Das Mädchen
Roman

von Edna O'Brien

€ 23,70
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Übersetzung: Kathrin Razum
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.03.2020


Rezension aus FALTER 11/2020

Ein Händchen für Mädchen

Die Irin Edna O’Brien leiht ihre Stimme einem von der nigerianischen Boko Haram entführten jungen Frau



Mädchen liegen Edna O’Brien am Herzen. Die 1930 geborene irische Autorin begründete ihren Ruhm mit ihrem Debütroman „The Countrygirls“ aus dem Jahr 1960 (dt.: „Die Fünfzehnjährigen“). Er handelt von den ungleichen Freundinnen Caithleen und Baba, die in der Provinz aufwachsen, vom katholischen Internat fliegen und schließlich in die Hauptstadt Dublin ziehen. Aufgrund einer freizügigen Szene, bei der es nicht einmal zu sexuellen Handlungen kommt, wurde das Buch verboten und einige Exemplare sogar verbrannt.



O’Brien ließ sich davon nicht be­irren und setzte die Geschichte der beiden mit „Das Mädchen mit den grünen Augen“ (1962) und „Mädchen im Eheglück“ (1964) fort, allesamt Klassiker der irischen Literatur. Ihre anhaltende Frische ist vor allem der Stimme der Ich-Erzählerin Caithleen zu verdanken, die mit einer ungezähmten und poetischen Wildheit berichtet: von der Gewalttätigkeit des Vaters ebenso wie von den ersten zarten Liebeserfahrungen mit einem älteren Mann.



Im Dezember dieses Jahres feiert die Grande Dame der irischen Gegenwartsliteratur und Trägerin des Order of the British Empire ihren 90. Geburtstag – aber ihr Engagement für die Freiheit und Selbstbestimmung junger Frauen scheint ungebrochen. Trotz ihres hohen Alters hat O’Brien mehrere Reisen nach Nigeria unternommen, um das Schicksal der von der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram entführten Mädchen für einen neuen Roman zu recherchieren – ein nicht nur persönlich, sondern auch künstlerisch riskantes Unterfangen. „Das Mädchen“ lautet sein schlichter Titel, „Ich war einmal ein Mädchen, aber ich bin es nicht mehr“ sein lapidarer erster Satz.



Maryam – etwa so alt wie Caithleen in „The Countrygirls“ – wird mit der Entführung durch „die Sekte“, als die sie Boko Haram bezeichnet, hart in das Erwachsenenleben und eine Kriegsrealität gestoßen, in der die Rechte von Frauen nichtig sind. Die Gräuel von Gefangenschaft, Massenvergewaltigungen und einer erzwungenen Ehe, die nach dem vorherigen Leid beinahe wie eine Befreiung wirkt, werden sachlich und knapp erzählt.



Da engagierte Literatur mitunter zum Kitsch neigt oder sich der Moralkeule bedient, steht sie im Ruch literarischer Minderwertigkeit. Dennoch ist O’Brien das Risiko eingegangen, aus der Ich-Perspektive der Protagonistin zu erzählen – und bewegt sich mit schlafwandlerischer Sicherheit auf diesem schmalen Grat.



Fragt man sich zu Beginn noch, ob ein so junges, traumatisiertes Mädchen ein derartiges Verbalisierungsvermögen besitzen könnte, erliegt man nach und nach der Suggestionskraft der Erzählerin: „Er sprach nicht. Seine Macht lag in seinem Schweigen und diesem ekelhaften Stieren. Als er sich auf mich legte, war es, als würde eine schwarze Plane über mich geworfen, eine Schwärze, die mich unter sich begrub und alles andere aussperrte. (…) Meinen Freundinnen in den Zellen neben meiner widerfuhr das Gleiche, aber keine schrie. Stumm wie Leichen. (…) Jenseits des Fensters nahm das Massengrab seine Portion Morgentau in sich auf, und ich wünschte, auch ich wäre gestorben.“



Bei einem Beschuss des Camps gelingt Maryam, mittlerweile Mutter eines kleinen Mädchens namens Babby, zusammen mit ihrer Freundin Buki die Flucht.



Die letzten zwei Drittel des Romans handeln von Maryams Kampf ums Überleben, der Rückkehr in die Gesellschaft und von der Beziehung zu ihrer Tochter, für die sie nur schwer Gefühle aufzubringen vermag.



Die Menschen, denen Maryam begegnet, berichten ihre Schicksale ebenfalls aus der Ich-Perspektive – und bekommen so eine Stimme verliehen. Durch sie gewinnt der Roman an Breite. Und obwohl es für Maryam keine Rückkehr in ihr altes Leben gibt, endet der Roman versöhnlich. Edna O’Briens Kunst besteht darin, der Geschichte durch ihre immer noch vitale poetische Kraft große Dringlichkeit zu verleihen und sie auf eine allgemeingültige Ebene zu heben: in das Reich der Literatur.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 11/2020 vom 13.03.2020 (S. 8)


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