreibt, dass „der deutsche Staat die Ungleichheit durch Umverteilung wenig oder ineffizient mindert“, zeigt er nur fünf Seiten danach, dass der deutsche Staat über Steuern und Transfers einen umfangreichen Ausgleich der ungleichen Markteinkommen schafft und zusätzlich über nicht-finanzielle Leistungen im Bildungs-, Gesundheits- und Wohnungsbereich zu den unteren Einkommen hin umverteilt.
Eine letzte Anmerkung zu diesem anregenden Buch: Fratzscher argumentiert, dass Ungleichheit in den Markteinkommen auch als Anreiz für Risiken und unternehmerischen Erfolg diene und „wir uns (daher) weniger auf die Spitze der Einkommens- und Vermögenspyramide konzentrieren sollten. Das wirkliche Drama spielt sich bei den 40 Prozent am unteren Ende der Einkommens- und Vermögensverteilung ab.“

Rückschlüsse auf Österreich
Diese Schlussfolgerung ist erstaunlich, beginnt doch das Buch mit der fiktiven Geschichte von Lena und Paul, die in prototypischer Weise die sehr unterschiedlichen sozialen und ökonomischen Lebensläufe von zwei Kindern mit unterschiedlicher sozialer Herkunft darstellt.
Über die Zusammenhänge dieser beiden Schicksale kann sich jeder selbst bei der Lektüre ein Bild machen. Die alte Brecht-Parabel gilt jedenfalls: „Reicher Mann und armer Mann standen da und sahn sich an. Und der Arme sagte bleich: ‚Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.‘“
Weil die Ungleichheiten, die Österreich prägen, den deutschen sehr ähnlich sind, ist dieses Buch am Ende dann doch empfehlenswert.

Wilfried Altzinger in Falter 47/2016 vom 25.11.2016 (S. 20)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446444652
Erscheinungsdatum 14.03.2016
Umfang 264 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl
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