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Verlag: Heyne
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 10/2000

"Wenn ich an Purpurschatten denke! Im Vergleich dazu ist der jüngste Kommissar Wilton Literatur." "Wirklich haarsträubend", sekundiert die Nachbarin, "und unglaublich spekulativ." "Es schrammt, dass es Freude macht, wenn das Leben des Fotojournalisten Alexander Brodka aus den Fugen gerät und in den Sog ungeheurer Verbrechen", sage ich. Schuld daran ist Purpur. Zwar liebt Brodka Farben, und als Fotograf lebt er schließlich von ihnen: "Doch auf unerklärliche Weise empfand er eine tiefe Abneigung gegen Purpur in all seinen Schattierungen, ja, er hasste diese Farbe sogar, wie man ein Empfinden nur hassen kann." Schnell schnallt der Leser, dass es sich beim Purpur ums katholische handelt, um das Purpur der Kardinäle. Nach Rom reist der Leser und hinter die Mauern des Vatikans, wo die Heilige Mafia regiert, bis zum Schluss dann doch das Gute triumphiert. "Aber der purpurrote Schutzumschlag steht jeder Bibliothek gut zu Gesicht", sagt die Nachbarin. Ich pflichte ihr bei. Das jüngste Werk von Philipp Vandenberg ist ein Muss für uns Freunde des gepflegten Schunds.Auch "Das gestohlene Siegel" von Elena Arseneva ist ein Lehrbeispiel dafür, was guter Schund kann. Es gehört in die Reihe von Taschenbüchern, wie sie die großen Verlage jetzt im Dutzend auf den Markt werfen. Es geht um Bojaren und eine griechische Heilerin und um Mönche und einen Schatz. Das Werk bezieht seine Spannung erstens aus der Fassungslosigkeit des Lesers angesichts der Tatsache, dass es nicht nur einen Verleger, sondern auch einen Übersetzer (aus dem Französischen) gefunden hat; zweitens aus der Drohung, dass es der erste Band um den Helden Artem sei, der auch in den folgenden Romanen verzwickte Fälle lösen werde; und drittens schließlich aus der Erkenntnis, dass man auch hanebüchenen Unsinn nicht aus den Händen legt, bevor man ihn nicht erledigt hat. "Außerdem habe ich die Geschichte des Schatzes kennen gelernt, genauso spannend wie die Legende des verfluchten Ortes. Auch Ihr, Bojar, sollt Euch in der kurzen Zeit, die Euch noch bleibt, eine zutreffende Vorstellung davon machen können!" "In die Bibliothek", schränkt die Nachbarin ein, "würd' ichs allerdings nur stellen, weil es als Geschenk nicht brauchbar ist."Da ist Stephen King wirklich ein anderes Kaliber. "Atlantis" heißt sein jüngster Roman. Und er verspricht dem Leser eine Dramaturgie des Schreckens: Was diesen Leser während so ungefähr zwei Dritteln des Wälzers in der Erwartung hält, das Buch könnte auf irgendetwas Spannendes hinauslaufen, bis er schließlich akzeptiert, dass er einem Etikettenschwindel aufgesessen ist. "Die oberste Schublade enthält ein Sammelalbum und ein Paar Stiefel. Er nimmt das Sammelalbum heraus und betrachtet einen Moment lang den roten Ledereinband. Auf der Vorderseite ist in abblätterndem Gold das Wort ERINNERUNGEN aufgedruckt. Es ist ein billiges Ding, das Buch. Er könnte sich ein besseres leisten, aber man hat nicht immer ein Recht auf das, was man sich leisten kann." Tatsächlich? Jedenfalls handelt es sich bei "Atlantis" weder um einen Schocker noch um einen Thriller, sondern um die Vergangenheitsbewältigung eines Altachtundsechzigers, den man in üblicher Manier über Vietnam und Flower Power und Woodstock räsonieren hört. Es ist zu hoffen, dass King sein Nicht-so-wirklich-an-der-Revolution-teilgenommen-haben-aber-am-Ruhm-doch-gerne-mitnasche n-wollen das nächste Mal mit einem Psychiater bespricht, weil dann nämlich King und nicht der Leser zahlt. "Trotzdem", verteidigt ihn die Nachbarin, "das Buch ist empfehlenswert, weil es einen Genremeister dabei ertappt, wie er Literatur gebären will." Und einen gewaltigen Schrecken kann sich der Leser dann doch noch gönnen: Wenn er zuschaut, wie das teure Buch in der Badewanne ersäuft.

Christoph Braendle in FALTER 10/2000 vom 10.03.2000 (S. 61)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Das gestohlene Siegel (Elena Arsenev, Elisabeth Anselm)
Purpurschatten (Philipp Vandenberg)

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