Verschollen am Mount Everest
Dem Geheimnis von George Mallory auf der Spur; zahlr. SW-Abb.

von Conrad Anker, David Roberts, Michael Windgassen

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Heyne
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 50/1999

Gipfel der Fragen

Vor 75 Jahren starben George Mallory und Andrew Irvine bei der versuchten Erstbesteigung des Mount Everest. Im Mai dieses Jahres wurde Mallorys Leiche entdeckt - von der man sich die Lösung eines der größten alpinistischen Rätsel erhoffte.

Der 1. Mai dieses Jahres war für die fünf Männer ein ungewöhnlicher Arbeitstag: An der Nordflanke des Mount Everest, auf rund 8200 Meter Höhe, sollten sie nach den Überresten eines toten Bergsteigers suchen, der seit 75 Jahren dort oben lag. Bereits nach 90 Minuten wurde einer von ihnen fündig: Der US-amerikanische Bergsteiger Conrad Anker entdeckte im Geröll einen Körper, an dem noch wollene Kleidungsreste sowie ein alter Nagelschuh hingen.

Wie sich bald herausstellen sollte, hatte man die Leiche George Mallorys gefunden, des großen Mythos vom Mount Everest. Wenige Stunden später war der Sensationsfund via Internet rund um den Globus bekannt; mehrere Medien hatten die Suchexpedition mitfinanziert. Im Zentrum der weltweiten Berichterstattung stand sofort wieder die eine Frage: Hatte der Brite vor seinem Tod - und damit knapp dreißig Jahre vor Edmund Hillary und Tensing Norgay - den Gipfel des Mount Everst erreicht oder nicht?

"Weil er da ist." Das war Mallorys legendäre Antwort auf die Reporterfrage, warum er den Mount Everest unbedingt bezwingen wollte. Tatsächlich war der Engländer vom höchsten Berg der Welt, dessen Höhe seit neuestem mit 8850 Metern angegeben wird, mehr als nur besessen: 1921 war er Mitglied der ersten Erkundungsmission; ein Jahr später endete ein Besteigungsversuch katastrophal: Sieben Sherpas fanden als Folge von Mallorys Risikobereitschaft den Tod.

Zwei Jahre später startet Mallory zum dritten Mal, mit mehr Erfahrung und besserer Ausrüstung: Am 8. Juni bricht er mit dem erst 22-jährigen Andrew Irvine vom Lager VI auf rund 8200 Meter Höhe zum finalen Gipfelsturm auf. Ein letztes Mal noch werden sie von Noel Edward Odell beobachtet, als sich für wenige Minuten die Sicht aufklart: Von seinem Standplatz auf rund 8000 Meter Höhe erkennt Odell, wie seine Gefährten "die vorspringende Felsstufe in kurzer Entfernung vom Fuß der Gipfelpyramide" überwinden und schätzt, dass sie noch drei Stunden bis ganz nach oben brauchen würden ...

Alles Weitere ist und bleibt Spekulation, wie auch eine vergleichende Lektüre von vier neuen Büchern über die Suche nach Mallory zeigt. Denn alle vier kommen zu unterschiedlichen Lösungen des Everest-Rätsels. Am sichersten ist sich Reinhold Messner, der in seinem literarisch ambitionierten Werk davon ausgeht, dass Mallory am Second Step, einer Felsstufe auf rund 8600 Meter Höhe, gescheitert sein musste.

Conrad Anker, der die Leiche Mallorys am 1. Mai fand, hat diese zweite Stufe wenige Tage später ohne technische Hilfsmittel überwunden, d.h. unter Umgehung einer Alu-Leiter, die eine chinesische Expedition 1974 dort installiert hatte. Anker hielt es unmittelbar danach für möglich, dass auch Mallory den Second Step frei geklettert sein könnte. In seinem Bericht - dem vielleicht gelungensten unter den vier Neuerscheinungen - packen dann aber auch ihn ernste Zweifel.

Die meisten Indizien haben Jochen Helmleb & Co. in ihrem Buch zusammengetragen - jenes Team, das auch die Suchaktion initiiert hatte. Sie kommen zu vier möglichen Szenarien; zwei davon schließen die Erstbesteigung mit ein. Doch auch sie sind sich im Klaren, dass wohl nur der Film jener Kamera Klarheit schaffen könnte, die von den beiden Gipfelstürmern 1924 mitgetragen, 1999 aber (noch) nicht gefunden wurde.

Der mitgereiste BBC-Mann Peter Firstbrook allerdings zweifelt in seiner Darstellung selbst an dieser Beweismöglichkeit: Denn wenn Mallory den Gipfel tatsächlich erreicht haben sollte, dann nicht mehr bei Tageslicht. Die Lösung des Everest-Rätsels bleibt damit wohl für immer im Dunklen.

Klaus Taschwer in FALTER 50/1999 vom 17.12.1999 (S. 76)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Mallorys zweiter Tod (Reinhold Messner)
Die Geister des Mount Everest (Jochen Hemmleb, Larry A. Johnson, Eric R. Simonson, Hainer Kober)
Verschollen am Mount Everest (Peter Firstbrook, Martin A. Baltes)

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