Frauen für den Dschihad
Das Manifest der IS-Kämpferinnen

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Verlag Herder
Genre: Sozialwissenschaften
Erscheinungsdatum: 21.07.2015


Rezension aus FALTER 36/2015

Wir holen dich da raus! Frauen für den Dschihad

Wie der „Islamische Staat“ Mädchen aus dem Westen zu sich lockt: Ein kommentiertes Originaldokument

Es ist nicht leicht zu begreifen, was in Khahdiza S., Amira A. und Shamima B. vorging, als sie eines Nachmittags im Februar heimlich ihre Sachen packten, um in den „Islamischen Staat“ abzuhauen. Ein Reporterteam der New York Times hat es dennoch versucht und das Leben der drei 15-Jährigen jüngst in einer umfassenden Recherche nachgezeichnet. Wir lernen da Khadiza als aufgeweckte Schülerin kennen, die in Bethnal Green, im Londoner Osten, in behüteten Familienverhältnissen aufwuchs. Bis vor einem halben Jahr tanzte sie noch Zumba, liebte die TV-Serie „The Princess Diaries“ und wollte Ärztin werden. Amira war eine ehrgeizige Sportlerin und glänzte bei einem Redewettbewerb mit einem Referat über die Rechte muslimischer Frauen. Shamima hingegen war eher verträumt.
Heute sind sie drei von geschätzten 550 westlichen Mädchen und Frauen, die sich dem Krieg des IS angeschlossen haben. Sie sind mit Kämpfern verheiratet, die ebenfalls im Westen aufgewachsen sind, und leben wahrscheinlich in Raqqa. Es heißt, man habe ihnen verschiedene Männer zum Aussuchen vorgestellt. In seltenen Twitter-Konversationen mit ihrer Schwester sagt Khadiza, sie wolle immer noch Ärztin werden; auch in Raqqa gebe es eine medizinische Schule. Das blau-weiße Logo des IS-Gesundheitsdienstes ist jenem des britischen „National Health Service“ nachempfunden. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass Khadiza, Amira und Shamima mit ihrem Leben unzufrieden wären oder bald zurückkämen.
Um genauer zu verstehen, was hier vorgeht, liegt nun ein wichtiges Dokument vor, im arabischen Original mit deutscher Übersetzung, kommentiert von der islamischen Theologin Hamideh Mohagheghi. Es heißt „Die Frau im Islamischen Staat“ und ist das Manifest der Brigade al-Hansa (auch al-Khansaa genannt). Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Sittenwächterinnen samt eigener Propagandaabteilung, die auf IS-Territorium dafür zuständig sind, unislamisches Verhalten zu denunzieren oder gleich selbst zu bestrafen.
Der Text ist eine Art ideologische Standortbestimmung – und gleichzeitig ein Lockruf, zugeschnitten auf Teenager in ähnlichen Lebenssituationen wie Khadiza, Amira und Shamima. Eltern, Geschwister, Nachbarn, Lehrerinnen und Sozialarbeiter, die mit solchen Kids zu tun haben, tun gut daran, es zu lesen, wenn sie zu ihren Schützlingen inhaltlich vordringen wollen. Doch auch für alle anderen ist es hilfreich, sich auf die seltsam verdrehte, blumige Sprache einzulassen, um an einer der schrecklichsten weltpolitischen Kampffronten etwas klarer zu sehen.
„Ich habe das Gefühl, ich gehöre nicht in dieses Zeitalter“, twitterte Amira neun Tage vor ihrem Verschwinden. Genau in diesem Zustand wird sie von den al-Khansaa-Ideologinnen abgeholt. Ausführlich beschreibt das Manifest den „Irrweg, dem Generationen von Muslimen seit Jahrzehnten folgen“: ein Leben, angepasst an den „tyrannischen Kapitalismus“. „Die westliche Kolonialmacht schaffte es, ihre schmutzige Kultur und ihr materialistisches, atheistisches Ideengut überall unter den Muslimen zu verbreiten“. Damit, heißt es, „verschwand auch die wirkliche muslimische Gesellschaft“.
Nun jedoch, in den „befreiten Gebieten“ Syriens und des Iraks, existiere erstmals ein Ort für einen beinahe paradiesischen Daseinszustand: nämlich „frei von Zweifeln“ zu sein.
Klarheit, Eindeutigkeit und die Aufhebung aller Widersprüche verspricht man auch für das Geschlechterverhältnis. „Das Frauenmodell des ungläubigen Westens, das die Frauen aus dem Band des Heimes entfesselte, zeigte sein Scheitern. Und ohne Unterbrechung folgten Probleme auf Probleme“, heißt es. „Sie haben die Töchter Adams aus dem Inneren ihres Heimes und aus den Armen ihrer Ehemänner herausgerissen, um sie in die Flammen eines anstrengenden und mühevollen Arbeitens zu schicken.“ Mit dem Ergebnis: „Wenn die Rollen durcheinanderkommen und die Aufgaben durcheinandergeraten ... so bebt die Basis der Gesellschaft, ihre Grundlagen wanken und ihre Struktur bricht zusammen.“
Inhaltlich ist diese Klage nicht sehr weit weg von dem, was bei uns CSU oder FPÖ formulieren. Im Gegensatz zu diesen kann der IS jedoch ein Territorium anbieten, wo der Genderwahn ein Ende hat und „eine Frau wieder eine Frau sein kann“: Sich auf die Tugenden „Sesshaftigkeit, Ruhe und Beständigkeit“ besinnen, sich „der Führung des Mannes fügen“. „Sie hat es nicht nötig, hin und her zuspringen, um Zeugnisse und Auszeichnungen zu bekommen, denn sie braucht nicht zu beweisen, dass ihre Klugheit die des Mannes übertrifft.“ Das Haus verlassen darf sie allenfalls als Ärztin oder Lehrerin für andere Musliminnen – oder wenn es der Dschihad verlangt und an der Front Männermangel herrscht.
Musliminnen, die theologisch sattelfest sind, werden in diesem Text wohl unzählige Widersprüche finden. „Diese dämonische Ideologie setzt weitgehend alle Prinzipien außer Kraft, für die der Prophet Muhammad mit dem Qu’ran und seiner Lebensweise gekämpft hat“, schreibt Mohagheghi. Sie sieht hier ein Islambild am Werk, das „zu einer gewalttätigen Fratze verzerrt“ ist, und hält es für dringend notwendig, dass Muslime gegen die IS-Terroristen auch „theologischen Widerstand“ leisten.
Für verschleierte, suchende, pubertierende Teenagermädchen in westlichen Metropolen liegt die Verlockung jedoch wahrscheinlich in einem viel schlichteren Aspekt: Dass das ständige Herumirren, An-sich-Zweifeln, Schief-angeschaut-Werden und Sich-erklären-Müssen irgendwann, irgendwo einfach aufhören könnten. „Der Muslim ist eine besondere Person“, sagt ihnen dieses Manifest schlicht. „Ihr gehört zu uns und wir zu euch.“

Sibylle Hamann in FALTER 36/2015 vom 04.09.2015 (S. 20)


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