Das Ende der Gewalt
Analyse des Menschheitsverhängnisses. Erkundungen zu Mimesis und Gewalt mit Jean-Michel Oughourlian und Guy Lefort

von René Girard, Ralf Miggelbrink

€ 22,70
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Übersetzung: Elisabeth Mainberger-Ruh
Verlag: Verlag Herder
Format: Hardcover
Genre: Religion, Theologie/Allgemeines, Lexika
Umfang: 520 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.06.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Gewalt, die sich als Religion hervorbringt

Religion: René Girard hat schon vor 30 Jahren eine schlüssige Theorie zur Gewalt der Religionen vorgelegt

Seit Voltaire wird Religion in der öffentlichen Diskussion gerne als etwas Sekundäres, um nicht zu sagen Parasitäres angesehen, von Mächtigen oder Ideologen erfunden zum Zwecke des Ausbaus oder der Rechtfertigung von Herrschaft und Unterdrückung, zur Not unter Verwendung von Gewalt. Dass Religion und Gewalt in einem Zusammenhang stehen, scheint heute offenbar, über die genaue Natur bzw. die Ursache dieser Verbindung herrscht allerdings alles andere als Einigkeit. Dient Religion nicht, wie beflissene (Kirchen-)Politiker und politisch korrekte (freilich oft selbst nicht gläubige) Medienmacher gerne behaupten, vielmehr der Herstellung von Moral und somit der Kontrolle von Gewalt? Also dem Frieden, dem sich die großen Weltreligionen alle irgendwie verschrieben haben? Doch woher rührt dann die Gewalt der Religiösen – von den unrühmlichen Kapiteln der Geschichte des Christentums bis zu den Selbstmordattentätern im Namen Allahs?
Eine der stringentesten Erklärungen dieser anscheinend paradoxen Verbindung hat vor gut drei Jahrzehnten ein französischer Gelehrter vorgelegt, der von der Literaturwissenschaft über die Ethnologie zur Anthropologie kam und dort zu seinem Lebensthema fand, der Religionstheorie. Bekannt wurde René Girard in den 70er-Jahren mit seiner Studie "Das Heilige und die Gewalt" (frz.: 1972, dt.: 1987), ein Jahrzehnt später legte er mit einem Buch nach, das einen zentralen Begriff seiner Theorie zum Titel macht: "Der Sündenbock" (frz.: 1982, dt.: 1988). Denn der Sündenbockmechanismus stand nach Girard am Anfang von Religion und gleichzeitig von Sprache und Kultur – Religion stellt somit mitnichten etwas Nachträgliches, Aufgepfropftes dar, das man nur entfernen muss, um zum (eigentlich friedlichen) Naturzustand zurückzukehren, sondern den gewalttätigen Ursprung von Kultur, ja der Menschwerdung überhaupt.

Den Schlüssel zu dieser Universaltheorie, die Girard selbst "mimetische Theorie" nennt, da in ihr die Nachahmungsfähigkeit des Menschen eine entscheidende Rolle spielt, fand er in den Mythen nicht nur des europäischen Kulturkreises, die nach ihm Erzählungen über die gewalttätige Ausstoßung eines Sündenbocks aus der Perspektive der Täter sind, weswegen in den Mythen die Gewalt stets verschleiert und dem Sündenbock die Schuld zugeschrieben wird. Aus ihnen filtrierte Girard den "mimetischen Zyklus", der die Rivalitäten innerhalb von (früh-)menschlichen Gruppen beschreibt, die aus der Tatsache entstehen, dass das intensive, unstillbare menschliche Begehren auf Nachahmung beruht – das heißt, das zu begehren, was der andere begehrt bzw. besitzt. Ohne kulturelle Regelungen müssen diese Rivalitäten von Zeit zu Zeit notwendigerweise eskalieren und einen Zyklus von Gewalt in Gang setzen, der in einer Krise der sozialen Ordnung kulminiert, die durch die unwillkürliche Zusammenrottung aller gegen ein willkürlich ausgewähltes, unschuldiges Opfer wiederhergestellt wird.
Da dieser kollektive, ekstatische, in blinder Erregung vollzogene Lynchmord der Gesellschaft einen unverhofften Frieden bringt, wird das Opfer im Nachhinein zum Gott erhoben. Auf diese Weise sind, so Girard, nicht nur die Religionen, sondern aus diesen auch alle menschlichen Institutionen entstanden. Da der so erlangte Frieden aufgrund von neu ausbrechenden Rivalitäten nicht von Dauer war, versuchte die archaische Gemeinschaft durch die Entwicklung von Ritualen den ersten Tötungsakt kontrolliert an einem stellvertretenden Opfer zu wiederholen, um dessen wundersame Wirkung zu erneuern – und durch das Aufstellen von Verboten Verhaltensweisen zu vermeiden, die eine neuerliche Eskalation von Gewalt befördern konnten.
"Die Kultur entspringt nicht direkt der Versöhnung, die auf den Opferakt folgt, sondern dem zweifachen Imperativ von Verbot und Ritual, das heißt der um der Krisenvermeidung willen nun vollständig vereinten Gemeinschaft", heißt es in "Das Ende der Gewalt", einem von Girards grundlegenden Werken, das bereits 1978 erschienen ist und nun erstmals in vollständiger deutscher Übersetzung vorliegt. In diesem Missing Link zwischen den beiden schon erwähnten Bänden diskutiert Girard die bereits vollständig ausgereifte mimetische Theorie auf 500 dichten Seiten mit dem Psychiatrieprofessor Jean-Michel Oughourlian und dem Arzt Guy Lefort. Obwohl sich der glänzende Stilist und unbarmherzige Aufklärer Girard auch sonst einer glasklaren Argumentation befleißigt, stellt sich der Gesprächscharakter des Buchs (das nicht wie die alte Übersetzung die Parts der beiden Mitdiskutanten einfach ausspart) dabei als Gewinn für die Lektüre heraus, denn mögliche Einwände sowie damals bereits vorliegende Kritik werden so gewinnbringend in die Darstellung eingebunden.

Das paradoxe Verhältnis von Religion und Gewalt bringt Girard auf die Formel: "Das Religiöse ist nichts anderes als diese immense Anstrengung zur Erhaltung des Friedens. Das Heilige ist Gewalt, aber wenn das Religiöse die Gewalt verehrt, dann stets deshalb, weil sie als friedensbringend gilt."
Tatsächlich ist es beeindruckend, welche Lebensbereiche die mimetische Theorie abzudecken und wie viel bisher scheinbar Unzusammenhängendes sie in einem neuen Licht erscheinen zu lassen vermag: kollektive Gewalt, Verbote und Rituale, die Haustierhaltung, das sakrale Königtum und die Monarchie, das Inzestverbot, die Sprache und das Theater, die "Vorbildwirkung" der Werbung (in der ja meistens nicht nur das Produkt gezeigt wird, sondern ein Mensch, der damit glücklich geworden ist) und die Globalisierung – kurz: die ganze Palette des erschreckenden und paradoxen Verhaltens der Spezies Mensch.
Obwohl diese "Anthropologie des Religiösen", eine "radikal soziologische Lesart aller geschichtlichen Formen von Transzendenz", wie Girard sie selbst nennt, in keinem Widerspruch zur Evolutionstheorie steht und die Religion, um mit Kant zu sprechen, "innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" betrachtet, hat sie sich an Teile der katholischen Theologie als anschlussfähig erwiesen – sicher mit ein Grund, warum sie in intellektuellen Kreisen weniger stark rezipiert wurde. So wie die Tatsache, dass sie zur Konversion des ehemaligen Agnostikers Girard geführt hat.
Im zweiten Teil entwickelt Girard seine zweite Hauptthese – nämlich, dass sich die "jüdisch-christliche Schrift" fundamental von archaischen Religionen unterscheidet, weil sie historisch zum ersten Mal offenlegt, was die Mythen verschleiern. Die "anthropologische Leistung des Evangeliumstextes" liegt in der bereits im Alten Testament vorbereiteten "Offenlegung des Gründungsmechanismus" aller menschlichen Kultur – der Herstellung des Friedens auf Kosten eines unschuldigen Opfers. Und das hat die Welt verändert, ob sie es will oder nicht, ob sie es wahrnimmt oder nicht, denn: "Die Befähigung des Opfermechanismus, Heiliges zu produzieren, gründet (…) auf der Verkennung dieses Mechanismus."
Natürlich muss sich diese Lesart des Christentums, die die Bibel unter dem Aspekt von Begehren und Psychologie, ihre Offenbarungskraft unter anthropologischem Aspekt betrachtet, in wesentlichen Teilen von jener der Amtskirche unterscheiden. Nicht nur Erbsünde, Erlösung und Apokalypse erhalten eine neue Bedeutung. Die von Girard vorgeschlagene nichtsakrifizielle Lesart der Passion steht auch im Gegensatz zu 2000 Jahren Kirchengeschichte, die Girard als historischen Irrtum ansieht, der letztlich verantwortlich war für die Gewalt, die die Geschichte des real existierenden Christentums ja bekanntlich hervorgebracht hat.

In Girards Interpretation der Evangelien ist Jesus nicht von Gott geopfert worden – sondern gegen alle Opferakte gestorben. Und hat damit zumindest in unserer Kultur die weitere Herstellung von Heiligem durch Gewalt unterbunden. In dem darauffolgenden entmythologisierten Zeitalter gibt es keine versöhnenden Opfer mehr – mit weitreichenden Implikationen. "Ohne sakrifizielle Mittlerinstanzen müssen sich die Menschen auf immer und ewig miteinander versöhnen oder sie finden sich mit dem baldigen Aussterben der Menschheit statt", formuliert Girard im Jahr 1978 angesichts von Atombombe, weltweitem Wettrüsten und zunehmender Umweltzerstörung.
Im letzten Teil legt Girard eine "interdividuelle Psychologie" und eine profunde kritische Auseinandersetzung mit Sigmund Freud vor, dessen Annahmen teilweise aufgegriffen, aber entscheidend modifiziert werden. Als Einführung in sein Denken sei jedoch eher die Studie aus dem Jahr 2005 empfohlen: "Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz" – auch weil hier die mimetische Theorie erhellend auf Phänomene der Jetztzeit angewandt wird wie die Enthierarchisierung, Wettbewerbsorientierung und Globalisierung der Gesellschaft, die dem mimetischen Begehren und seinen gewalttätigen Implikationen ungebremst Nahrung verschaffen. Der mimetische Prozess spielt sich nicht mehr in aller Öffentlichkeit ab, er beherrscht nun unterschwellig die Beziehungen. Und die Medien mit ihrer Gier, überall Opfer zu finden – und der in ihnen gespiegelten kollektiven Sucht, selbst Opfer zu sein.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 35)


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