SACHBUCH-BESTENLISTE März 2019

Identität
Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet

von Francis Fukuyama

€ 22,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Bernd Rullkötter
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 05.02.2019

Rezension aus FALTER 7/2019

Die Bürde der Würde

Francis Fukuyama kritisiert die linke wie die rechte Identitätspolitik und warnt vor der Verabschiedung des Nationalstaates

Kaum ein Intellektueller ist im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert so oft und nachhaltig abgewatscht worden wie Francis Fukuyama für seine These vom „Ende der Geschichte“. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatte der US-Politologe den endgültigen Sieg der liberalen Demokratie marktwirtschaftlicher Prägung prophezeit, der nun die kommunistische Konkurrenz abhandengekommen sei. Er habe damit keineswegs die Stillstellung jeglicher geschichtlicher Dynamik behaupten, sondern lediglich seiner Überzeugung Ausdruck verleihen wollen, dass die Geschichte nicht in die klassenlose Gesellschaft des Kommunismus, sondern „in eine Form kapitalistischer, liberaler Demokratie“ münden würde.

Als Fukuyama dies vor knapp drei Jahren in einem Interview mit der Zeit noch einmal beteuerte, hielt er die Wahl Hillary Clintons für wahrscheinlich, aber keineswegs für ausgemacht: „Man traut Hillary Clinton nicht. Es könnte gelingen, sie zu diskreditieren.“ Genau so ist es bekanntlich auch gekommen, und Fukuyama widmet dem Ereignis den ersten Satz seiner jüngsten Publikation: „Dieses Buch wäre nicht geschrieben worden, hätte man Donald J. Trump nicht im November 2016 zum Präsidenten gewählt.“

„Identität“ ist im Herbst vorigen Jahres im amerikanischen Original („Identity“) und soeben auf Deutsch erschienen. Wo der Untertitel in der Übersetzung erklärt, „Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet“, ist im Original von „The Demand for Dignity and the Politics of Resentment“ die Rede. Der Unterschied ist deswegen bedeutsam, weil die Pointe von Fukuyamas Kritik darin besteht, dass die Einforderung der Würde im Rahmen einer aus dem Ruder gelaufenen Identitätspolitik letztendlich in eine Politik der Verächtlichkeit umschlägt, die das Fundament der Demokratie selbst untergräbt. Der liberalen Demokratie, wie man ergänzen muss, denn diese ist entgegen der landläufigen Meinung eben kein Pleonasmus. Es gibt nämlich – da hat Viktor Orbán völlig recht – auch Formen illiberaler Demokratie, in der der Souverän des Volkes beschließt oder zulässt, dass liberale Grundwerte wie Minderheiten-, Bürger- und Menschenrechte oder das Prinzip der Gewaltenteilung eingeschränkt oder gar abgeschafft werden.

Orbán und andere Rechtspopulisten à la Kaczyński, Erdoğan, Trump & Co reagieren auf die Verwerfungen und Verunsicherungen der Globalisierung mit dem Rückgriff auf ein ethnisch, religiös oder kulturell definiertes Konzept von Identität, das als gegeben und unveränderlich imaginiert wird: hier die „wahren“ Ungarn, Polen, Türken, Amerikaner oder Österreicher, dort die Kräfte, die diese zu korrumpieren, unterwandern und überfremden trachten: Migranten, liberale Eliten, die Vertreter eines eth(n)ischen Relativismus, welche die Substanz „unseres“ Erbguts, „unserer“ Kultur und Werte aufs Spiel setzen.

Um die aktuellen politischen Konflikte zu erklären, verfolgt Fukuyama die Genese des modernen Subjekts zurück bis zur Reformation und zur Aufklärung, zu Martin Luther und Jean-Jacques Rousseau. Von ihnen stamme nämlich das Konzept eines inneren Selbst, das der Vermittlung durch kirchliche respektive gesellschaftliche Institutionen nicht mehr bedürfe, ja gerade durch diese in seiner Authentizität bedroht werde. Allein durch seinen Glauben regelt bei Luther der Christenmensch seine Beziehung zu Gott und gewinnt eine binäre Freiheit, nämlich die, sich für oder gegen Gott zu entscheiden. „Die Möglichkeit, sich zum Hinduismus oder Buddhismus zu bekennen oder sich als schwul oder lesbisch zu outen, existiert nicht“, schreibt Fukuyama.

In der Folge kommt es – Fukuyama nennt die Philosophen Kant und Hegel als die entscheidenden weiteren Stationen – zu jener „Demokratisierung und Universalisierung der Würde“, die zunächst einmal einen ungeheuren Gewinn an verbürgten Freiheiten bringt. Die athenische Demokratie war bekanntlich die einer Sklavenhaltergesellschaft und schloss die Mehrheit der Bevölkerung, darunter alle Frauen, aus. Vor der Ratifizierung der US-Verfassung im Jahr 1788 besaßen nur weiße, männliche Grundbesitzer volle politische Rechte, die dann – gegen erhebliche und auch gewalttätige Widerstände – auf andere Bevölkerungsgruppen ausgeweitet wurden.

Während der Begriff der „Würde“ in der US-amerikanischen Verfassung nicht vorkommt, bezeichnet das deutsche Grundgesetz „die Würde des Menschen“ als „unantastbar“, und auch die südafrikanische Verfassung hält an einem unabdingbaren „Recht auf Würde“ fest. Eine präzise Definition dessen, was darunter zu verstehen sei, bleibt allerdings aus, und „kaum ein Politiker der westlichen Welt könnte“, so Fukuyama, „im Zweifelsfall ihre theoretischen Grundlagen erklären“.

Wenn also die „Kalifornische Taskforce zur Förderung von Selbstachtung und persönlicher Verantwortung“ in ihrem von Fukuyama als jüngeres Beispiel für die Demokratisierung von Würde zitierten Bericht von 1990 festhält, dass jede Person „von einzigartiger Wichtigkeit“ sei, einfach „weil ihr das kostbare und mysteriöse Geschenk des Lebens als Mensch gewährt worden ist“, stellt sich die Frage, wie ein solcher Anspruch politisch geltend gemacht beziehungsweise durchgesetzt werden kann.

Erhoben wird er allemal. Sich missachtet, gekränkt und nicht hinreichend respektvoll behandelt zu fühlen ist zur mächtigsten Waffe in den politischen Auseinandersetzungen der Gegenwart geworden. Und sie wird längst nicht nur von immer enger definierten Minderheiten, sondern mittlerweile auch von Bevölkerungsgruppen erhoben, die der Mehrheit angehören oder zumindest den Anspruch stellen, dies zu tun – gerne mit dem Gestus, das „wahre Volk“ zu vertreten.

Das ermöglicht es auch einem misogynen Multimilliardär wie Donald Trump, als Repräsentant der kleinen Leute und der „normalen“ Bürgerinnen und Bürger aufzutreten, die sich von Einwanderern und Eliten an den Rand gedrängt wähnen.

Die liberalen Clinton-Wähler kommen dennoch aus dem Kopfschütteln so wenig heraus wie die britischen Brexit-Gegner ob des unvernünftigen, den eigenen ökonomischen Interessen zuwiderhandelnden Verhaltens der Menschen, die für den Austritt gestimmt haben.

Dieses Unverständnis wurzelt in einer Fiktion klassischer Wirtschaftstheorien, nämlich dass Menschen rational agieren und auf Vermehrung ihres Vermögens programmiert sind – eine Annahme, die von Francis Fukuyama massiv in Zweifel gezogen wird: „In Wirklichkeit benötigen wir eine Theorie, die erklärt, weshalb manche Menschen nach Geld und Sicherheit trachten, während andere bereit sind, für eine Sache zu sterben, oder Zeit und Geld aufwenden, um ihre Mitbürger zu unterstützen. Die Aussage, dass Mutter Teresa und ein Hedgefonds-Manager jeweils schlicht ihre Nützlichkeit maximieren, lässt einen wichtigen Teil ihrer Motivation außer Acht.“

Tatsächlich übersehen jene, die materielle Interessen als mächtigstes Motiv menschlichen Handelns begreifen, dass es eine viel härtere Währung gibt: Identität. Menschen, die sich ignoriert oder missachtet fühlen, werden depressiv oder wütend. Damit erklärt auch die Wiener Philosophin Isolde Charim, die hier ähnlich argumentiert wie Fukuyama, den Erfolg populistischer „Bewegungen“ und den Niedergang klassischer Volksparteien.

Wenn Letztere die Gefühle ihrer Klientel nicht mehr zu mobilisieren und einzuhegen vermögen, breche eine ganze Gefühlsökonomie zusammen. Der zum historischen Akteur gewordene Wutbürger steht Charim zufolge für „die Reprivatisierung der politischen Emotion“, und jemand wie Donald Trump wäre dann wohl so jemand wie ein politischer Kredithai.

Angenehm uneitel und unpolemisch geschrieben, stellt „Identität“ eine überaus anregende Lektüre dar. Die bis in die Antike und zu Platons „Staat“ zurückreichenden Ausflüge in die Geschichte des abendländischen Denkens sind kein beschwerlicher akademischer Ballast, sondern knapp und luzide gehalten, das Gleiche gilt für die zahlreichen, doch nie aufdringlichen, aber präzise befußnoteten Zitate und Literaturverweise.

Fukuyamas Kritik an der linken Identitätspolitik erinnert stark an jene, die der Philosoph Richard Rorty (1931–2007) bereits Ende des vergangenen Jahrtausends in seinem Buch „Stolz auf unser Land“ geleistet hat. Beide sind bekennende Liberale – Rorty ist darüber hinaus auch ein dezidierter Linker –, beide stoßen sich an der Auflösung einer an Umverteilung und Wohlfahrt orientierten Politik in identitätspolitische Kulturkämpfe und am „Verrat“ der Linken an der Arbeiterklasse.

„Statt Solidarität mit breiten Bevölkerungsschichten wie der Arbeiterschaft oder wirtschaftlich Ausgebeuteten herzustellen“, so Fukuyama, konzentriere sich die zeitgenössische Linke „auf immer kleinere Gruppen, die auf spezifische Weise marginalisiert werden. (…) Das Prinzip der universalen Anerkennung ist zu einer speziellen Anerkennung einzelner Gruppen mutiert.“ Und noch eines verbindet die beiden Landsleute: Sowohl Fukuyama als auch Rorty sind davon überzeugt, dass man den Patriotismus nicht den Rechten überlassen darf.

Zustimmend zitiert Fukuyama den republikanischen Abgeordneten Ben Sasse, der die rassistischen Unite-the-White-Umzüge von Charlottesville als „unamerikanisch“ gebrandmarkt und darauf hingewiesen hat, dass für Neonazismus in „unserer Bekenntnisnation“ kein Platz sei. Zugleich kritisiert er den Multikulturalismus der Linken dafür, dass dieser die Integration – sowohl als Problem als auch als anzustrebendes Ziel – schlechterdings ignoriert habe: „Es gilt, nationale Bekenntnisidentitäten auf den Gründungsideen der modernen liberalen Demokratie zu errichten und Neuankömmlinge mit politischer Hilfe zielstrebig zu assimilieren. Die liberale Demokratie hat ihre eigene Kultur, und diese muss höher eingestuft werden als Kulturen, die demokratische Werte ablehnen.“

Und ähnlich, wie das unlängst die deutsche Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann getan hat, als sie dem Nationalstaat „optimale Betriebsgröße“ attestierte, um den Fortbestand liberaler Demokratien zu garantieren, hält auch Fukuyama die vorschnelle Verabschiedung des Nationalstaates für einen Irrtum.

Zum einen habe bislang noch niemand eine brauchbare Methode gefunden, transnationale Körperschaften (wie etwa die EU) demokratisch zur Rechenschaft zu ziehen; zum anderen seien historisch gewachsene Nationalstaaten der geeignete Rahmen, um ein demokratisches und liberales Gemeinwesen herzustellen: „Folglich wird die Ordnung im In- und Ausland von der andauernden Existenz liberaler Demokratien mit je einer notwendigen, das heißt inklusiven, nationalen Identität abhängen.“ Man wird die Lektüre dieses Buches also auch Robert Menasse empfehlen dürfen.

Klaus Nüchtern in FALTER 7/2019 vom 15.02.2019 (S. 16)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb