Angst und Schrecken im Wahlkampf

von Hunter S. Thompson

€ 12,40
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Übersetzung: Teja Schwaner
Verlag: Heyne
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 576 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.09.2008

Rezension aus FALTER 43/2008

Die Wahrheit übers Lügen

Am 4. November wird ein neuer US-Präsident gewählt. Ein mediales Dauerthema ist die Suche nach einem Nachfolger von George W. Bush schon, seit vor fast einem Jahr die Vorwahlen beider Parteien begannen. Zuletzt kam es einem so vor, als wäre das Interesse bereits wieder etwas abgeflaut. Das Duell Barack Obama gegen John McCain reißt weniger mit, als es noch Obamas Kampf gegen Hillary Clinton tat. Zeitungen, Internet und Fernsehen sind zwar randvoll mit Berichterstattung, doch stimmt diese großteils darin überein, dass der demokratische Kandidat kaum noch zu schlagen sein wird.
Schade, dass Hunter S. Thompson (1937–2005) sich an diesem Punkt nicht mehr mit originellen Worten zur Lage der Nation einklinken kann. Dafür wurden gerade fulminante Reportagen des Gonzo-Journalisten aus der Präsidentschaftsrallye 1972 aufgelegt: "Angst und Schrecken im Wahlkampf", für die sich der große Freigeist ein ganzes Jahr lang vom Rolling Stone als Wahlkampfredakteur einspannen ließ.

Es war nicht die erste Berührung des Kultautors mit der Politik. 1970 hatte er selbst in Aspen für das Amt des Sheriffs kandidiert – und war trotz eines Programms, das die Legalisierung sämtlicher Drogen und die Umbenennung der Stadt in Fat City vorsah, nur knapp gescheitert. Er hatte sich am Ende sogar eine Glatze geschoren, um den Bürstenschnitt tragenden republikanischen Amtsinhaber als "langhaarigen Hippie" diffamieren zu können.
Im Wahljahr 1972, das einen triumphalen Erfolg von Präsident Nixon gegen den demokratischen Herausforderer George McGovern bringen sollte, heftete sich Dr. Gonzo bereits hellsichtig an McGoverns Fersen, als dieser noch als aussichtsloser Kandidat im Vorwahlkampf galt. Wunderbar gelingt es ihm in seinen Schilderungen aus Hotellobbys und Flugzeugen, "sozusagen live die Realität einer unglaublich unbeständigen Präsidentschaftskampagne zu dokumentieren, beobachtet aus dem Auge des Hurrikans", wie er selbst im Vorwort schreibt.
Die Ereignisse im Lager der Demokraten gleichen in Thompsons Schilderungen einer mutwilligen Selbstzerfleischung. Da kriegt auch der Reporter manchmal den Blues: "Nur ein Irrer würde sich auf einen solchen Job einlassen: 23 Vorwahlen in fünf Monaten; sturzbetrunken von morgens bis abends und die Kopfhaut voller Speed-Pusteln. Wo liegt der Sinn? Ist Licht am Ende des Tunnels?"
Thompsons Interesse an der Politik, ihren Prozessen und Ritualen wirkt bisweilen masochistisch, ist jedoch tief gefühlt. "Man wird zum Wahljunkie", schreibt er. "Politik beschert Adrenalinstöße ohne Ende und ein höllisches High, besonders wenn man gewinnt, aber auch schon, wenn man nur die Chance wittert, gewinnen zu können." Mitunter greift der Reporter auch zu unkonventionellen Methoden, schaut sich ein Footballspiel an, um sich in den Kopf des Football-Narren Nixon hineinzuversetzen, oder verschreckt junge Republikaner mit Gerüchten, ihre Senatoren seien auf LSD.
Im Kern ist "Angst und Schrecken im Wahlkampf" trotz lustiger Mätzchen ein um Wahrheit ringendes und zutiefst moralisches Buch, das vom Niedergang des amerikanischen Traums handelt – und von der Frage, ob in Berufspolitikern noch ein Fünkchen Ehrlichkeit und Integrität Platz hat. Dass Thompson wenige Wochen vor der Wahl kollabierte und ein Rolling Stone-Redakteur die letzten Kapitel des Buches aus ihm rausinterviewen musste, sollte als Antwort genügen.

28 Jahre später machte sich mit David Foster Wallace (1962–2008) wieder ein Autor in ähnlicher Mission für das US-Musikmagazin auf. Der postmoderne Erzähler begleitete John McCain einige Wochen in seinem Wahlkampfbus, dem "Straight Talk Express", und versuchte dabei die Frage zu beantworten: "Is John McCain for real?" Ja, kann er es überhaupt sein, in einer Zeit der totalen Durchinszenierung von Politik?
Der Vietnam-Veteran galt bei seinem ersten Anlauf um die republikanische Kandidatur tatsächlich als erfrischende Abwechslung zum US-Politikeralltag. Er machte klare Ansagen, sprach auch unangenehme Tatsachen etwa über die Wirtschaft des Landes unverblümt aus und gab darüber hi­naus das Versprechen ab, ein altruistischer Präsident sein zu wollen.
Wenn man den solcherart por­trätierten McCain mit dem Negativ-Wahlkämpfer von heute vergleicht, lassen sich nur mehr wenige Gemeinsamkeiten feststellen. Politik ist ein grausames Geschäft, zumal im US-Wahlkampf. Und sie übt auf den, der sie genau beobachtet, eine perverse Faszination aus, wie die Berichte von Thompson und Wallace in zeitloser Anschaulichkeit vermitteln.

Sebastian Fasthuber in FALTER 43/2008 vom 24.10.2008 (S. 34)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

McCain's Promise (David Foster Wallace)

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