Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen
99 Sudelblätter zu 99 Sudelsprüchen

von Robert Gernhardt

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Heyne
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 8/1999

Kartoffelauferstehung

200 Jahre nach seinem Tod ist Georg Christoph Lichtenbergs Werk immer noch subversiv witzig und gerne auch mal schlüpfrig.

Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung." Dieser Spruch stammt nicht von einem Kolonialismuskritiker des 20. Jahrhunderts, sondern von einem Physikprofessor des 18. Außerdem ist es kein Spruch, sondern ein Aphorismus und als solcher Literatur. Und weil Georg Christoph Lichtenberg der Meister dieser Gattung ist, erscheint anläßlich seines 200. Todestag am 24. Februar so manche Werkauswahl. Robert Gernhardt hat gleich zwei von ihm selbst illustrierte Sammlungen herausgegeben: "Krokodile im Stadtgraben" und "Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen". Gernhardt und Lichtenberg sind ein köstliches Gespann. Dem Mitbegründer der Satirezeitschrift Titanic gelingt es, die Sudelsprüche des Aufklärers kongenial ins Bild zu setzen, dessen Witz in die Gegenwart zu transponieren. Neben Spießern, Engeln, Teufeln und der halben Arche Noah kommt in seinen Zeichnungen auch die Knollenfrucht zu ihrem Recht: Lichtenbergs Satz "Da liegen nun die Kartoffeln und schlafen ihrer Auferstehung entgegen" interpretiert Gernhardt als Traum der Erdäpfel vom künftigen Pommes-frites-Dasein.

Geistige Beweglichkeit ist angesagt. Der Aphorismus ist weniger ein Scherz als ein Erkenntnisinstrument. Durch die pointierte Umkehrung der Perspektive wird einem, siehe oben, der Eurozentrismus vor Augen geführt oder, siehe unten, der eigene Standesdünkel: "Wenn er Rezensionen schreibt, habe ich mir sagen lassen, soll er allemal die heftigsten Erektionen haben." Richtig, die über 8000 erhaltenen Sudelsprüche waren nie zur Veröffentlichung vorgesehen, nur gedankliche Vorarbeiten zu all den Werken, die Lichtenberg nie geschrieben hat. So entstand während 35 Jahren ein Hauptwerk, das erst nach Lichtenbergs Tod entdeckt wurde und diesen bald in den Rang eines Klassikers erhob.

Aber auch zu Lebzeiten war Lichtenberg schon eine Berühmtheit - als Experimentalphysiker. Gemäß der Devise, pardon, des Aphorismus "Ein Versuch, der knallt, ist allemal mehr wert als ein stiller" lockte er halb Göttingen in seine funkensprühenden und höchst explosiven Vorlesungen. Naturwissenschaftler und Schriftsteller lassen sich aber nicht auseinanderdividieren, beide verbindet die Skepsis gegenüber dem bestehenden Wissen und die Freude an der Entdeckung des Neuen, sprich: "Man muß mit Ideen experimentiren."

Oliver Hochadel in FALTER 8/1999 vom 26.02.1999 (S. 69)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Krokodile im Stadtgraben (Georg Christoph Lichtenberg)
Gewitzte Aufklärung (Georg Christoph Lichtenberg, Christine Brückner)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb