Nichts als die Wahrheit

von Katja Kessler, Dieter Bohlen

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Heyne
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 50/2002

Dieter Bohlens Lebensaufzeichnungen sind die Trash-Lektüre des Jahres.

"Ich beschloss: Nie wieder ein Song für die
Kritikerloge. Ab jetzt nur noch für die Ränge
und das Parkett." (Dieter Bohlen)

Sein Erfolg als Musiker und Produzent ist eines der großen Mysterien unserer Zeit. Mit rund fünfhundert Millionen verkauften Tonträgern ist Dieter Bohlen der kommerziell erfolgreichste deutsche Komponist aller Zeiten. Wobei das Wort "Komponist" natürlich ein Hohn ist, schließlich bedient sich Bohlens Fließbandfertigung musikalisch wie textlich seit Jahr und Tag der selben Handvoll an Ideen. "Magier" wäre wohl passender - schließlich ist Bohlen unerreicht in der hohen Kunst des Scheiße-in-Gold-Verwandelns: fünfhundert Millionen in weniger als zwanzig Jahren!!! Elvis Presley benötigte für die doppelte Menge beinahe ein halbes Jahrhundert.

Ungleich verständlicher ist die in den letzten Wochen allerorts grassierende Begeisterung für Bohlens ausgewählte Lebenserinnerungen, die von der Bild-Klatschkolumnistin Katja Kessler mit dem entsprechenden sprachlichen Drive versehen wurden. Seiner eigentlichen Klientel bietet Bohlen mit "Nichts als die Wahrheit" eine ausgeschmückte Zusammenfassung all der in unzähligen Talkshows und Illustriertenartikeln ausgeschlachteten Skandale und Skandälchen der letzten Jahre. Darüber hinaus übt Bohlen, der sich hier ganz unverhohlen als sexistischer, homophober und kleinkarierter Kotzbrocken präsentiert, aber gerade auch außerhalb seines Publikums einen schon fast ans Pathologische grenzenden Reiz aus.

So verlagerte etwa Martin Krauss die Kritik an Bohlens widerlicher Welt in seiner Buchrezension für die linke Berliner Wochenzeitung Jungle World auf die Metaebene, indem er Bohlens unglaubliche - und nicht selten beeindruckend blauäugige - Ansagen mit feministischer Theorie und philosophischen Grundsatzfragen zur Kollision bringt. Denn der Hardcore-Proll Bohlen, dessen Welt einzig aus (schönen) Frauen und (möglichst viel) Geld besteht, ist in seiner faszinierenden Egomanie eigentlich über jegliche seriöse Kritik erhaben. Und so erzählt er unter anderem die unpackbare Geschichte von Aufstieg, Fall und Comeback der Band Modern Talking, von seiner Arbeit mit den unterschiedlichsten Stars und Sternchen, Verona, Naddel und all seinen Affären, seiner Freundschaft zu Michail Gorbatschow, den beiden dubiosen Genitalfrakturen ("Wenn das noch mal passiert, Herr Bohlen, dann wirds schwierig, dann müssen wir Ihnen da einen Reißverschluss reinnähen", so der Pimmeldoktor Professor Huland).

Zwischendurch streut Bohlen grundlegende Erkenntnisse über die Menschen im Allgemeinen und jene Frauen im Speziellen ein, die sich seinem diskreten Charme nicht entziehen konnten - wenn dabei gelegentlich auch kleine Tricks vonnöten waren: "Normalerweise trinken kleine Mädels mit kleinem Portemonnaie in der Disko nicht viel. Wenns aber umsonst zu saufen gibt, sieht das ganz anders aus: Nicht lang schnacken, Kopf im Nacken. Alle Hühner an die Tränke. Tuck, tuck, tuck! Schluck, schluck, schluck! Und einige Hennen finden eine neue Stange, auf der sie sitzen können."

Trotz der eben zitierten Passage ist dieses Buch nicht etwa so schlecht, dass es schon wieder gut wäre, sondern vielmehr so gut, dass man es einfach nicht schlecht finden kann. Keine Satire wäre auch nur annähernd so unterhaltsam wie die in realistischer Prosa niedergeschriebene Wahrheit des Gesamtkunstwerks Dieter Bohlen.

Gerhard Stöger in FALTER 50/2002 vom 13.12.2002 (S. 70)


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