Nackt

von David Sedaris

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Heyne
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 5/1999

Wenn der Pizzabote klopft

David Sedaris ist ein Versager. Also schrieb er ein ziemlich komisches Buch über sich und seine Familie: "Nackt" wurde ein Bestseller und erscheint dieser Tage auf Deutsch.

Wenn meine Mutter einkaufen ging, lungerte ich oft vor dem Laden herum. Ich hoffte, wohlhabende Eheleute würden mich in ihren Kofferraum stopfen."

Glaubt man den autobiografischen Geschichten, die in dem Band "Nackt" versammelt sind, dann wuchs David Sedaris in mäßig wohlhabenden Verhältnissen auf: "Anstatt ihren sozialen Status zu verbessern, zog sie es vor, Kinder auszuscheiden, jedes noch dreckiger als das davor", ist da über die Mutter des Ich-Erzählers zu lesen, und wenn die Äußerungen, die ihr in den Mund gelegt werden, einigermaßen authentisch sind, dann stand Mutter Sedaris ihrem Sohn in puncto Sarkasmus in nichts nach. Am Grabe ihrer Schwiegermutter etwa merkt sie ihren Kindern gegenüber - es wurden übrigens alles in allem sechs - trocken an: "Wenn ich so werde, möchte ich, daß ihr mich erschießt. Ohne Fragen zu stellen." Tatsächlich weicht die resolute, schlagfertige und offenbar auch ziemlich rauch- und trinkfreudige Frau selbst angesichts ihres bevorstehenden Krebstodes jeder Anwandlung von Gefühligkeit aus. Wenn der Sohn ihr per Telefon seine Liebe erklärt, so wird er mit liebevollem Tadel zurechtgewiesen: "Es war unsauber, so etwas zu jemandem zu sagen, es sei denn, man wollte Geld oder ins Bett. Das hatte unsere Mutter uns beigebracht, als wir nicht größer waren als Partyfäßchen."

In den USA war "Nackt" ein Bestseller. Kein Wunder, wartet das Buch doch mit zahlreichen komischen, mitunter auch berührenden Episoden auf und versorgt den Leser darüber hinaus mit so manchem, jederzeit mit Gewinn an den Mann oder die Frau zu bringenden Satz, z.B. diesem hier: "Sie sehen aus, als könnte ich einen Drink gebrauchen."

"Nackt" könnte ein Entwicklungsroman sein. Allerdings ist weder von Roman noch von Entwicklung viel zu sehen. Statt dessen serviert uns Sedaris eine Abfolge von 17 lose aneinandergereihten Geschichten, die alle für sich gelesen werden können und außer durch die handelnden Personen und durch den ironischen, anekdotischen Erzählstil durch keinen roten Faden miteinander verbunden sind. Der Zwangsneurotiker, der Stufen küssen und Lichtschalter abschlecken muß, erahnt im Ferienlager die eigene Homosexualität, kämpft verzweifelt und vergeblich gegen diese an, fährt in Begleitung einer an den Rollstuhl gefesselten Freundin (die sich im Schutze ihrer Behinderung als Ladendiebin betätigt) durch die USA, verdingt sich als Pfleger, Jadeschnitzer, Apfelpflücker und Abbeizer. Er hat keinen Führerschein, kennt Computer nur vom Abstauben und ist ein dermaßen konfliktscheues Weichei, daß er den Diebstahl seines Co-Abbeizers deckt, indem er das fehlende Geld aus eigener Tasche ersetzen will: "Läge die Sicherheit Amerikas in meinen Händen, gingen wir alle in Sackleinen und wienerten jedem Invasor die Stiefel, der das Wort ,Buh!' aussprechen konnte."

"Ich war einfach ein Versager", erzählt Sedaris im Gespräch und belegt das auf eindrucksvolle Weise: "Ich habe bei Macy's als Kobold von Santa Claus gearbeitet; als einer von Hunderten von Kobolden im Samtkostüm - das qualifiziert einen ja wohl hinreichend als Versager. Es ist so ziemlich die Definition von Versager." Also schrieb Sedaris eine Geschichte über die Erfahrungen als Kobold und veröffentlichte sie in seinem ersten, ziemlich erfolgreichen Buch "Barrel Fever". Sollte er sonst keine Arbeit bekommen - momentan schreibt er an Geschichten für eine Lesereise, die ihn im Herbst durch 22 Städte der USA führen wird -, würde er halt wieder nach New York gehen und bei einer Reinigungsfirma arbeiten. Das habe er gern gemacht.

Derzeit wohnt Sedaris mit seinem Freund in Paris und versucht, endlich Französisch zu lernen. Täglich besucht er eine Sprachschule. 17 Stunden habe er am Wochenende gebraucht, um seine Hausübungen zu machen. Kein Wunder also, daß Sedaris wenig Freizeit hat. Die Wohnung verlasse er hauptsächlich, um "erniedrigende Geschichten" zu sammeln, die er dann vielleicht literarisch verwerten kann. Manchmal ist aber nicht einmal das nötig. Erst unlängst habe jemand an die Tür geklopft. Beim Öffnen stellte sich heraus, daß es der Pizza-Bote war. Sedaris geriet in Panik und zahlte. Er hatte keine Pizza bestellt. Also aß er sie auch nicht, versteckte bloß den Karton.

Auch sein Vater pflege Essen zu verstecken, referiert Sedaris den Stoff für eine neue Geschichte. "Dabei gibt es dafür gar keinen Grund, denn er lebt alleine." Der heute 75jährige war das einzige Familienmitglied, das von der Lektüre des Manuskripts und der damit verbundenen Einspruchsmöglichkeit absah, es sich erst nach Erscheinen auf Tonband anhörte und mit der Darstellung seiner verstorbenen Frau zunächst wenig einverstanden war: "Er ist der Typ, der sich erinnert: ,Jeden Morgen saß meine Mutter mit einem breiten Lächeln am Frühstückstisch' - niemand würde einem so was abkaufen."

Es ist echt schwierig für mich, die Wahrheit zu sagen", gesteht Sedaris. Niemals könne er als Journalist arbeiten. Für eine Reportage recherchierte er zehn Tage lang in einem Leichenschauhaus - und hielt sich strikt an die Tatsachen. "Es wäre viel interessanter gewesen, wenn ich wenigstens ein bißchen gelogen hätte." Bei "Nackt" habe er sich aber an die Fakten gehalten, sich lediglich bei den Dialogen Freiheiten herausgenommen: "Niemand erinnert sich nach 20 Jahren daran, was genau damals gesprochen wurde."

"Nackt" entstand aus Geschichten, die Sedaris fürs Radio geschrieben hatte, wobei die Titelgeschichte zuallerletzt geschrieben wurde: "Ich habe noch nie über jemanden in einer Nudistenkolonie gelesen. Also erzählte ich meinem Verleger, daß es darum gehen würde, und kriegte den Vorschuß. Ich hasse es, nackt zu sein, also zögerte ich es immer wieder hinaus. Schließlich suchte ich in letzter Minute die Nudistenkolonie auf. Dort habe ich auch die Geschichte über den Tod meiner Mutter in die Endfassung gebracht, was am schwierigsten war, weil ich nicht wollte, daß es zu sentimental würde. Ich war völlig nackt, als ich sie schließlich niederschrieb. Das hat mir unglaublich geholfen. Nachdem ich schon nackt war, schien es mir sinnlos, noch irgend etwas verbergen zu wollen."

Klaus Nüchtern in FALTER 5/1999 vom 05.02.1999 (S. 61)


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