Die Tochter des türkischen Diplomaten

von Deniz Goran, Tamara Rapp, Friedrich Mader

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Heyne
Erscheinungsdatum: 01.10.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Eine Diplomatentochter begibt sich ins Feuchtgebiet

Das Mädchen macht sich Sorgen um seine Muschi. Es geht das erste Mal zur Gynäkologin und analysiert gleich deren sexuelle Präferenzen. "Die ist sicher lesbisch. Und selbst wenn nicht, irgendwas stimmt doch bei der garantiert nicht. Warum würde sie sonst den Rest ihres Lebens in Muschis starren wollen?"
Die Ich-Erzählerin spricht explizit über Sex und treibt es gerne mit Seemännern, Regisseuren oder Prinzen. "Die Tochter des türkischen Diplomaten" ist ein typisches Buch aus dem beliebten Genre Frauen-auf-der-Suche-nach-ihrer-Sexualität – mit einer interessanten Facette: Die Heldin ist eine junge Muslima.
Die Eskapaden der Türkin ordnen sich in die Reihe von Büchern selbstbewusster Autorinnen ein, die weibliche Erotik offen beschreiben, wie es zuletzt Charlotte Roche witzig-spekulativ mit "Feuchtgebiete" getan hat. Deniz Goran, 33, bekommt alleine durch ihre Herkunft die Aufmerksamkeit von Boulevard und Feuilleton.
Eine freizügige, säkulare Türkin, die wechselnde Partner hat, wie unerhört! Geld, Gier, Macht, Freiheit – nach diesem Motto lebt sie in Rom, Istanbul, London. Ihr erstes Buch sei keine Autobiografie, erklärt die Autorin, sondern nur vom realen Leben "inspiriert" worden. Die launige Geschichte hat sie sicherheitshalber unter Pseudonym geschrieben, doch seit die großen türkischen Zeitungen ihr auf die Spur kamen, steht sie zu ihrer Identität: Selin Tamtekin ist die Tochter eines bekannten türkischen Diplomaten, lebt in London und arbeitet in einer Galerie.
In der Türkei gibt es ein Riesentheater um das gewagte Buch. Für mitteleuropäische Leser ist der Roman spannend, weil er ein ungewohntes Bild abseits des Klischees von der türkischen Frau zeigt: eine, die kein Kopftuch trägt, die nicht unterdrückt und zwangsverheiratet wird.
Das Buch beschreibt stattdessen die Abgründe der türkischen Oberschicht, ihre Dekadenz und Scheinheiligkeit – alles, um einen offenen Umgang mit Sexualität in der Gesellschaft zu unterdrücken. Tamtekin deckt diese Verlogenheit auf. "Der weibliche Salman Rushdi", wie sie manche jetzt nennen, ist sie allerdings nicht. Eher die Charlotte Roche für Türken.

Julia Ortner in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 9)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb