Das Mädchen

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:



"Das beeindruckende Zeugnis eines universell menschlichen, über alle Grenzen hinausgehenden Mitgefühls." Neue Zürcher Zeitung


"Ein unbedingt lesenswertes Buch." Frankfurter Rundschau


Wie ihre Mitschülerinnen wurde Maryam von Boko-Haram-Kämpfern aus ihrer nigerianischen Schule an einen ihnen unbekannten Ort entführt. Mit ihrer Freundin Buki übersteht sie die höllische Gefangenschaft und gemeinsam gelingt ihnen die Flucht. Mit  »tiefer, unverbrüchlicher Empathie« (Richard Ford) erzählt Edna O'Brien von einem langen Weg zurück ins Leben, von unvermuteter Hilfsbereitschaft und Mitgefühl. Den kriegerischen Wirren setzt sie die Schönheit der Natur entgegen und gibt der traumatisierten Seele ihre Würde zurück. Aber ist für Maryam überhaupt eine Heimkehr möglich, gibt es doch dort, wo sie einmal zuhause war, keine Sprache für das, was sie durchlebt hat?
Für ihren kunstvollen, mutigen Roman hat Edna O'Brien in den letzten Jahren Nigeria bereist und das Schicksal der entführten Mädchen eingehend recherchiert. Es ist ein Buch über ihr Lebensthema: Gewalt gegen Frauen und deren Fähigkeit, diese wieder und wieder zu überwinden. Gewidmet ist es den Müttern und Töchtern Nordostnigerias. Das Mädchen ist Weltliteratur.

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FALTER-Rezension

Ein Händchen für Mädchen

Die Irin Edna O’Brien leiht ihre Stimme einem von der nigerianischen Boko Haram entführten jungen Frau

Mädchen liegen Edna O’Brien am Herzen. Die 1930 geborene irische Autorin begründete ihren Ruhm mit ihrem Debütroman „The Countrygirls“ aus dem Jahr 1960 (dt.: „Die Fünfzehnjährigen“). Er handelt von den ungleichen Freundinnen Caithleen und Baba, die in der Provinz aufwachsen, vom katholischen Internat fliegen und schließlich in die Hauptstadt Dublin ziehen. Aufgrund einer freizügigen Szene, bei der es nicht einmal zu sexuellen Handlungen kommt, wurde das Buch verboten und einige Exemplare sogar verbrannt.

O’Brien ließ sich davon nicht be­irren und setzte die Geschichte der beiden mit „Das Mädchen mit den grünen Augen“ (1962) und „Mädchen im Eheglück“ (1964) fort, allesamt Klassiker der irischen Literatur. Ihre anhaltende Frische ist vor allem der Stimme der Ich-Erzählerin Caithleen zu verdanken, die mit einer ungezähmten und poetischen Wildheit berichtet: von der Gewalttätigkeit des Vaters ebenso wie von den ersten zarten Liebeserfahrungen mit einem älteren Mann.

Im Dezember dieses Jahres feiert die Grande Dame der irischen Gegenwartsliteratur und Trägerin des Order of the British Empire ihren 90. Geburtstag – aber ihr Engagement für die Freiheit und Selbstbestimmung junger Frauen scheint ungebrochen. Trotz ihres hohen Alters hat O’Brien mehrere Reisen nach Nigeria unternommen, um das Schicksal der von der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram entführten Mädchen für einen neuen Roman zu recherchieren – ein nicht nur persönlich, sondern auch künstlerisch riskantes Unterfangen. „Das Mädchen“ lautet sein schlichter Titel, „Ich war einmal ein Mädchen, aber ich bin es nicht mehr“ sein lapidarer erster Satz.

Maryam – etwa so alt wie Caithleen in „The Countrygirls“ – wird mit der Entführung durch „die Sekte“, als die sie Boko Haram bezeichnet, hart in das Erwachsenenleben und eine Kriegsrealität gestoßen, in der die Rechte von Frauen nichtig sind. Die Gräuel von Gefangenschaft, Massenvergewaltigungen und einer erzwungenen Ehe, die nach dem vorherigen Leid beinahe wie eine Befreiung wirkt, werden sachlich und knapp erzählt.

Da engagierte Literatur mitunter zum Kitsch neigt oder sich der Moralkeule bedient, steht sie im Ruch literarischer Minderwertigkeit. Dennoch ist O’Brien das Risiko eingegangen, aus der Ich-Perspektive der Protagonistin zu erzählen – und bewegt sich mit schlafwandlerischer Sicherheit auf diesem schmalen Grat.

Fragt man sich zu Beginn noch, ob ein so junges, traumatisiertes Mädchen ein derartiges Verbalisierungsvermögen besitzen könnte, erliegt man nach und nach der Suggestionskraft der Erzählerin: „Er sprach nicht. Seine Macht lag in seinem Schweigen und diesem ekelhaften Stieren. Als er sich auf mich legte, war es, als würde eine schwarze Plane über mich geworfen, eine Schwärze, die mich unter sich begrub und alles andere aussperrte. (…) Meinen Freundinnen in den Zellen neben meiner widerfuhr das Gleiche, aber keine schrie. Stumm wie Leichen. (…) Jenseits des Fensters nahm das Massengrab seine Portion Morgentau in sich auf, und ich wünschte, auch ich wäre gestorben.“

Bei einem Beschuss des Camps gelingt Maryam, mittlerweile Mutter eines kleinen Mädchens namens Babby, zusammen mit ihrer Freundin Buki die Flucht.

Die letzten zwei Drittel des Romans handeln von Maryams Kampf ums Überleben, der Rückkehr in die Gesellschaft und von der Beziehung zu ihrer Tochter, für die sie nur schwer Gefühle aufzubringen vermag.

Die Menschen, denen Maryam begegnet, berichten ihre Schicksale ebenfalls aus der Ich-Perspektive – und bekommen so eine Stimme verliehen. Durch sie gewinnt der Roman an Breite. Und obwohl es für Maryam keine Rückkehr in ihr altes Leben gibt, endet der Roman versöhnlich. Edna O’Briens Kunst besteht darin, der Geschichte durch ihre immer noch vitale poetische Kraft große Dringlichkeit zu verleihen und sie auf eine allgemeingültige Ebene zu heben: in das Reich der Literatur.

Kirstin Breitenfellner in Falter 11/2020 vom 13.03.2020 (S. 8)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783455008265
Erscheinungsdatum 04.03.2020
Umfang 256 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Hoffmann und Campe
Übersetzung Kathrin Razum
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